Millionen hatten schon Ingrid Metz-Neun im Ohr

Ihre Stimme ist ihr Kapital

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Ingrid Metz-Neun in ihrem Studio in Offenbach: Noch heute bekommt sie Aufträge für Haltestellenansagen aus ganz Deutschland.

Region Rhein-Main – Diese Frau ist allgegenwärtig. Vielmehr ihre Stimme. Ob auf Anrufbeantwortern, Navigationsgeräten, bei Haltestellenansagen, Hotel-Weckrufen oder als Synchronstimme in Spielfilmen – Ingrid Metz-Neun besitzt die Stimme, die wir alle im Ohr haben. Von Dirk Beutel

Seit über 40 Jahren umgibt uns Ingrid Metz-Neun mit ihrer warmen, sinnlich-süßen Stimme. Und zwar überall. In Hamburg, Berlin, Düsseldorf oder Frankfurt sagt sie die Haltestellen im öffentlichen Nahverkehr an. Eigentlich ist die 62-Jährige Schauspielerin, aber die Arbeit als Sprecherin versprach ihr mehr Abwechslung als immer wieder wochenlang das gleiche Theaterstück aufzuführen: „Da wäre ich eingegangen wie eine Primel.“ Hinter dem Mikrofon habe sie sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. „Man muss dafür vielseitig sein und ein wenig schauspielerisches Talent besitzen.“

Zwar sprach sie schon während ihrer Schauspielausbildung in Frankfurt Werbung ein, der große Wurf aber gelang ihr, als sich die Frankfurter Verkehrsbetriebe in den siebziger Jahren nach einem Casting für ihre Stimme als Haltestellenansage entschieden haben. Denn dabei alleine sollte es nicht bleiben. Es folgte eine Welle an weiteren Angeboten aus ganz Deutschland. Über 40 Verkehrsbetriebe wollten für den Spruch „Nächste Haltestelle...“ ihr sonores Timbre. Allein nach dem Fall der Mauer sprach sie rund 5300 neue Haltestellen in Berlin ein. Und das jetzt schon seit 36 Jahren.

Noch heute rüsten die Betriebe ihre Technik um, und brauchen wieder eine neue Haltestellenansage. Gerade diese Woche muss sie wieder ein paar neue Haltestellen für Frankfurt einsprechen. Und das ist gar nicht so einfach wie es sich anhört. „Die Tonlage muss immer gleich sein und die Stimme soll dabei natürlich immer freundlich klingen“, sagt Metz-Neun: „Machen Sie das mal fünfhundert Mal.“ Viel mehr reizt sie ihre Arbeit als Synchronsprecherin. „Es ist die Königsdisziplin des Sprechens“, sagt Metz-Neun. Vor allem braucht man ein gutes Kurzzeitgedächtnis. Einfach einen Text ablesen ist nicht. Schließlich muss die Stimme exakt zu den Lippenbewegungen des Schauspielers auf dem Bildschirm passen. Da können die Augen nicht am Skript hängen bleiben. „Dazu kommt, dass man auch die Stimmung des Schauspielers in diesem Moment rüberbringen kann.“

Auch Synchron-Sprecher haben Fans

Heute gehört der gebürtigen Alsfelderin ein eigenes Studio in Offenbach. Sie arbeitet als Sprecherin, führt Regie, schreibt Drehbücher und bildet Nachwuchssprecher aus. In der Stadt am Main hatte Metz-Neun ihre erste Sprech-Rolle. Es war eine Werbung fürs Kino. Danach folgten Aufträge für Lenor, Mon Chérie, Raffaello oder Pfanni. Im Moment ist sie mit der Koordination von etwa 50 Sprechern beschäftigt, die für sechs Filme im Einsatz sind. In einem davon spielt Gérard Depardieu mit, mehr kann sie nicht verraten. Auch nicht, ob sie im Kino zu sehen sein werden. Insgesamt 120 Produktionen aus Japan, Skandinavien oder Frankreich hat sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern in diesem Jahr übersetzt und synchronisiert.

Früher, in den achtziger Jahren, als sich das Privatfernsehen allmählich etablierte und Videoproduktionen den Markt eroberten, hat sie auch den großen Hollywood-Stars ihre Stimme geliehen: Marilyn Monroe, Ingrid Bergman oder Gina Lollobrigida. „Es wurden immer mehr Filme gebraucht, also synchronisierte ich die Zweitverwertung“, sagt Metz-Neun. „Diese Frauen zu sprechen, eröffnete mir die Möglichkeit in deren Rollen zu schlüpfen, was in Wirklichkeit auf der Bühne undenkbar wäre, denn schlank war ich nie.“ Übrigens: Nicht nur Hollywood-Stars haben Groupies. Auch Metz-Neun hat den einen oder anderen Fan-Club: „Die recherchieren, in welchen Bussen und Bahnen ich zu hören bin oder rechnen aus, dass ich 2000 Anrufbeantworter besprochen habe.“

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