Vorsitzender des Ausländerbeirats

Abdelkader Rafoud: So funktioniert Integration in Offenbach

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Die Flüchtlingskrise ist auch für den Offenbacher Ausländerbeirat eine große Herausforderung.

Offenbach hat deutschlandweit einen der höchsten Ausländeranteile und nennt sich selbst Integrationsmaschine. Abdelkader Rafoud ist Vorsitzender des dortigen Ausländerbeirats. Er verrät, was die Stadt beim Thema Integration anders macht und was er sich von Migranten wünscht. Von Dirk Beutel

Wie funktioniert erfolgreiche Integration?

Wir haben in Offenbach einen Ausländeranteil von etwa 60 Prozent einschließlich der Menschen mit Migrationshintergrund. In erster Linie haben wir hier aber ein gut funktionierendes Netzwerk. Zwischen dem Ausländerbeirat, der Stadtverwaltung, dem Stadtparlament und den vielen Vereinen, Verbänden und Institutionen. Sie kommen mit den verschiedensten Anliegen, mit denen sie konfrontiert sind. Wenn es Probleme gibt, etwa bei der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, der Arbeitsplatz- oder Wohnungssuche, in der Schule, dann versucht der Ausländerbeirat zu helfen. Alleine in Offenbach leben Menschen aus 157 verschiedenen Nationen. Und gerade für die Nicht-Europäer ist die Ankunft hier in Deutschland ein riesiger Kultur-Schock.

Aber konkret: Was macht Offenbach anders bei der Integration?

Wir haben das Thema Integration schon viel früher in Angriff genommen als andere Kommunen. So gab es seit 1974 einen Koordinierungskreis für ausländische Arbeitnehmer, der sich um die Belange der ausländischen Arbeitnehmer gekümmert hat. Damals sprach man noch von Gastarbeitern. Anfang der achtziger Jahre stieg die Familienzusammenführung stark an. Die ausländischen Kulturvereine wurden gefördert und unterstützt, damit sie die Integrationsarbeit mit unterstützen. Bis 2005 hieß es immer: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Erst zu diesem Zeitpunkt entstand das Zuwanderungsgesetz, das die Immigranten zu einem Integrationskurs mit 600 Unterrichtsstunden, wie auch einem Orientierungskurs von 30 Stunden verpflichtet. Wir achten darauf, dass sich niemand der deutschen Sprache, die der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration ist, verschließt. Zudem haben wir hier in Offenbach einen islamischen runden Tisch mit Vertretern der Stadt und Migrantenorganisationen und ein Kompetenzteam Integration.

Was kann von Ausländern selbst erwartet werden, damit Integration funktioniert?

Sich auf das Land, seine Leute und seine Kultur einzulassen. Wir leben hier alle friedlich zusammen, das geht nur gut, solange demokratische Werte akzeptiert werden, Meinungsvielfalt zugelassen wird und Toleranz ausgeübt wird. Ganz im Sinne einer offenen Gesellschaft. Nur so können Parallelgesellschaften verhindert werden. Die Menschen müssen stets daran arbeiten aufeinander zuzugehen, damit vorhandene Ängste und Missverständnisse abgebaut werden und keine neuen entstehen. Und Migranten sollten mehr politisch partizipieren. Hier sehe ich bereits Fortschritte. Integration ist keine Sackgasse, sondern alle müssen miteinbezogen werden und daran arbeiten.

Trotzdem war zum Beispiel die Beteiligung zur Wahl des neuen Ausländerbeirats gering. Sie lag bei 2,1 Prozent.

Der Wille der politischen Mitgestaltung ist hoch, daher täuscht die Wahlbeteiligung etwas. Mit ein wichtiger Grund ist der Name: Ausländerbeirat. Er ist nicht mehr zeitgemäß. Bereits 2011 setzen wir uns für den Namen kommunales Migrantenparlament ein. Doch damit ist es nicht getan. Die Migranten denken, der Ausländerbeirat habe kein Stimmrecht in Ausschüssen und Kommissionen. Immer wieder müssen wir hier Aufklärungsarbeit leisten, solange es kein Kommunalwahlrecht für alle gibt, dass dies unsere einzige Plattform ist. Selbst wenn der Ausländerbeirat kein Stimmrecht hat, so ist er doch Sprachrohr und wird gehört. Gerade die dritte Generation der damaligen Gastarbeiter will sich politisch einsetzen, um unter anderem für mehr Rechte für Einwanderer zu kämpfen. Diese Generation möchte in Parteien aktiv mitarbeiten, um zu regieren und nicht nur beratend tätig zu sein. Das wird in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen.

In einigen Teilen Deutschlands haben rechte Strömungen massiven Zulauf. Haben Sie selbst Fremdenhass zu spüren bekommen?

Ich persönlich nicht. Seit den Geschehnissen in Köln hat sich viel verändert. Viele Menschen sind auf mich zugekommen und wollten darüber reden, was da passiert ist. Ich musste erklären, warum da einige Maghribiner übergriffig geworden sind. Ganz klar: Wer sich hier nicht an die Gesetze hält, muss bestraft werden. Was da passiert ist, ist furchtbar. Und ein Rückschritt für die Integrationsarbeit, die wir geleistet haben. Die Flüchtlingskrise hat bei einigen Deutschen Ängste ausgelöst, die nun noch schlimmer geworden sind. Der große Flüchtlingsstrom im vergangenen Jahr und deren Unterbringung in Notunterkünften ist eine große Herausforderung, die uns noch lange beschäftigen wird.

Allerdings ist Offenbach etwa durch den Angriff eines Fernseh-Teams an der Tauheed-Moschee deutschlandweit in ein negatives Bild gerückt worden.

Dieser Überfall war ein Angriff auf die Demokratie, der ein Einzelfall bleiben muss. Dafür setzen wir uns ein. Für radikale Menschen ist in Offenbach kein Platz. Der Ausländerbeirat lehnt jegliche Form von Radikalismus und Extremismus ab, ob politisch oder religiös. Die Stadt Offenbach und der Ausländerbeirat hat umgehend nach dem Vorfall alle islamischen Gemeinden und ihre Imame an einen Tisch geholt. Hier wurde durch alle Teilnehmer eine Stellungnahme unterzeichnet, dass sie solche Übergriffe scharf verurteilen und sich dafür einsetzen, dass sich derartiges nicht wiederholt.

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