Monster zu Tieren machen

2015 Rekordjahr für Hai-Attacken? – Experte Gerhard Wegner klärt auf

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Der Haifisch, der hat Zähne, die er bei Menschen kaum anwendet

Offenbach – Das Rekordjahr der Hai-Angriffe auf Menschen soll 2015 gewesen sein. Sechs Menschen sind laut Forschern der Universität Florida an den Folgen gestorben. Der Offenbacher Hai-Experte Gerhard Wegner hält die Meldungen für „schwachsinnig!“. Von Janine Drusche

Gerhard Wegner räumt mit Hai-Vorurteilen auf.

Sie leben in der Dunkelheit, haben spitze Zähne, zeigen keine Gefühle und können Menschen fressen. Haie lösen bei Menschen Furcht aus. Amerikanische Forscher berichten von knapp 100 Angriffen der Meeresbewohner auf Personen im vergangenen Jahr. 59 davon allein in den USA. Ein weiterer Anstieg der Attacken sei wahrscheinlich.

„Natürlich wächst die Möglichkeit der Begegnungen zwischen Menschen und Haien, wenn sich der Ozean erwärmt. Die Menschen sind dann häufiger im Wasser“, stimmt Gerhard Wegner zu. Eine wirkliche Gefahr gebe es allerdings nicht. „Die Angstination Hai schlägt mittlerweile wirklich alles“, sagt der Offenbacher Hai-Kenner, der mit seinem Projekt „Sharkproject“ seit 14 Jahren um das Ansehen von Haien kämpft.

„Eine Berührung gilt schon als Attacke“

Wegner ist überzeugt: „Diese Meldung kann man nicht ernst nehmen.“ Die Herausgeber seien keine Forscher, säßen nur mit in der Uni. Die Daten seien zweifelhaft – nicht zuletzt deshalb, weil jeder einen Eintrag auf der Homepage hinterlassen kann. „Und diese Mails zählen in die Auswertung“, ärgert sich Wegner.

„Die meisten Hai-Attacken, die angeführt werden, bedeuten, dass in Wirklichkeit mal ein Hai an einer Person vorbei geschwommen ist“, ist sich der Experte sicher. Eine Berührung mit den gefürchteten Fischen zählt demnach schon als Attacke. Wer einen Hai von weitem sieht, kann mit der neuen Technik eine Shark-Attack, hierzulande Hai-Angriff, absenden. „Und das wird dann als Grundlage für die Statistiken genutzt – ungeprüft“, beschwert sich Wegner: „Bei denen werden kaum fünf Prozent der Daten näher untersucht.“

Echte Attacken ließen sich nicht erklären

Es gebe in dem amerikanischen Institut kaum Erhebungen über Uhrzeiten, Wassertemperaturen oder Futter im Wasser während der angeblichen Angriffe. „Im Jagdmodus nehmen Haie den Menschen nicht als Beute wahr“, legt Wegner fest. Wenn Haie Menschen beißen, sei das meist ein Irrtum. Das käme höchstens rund zwei bis drei mal im Jahr vor. Diese Attacken ließen sich nicht erklären. Höchstens zum „Haibrand“ käme es bei Berührungen mit den Tieren: Abschürfungen der Haut beim Menschen, weil sich die Oberfläche von Haien wie rauhes Sandpapier anfühlt.

„Auf 1,2 bis 1,5 Millionen Wassersportvorgänge wie Surfen oder Schwimmen, kamen 2015 98 Berührungen und sechs Tote weltweit. Da ertrinken mehr Leute“, sagt Wegner. Eine sichere Quelle sei das Florida Museum of Natural History – Urheber der Panik-Aussagen – nicht. „Mein Ziel ist es, in den Augen der Menschen aus Monstern wieder Tiere zu machen. Da helfen solche Meldungen nicht. Diese Leute sollten mal ihren Menschenverstand einschalten!“

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