Als der RAF-Terror  Oberursel erschütterte

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Autorin Corinna Ponto.

Oberursel – Bis zum 30. Juli 1977 war Oberursel ihre Heimat. Als an diesem Tag die Schüsse auf ihren Vater Jürgen Ponto fielen, zerbrach für Corinna Ponto die Idylle. Die RAF bekannte sich zu dem Mord am Chef der Dresdner Bank. Die Eltern von Susanne Albrecht, eine der Täterinnen, waren eng befreundet mit dem Opfer. Jetzt hat Corinna Ponto mit Julia Albrecht, der Schwester der Terroristin, ein Buch geschrieben. Von Julia Renner

EXTRA TIPP: Hat das Schreiben des Buches, die Kommunikation mit Julia Albrecht etwas verändert?

Corinna Ponto: Es hat sich sehr viel verändert. Wir mussten uns durch den Prozess des Schreibens sehr auf diese Zeit konzentrieren. Ich habe nicht mehr weggeschaut, sondern hingeschaut. Auch in beiden Familien hat sich einiges geändert. Und meine Vermutungen haben sich in hohem Maße bestätigt, nämlich dass es Verbindungen zwischen DDR, Stasi und RAF gab.

EXTRA TIPP: Hat Ihre Mutter Kontakt zur Mutter von Susanne und Julia?

Ponto: Die Mütter haben leise Verbindung aufgenommen. Es gibt Treffen, die anstehen.

EXTRA TIPP: Denken Sie, Susanne Albrecht liest das Buch? Wie würden Sie reagieren, wenn Albrecht vor Ihnen stehen würde?

Ponto: Ich glaube, Julia hat ihrer Schwester ein Buch geschickt. Von ihren Anwälten wurde es sehr sorgfältig gelesen. Wie ich reagieren würde, wenn ich Susanne Albrecht treffen würde? Das ist eine sehr persönliche Frage. Das kann ich schlecht sagen, man kann sich solche Dinge nicht vornehmen. Bevor sie vor mir stehen würde, müssten noch viele Worte gesagt werden.

Plötzlich gab es kein zu Hause mehr

EXTRA TIPP: Wie hat Ihre Mutter auf Ihre Nachricht reagiert, dass Sie mit der Schwester von Susanne Albrecht in Kontakt stehen?

Ponto: Ausschließlich positiv. Sie vertraut mir sehr und sie hat die Situation intuitiv genau richtig erfasst. Wir haben beide von unseren Müttern Unterstützung erhalten.

EXTRA TIPP: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es kurz nach der Tat „zu Hause nicht mehr gab“. Waren Sie je wieder in Oberursel?

Ponto: Ich war zu meiner Abifeier vor einigen Jahren dort. Es hat mich unendlich berührt, wie unverändert es zum Teil war, dass noch immer der alte Charme da war.

EXTRA TIPP: Was sagen Sie jemandem, der Sie nach Ihrer Herkunft fragt?

Ponto: Ich zähle dann mehrere Städte auf, Oberursel war nur eine Station. Wenn aber dieser Bruch nicht gewesen wäre, würde es sicher anders sein.

EXTRA TIPP: Sie kritisieren häufig den deutschen Umgang mit der RAF-Zeit, sprechen von einer fast schon glorifizierenden Sicht auf die Terroristen. Was muss sich ändern?

Ponto: Das Problem ist, dass vieles ausschließlich auf die Täter fokussiert ist. Wir wollen nicht das Rad umdrehen, wollen nicht im Fokus stehen. Aber in Filmen zum Thema gibt es keine Widmung, keine Erwähnung. Das ist weiß Gott zu wenig.

EXTRA TIPP: Gab es Zeiten, in denen Sie sich bemüht haben, möglichst „inkognito“ zu leben?

Ponto: Mein Bild kennt man erst seit einigen Jahren. Ich habe früher nie Fernsehangebote angenommen.

Weiter nachdenken über die RAF

EXTRA TIPP: Haben Sie jetzt noch, nach Abschluss des Buchprojektes, Kontakt zu Julia Albrecht?

Ponto: Ja. Wir sind derzeit massiv gefordert mit gemeinsamen Auftritten.

EXTRA TIPP: Werden Sie weiterhin zum Thema RAF recherchieren?

Ponto: Ich werde voraussichtlich nicht mehr recherchieren. Aber ich werde weiter über dieses Thema nachdenken und mit Leuten in Verbindung stehen, die weiter recherchieren.

Das Buch „Patentöchter – Im Schatten der RAF – ein Dialog“ ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 18,95 Euro.

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