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Sterbehilfe: Was ist strafbar, was erlaubt?

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Wenn das Leben zu viel wird: Aus Angst vor Leid und Schmerzen würden viele Todkranke Sterbehilfe in Anspruch nehmen. 

Region Rhein-Main – Wenn es um Sterbehilfe geht, hat jeder eine Meinung, alle wollen mitreden. Ahnung haben aber nur die wenigsten. Etwa davon, dass Ärzte mit moderner Palliativ-Medizin selbst die schwersten Schmerzen und Ängste unterdrücken können. Von Christian Reinartz 

Der Wunsch, das eigene Leben beenden zu können, wenn es gar so schlimm wird, ist für Schwerstkranke ein Rettungsanker. Ein doppelter Boden des Lebens, der eine erträgliche Landung garantiert – zumindest ist das eines der Hauptargumente der Befürworter der Sterbehilfe.

Am kommenden Donnerstag gibt es zu einem möglichen Sterbehilfegesetz im Bundestag erstmals eine Aussprache. Bis Herbst 2015 wollen die Politiker dann eine Regelung erarbeitet haben und Fakten schaffen.

Das Problem: Es ist den meisten gar nicht so klar, um was es beim Thema Sterbehilfe genau geht. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten, seinem Leben mit fremder Hilfe ein Ende zu setzen. Trotzdem wird munter drauf los diskutiert. Ein Nachrichtensender im Fernsehen fragte angesichts des Falles der an einem Hirntumor erkrankten Brittany Maynard, die sich Anfang November selbst das Leben genommen hatte gar, ob die Befragten auch für die aktive Sterbehilfe in Deutschland wären. „Da wird viel durcheinander geschmissen. Das eine hat nämlich gar nichts mit dem anderen zu tun“, sagt Angela Hörschelmann, Sprecherin des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands.

Heute können Schmerzen in den meisten Fällen mir Medikamenten unterdrückt werden

Für die Ärztin Gertrud Schneider vom Palliativ-Team Frankfurt liegt genau darin das Problem. „Da wird von Menschen Sterbehilfe gefordert, ohne dass sie überhaupt wissen, was in der modernen Palliativmedizin alles möglich ist.“ Mittlerweile sei es nämlich machbar, selbst schwerste Schmerzen oder Ängste mit Medikamenten in den allermeisten Fällen komplett zu unterdrücken. „Aber genau diese Angst vor dem Leid ist es, die Menschen zu Befürwortern der Sterbehilfe werden lässt. Dabei ist das heute völlig unnötig.“ Deswegen fordert Hörschelmann auch mehr Information für die breite Masse: „Über diese Möglichkeiten ist viel zu wenig bekannt.“ Aus diesem Grund fordere ihr Verband auch einen Ausbau der Hospiz- und Palliativ-Versorgung. „In der Praxis zeigt sich ganz deutlich, dass wenn man Menschen mit dem Wunsch nach Sterbehilfe die Möglichkeiten der Palliativmedizin zeigt, verschwindet dieser Wunsch ganz von selbst.“ Auch Schneider kennt das aus ihrer täglichen Praxis. „Viele Todkranke brauchen einfach nur die Gewissheit, im Zweifelsfall die Reißleine in Form eine palliativen Sedierung ziehen zu können. In der Regel brauchen sie die dann aber gar nicht.“

Sterbehilfe: Was ist strafbar, was erlaubt?

Indirekte Sterbehilfe:
Wenn etwa ein Arzt einem Todkranken mit dessen Einverständnis schmerzlindernde Medikamente gibt, die als Nebenwirkung den Todeseintritt beschleunigen könnten, gilt dies als indirekte Sterbehilfe. Sie ist und bleibt straffrei, weil sie den Patienten in Würde und Schmerzfreiheit sterben lässt. Ärzte dürfen die Gabe solcher Medikamente nicht einmal ablehnen, weil sie sonst laut BGH wegen Körperverletzung oder unterlassener Hilfeleistung belangt werden können.
Passive Sterbehilfe:
Passive Sterbehilfe ist der bewusste Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen bei einer tödlichen Erkrankung oder Verletzung. Dazu gehört etwa das Abschalten eines Beatmungsgerätes oder der Verzicht auf Reanimation. Das ist nur zulässig, wenn eine entsprechende Patientenverfügung vorliegt. Hält sich ein Arzt nicht an die Verfügung, begeht er eine Körperverletzung.
Aktive Sterbehilfe:
Aktive Sterbehilfe ist das direkte Töten eines Menschen, etwa durch das Spritzen einer Überdosis von Medikamenten auf eigenen Wunsch. Diese Form der Sterbehilfe gilt als Totschlag und wird mit fünf Jahren Haft und mehr bestraft. Selbst wenn der Patient seinen Wunsch zu Sterben ausdrücklich und ernsthaft verlangt hat, kann das als „Tötung auf Verlangen“ geahndet werden, was ebenfalls bis zu fünf Jahren Haft einbringt.
Hilfe zur Selbsttötung:
Die Rechtslage bei der Hilfe zur Selbsttötung ist widersprüchlich. Ein Angehöriger darf etwa einem Todkranken eine Überdosis Schlafmittel zur Verfügung stellen. Hat dieser sie jedoch genommen und wird bewusstlos, ist der Angehörige dazu verpflichtet einen Notarzt zu alarmieren. Sonst ist das unterlassene Hilfeleistung, und die kann mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden. rz

Selbstbestimmung Todkranker stärken

Eine Gruppe von SPD- und Unions-Abgeordneten um den Bundestagsvizepräsidenten Peter Hintze lehnt organisierte Sterbehilfe ab, will aber das Selbstbestimmungsrecht todkranker Menschen stärken. Der Mensch am Ende seines Lebens müsse – bei starken Schmerzen – „selbst bestimmen, was er noch ertragen kann“, sagte Hintze in Berlin bei der Vorstellung eines Eckpunktepapiers der Abgeordneten zur Regelung der Sterbehilfe bereits Mitte Oktober. Diese Frage müsse aber ausschließlich im Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt beantwortet werden. Organisierte Einrichtungen wie Sterbehilfevereine lehnt die Gruppe ab. Ärzten solle es auf freiwilliger Basis erlaubt sein, „sterbenskranken Menschen zu helfen, selbst aus dem Leben zu scheiden, friedlich zu entschlafen“, sagte Hintze. Am kommenden Donnerstag, 13. November, soll es dann eine umfassende Debatte im Bundestag geben. Im Vorfeld ist nun die öffentliche Diskussion entbrannt und zahlreiche Stimmen aus Politik, Gesellschaft und Kirchen melden sich zu Wort.

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Das sagen Hessens Politiker zum Thema Sterbehilfe

So auch die Deutsche Bischofskonferenz mit ihrem Sprecher Karl Kardinal Lehmann: „In Würde stirbt, wer anerkennt, dass sein Leben als solches unverfügbar ist. Anfang und Ende des Lebens sind der Verfügung des Menschen entzogen. Das bedeutet, dass der Tod nicht herbeigeführt, wohl aber zugelassen werden darf. Gottes Geschöpf zu sein, bedeutet jedoch nicht, dass Menschen im Hinblick auf den Tod gar nicht handeln dürfen. Es ist richtig, Möglichkeiten zu ergreifen, um die letzte Phase des Lebens erträglich zu gestalten. Dazu gehört, Sterbende schmerztherapeutisch zu versorgen, ihnen bestmögliche Pflege zuteilwerden zu lassen und den Tod nicht durch eine Behandlung im Übermaß hinauszuzögern.“ Der frühere SPD-Chef und Vizekanzler Franz Müntefering lehnt eine gesetzliche Neuregelung ab. „Ich befürworte keine Lockerung des derzeitigen Rechts“, sagte er. „Zu beschließen, für welche Menschen welche Sterberegeln gelten sollen, für „welche nicht? Das ist nicht nur eine Zumutung für die Abgeordneten. Es ist keine Sache für den Gesetzgeber.“ Die Debatte dürfe „nicht auf die Hilfe zur Selbsttötung reduziert sein“, sagte Müntefering. Wichtiger sei es zu beantworten, ob die Gesellschaft ausreichend Pflegekräfte zur Verfügung stelle.

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