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Wie Brasilien den Hunger besiegte – und warum er jetzt wieder zurückkommt

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Von: Lisa Kuner

Freiwillige Helfer geben in Rio de Janeiro im Juni 2020 Essen an Bedürftige aus.
Freiwillige Helfer geben in Rio de Janeiro Essen an Bedürftige aus. © Fernando Souza/Imago

Durch die Corona-Pandemie ist Hunger wieder zu einem großen Problem in Brasilien geworden. Ihn zu bekämpfen heißt nicht nur, alle mit mehr Kalorien zu versorgen. 

Brasilien - Ganze Familien, die Müll nach Essensresten oder Gegenständen, die verkauft werden können, durchsuchen und lange Schlangen am Eingang von Suppenküchen – so sieht der Hunger auf Brasiliens Straßen aus. Anfang der 2000er war Brasilien das Land der Hoffnung – wirtschaftlicher Aufschwung und intelligente Sozialpolitik holten knapp 50 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer aus der extremen Armut heraus.

Einen großen Meilenstein nahm Brasilien dabei im Jahr 2014 – das erste Mal tauchte das Land dort nicht mehr auf der Hungerkarte des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen auf. Das bedeutete, dass damals weniger als fünf Prozent der Bevölkerung an Mangelernährung litten. In nur zehn Jahren hatte das Land die Anzahl der unterernährten Menschen um 80 Prozent gesenkt. Brasilien feierten diesen Sieg über den Hunger. Weltweit wurde die erfolgreiche Kampagne gegen den Hunger schnell zum Vorzeigeprojekt. 

Brasilien in der Corona-Krise: Der Hunger ist zurück

Spätestens seit der Pandemie* ist die Lage aber nicht mehr so rosig - mehr als die Hälfte der Brasilianer hat keinen gesicherten Zugang zu ausreichend Lebensmitteln. „Der Hunger ist nach Brasilien zurückgekommen“, sagt die Ex-Präsidentin Dilma Rouseff. Rund neun Prozent der Menschen, das sind 19 Millionen, leiden zurzeit ernsthaft unter Hunger – damit wird Brasilien vermutlich wieder auf der nächsten Welthungerkarte erscheinen.

„Wir sehen, dass die Zahlen weiter steigen und die Sicherheitsnetzte immer stärker ausgelastet sind“, sagt dazu Thiago Lima. Er forscht an der Universität von Paraíba in Norden des Landes zu Hunger. Besonders traurig ist dieser Fakt vor dem Hintergrund, dass Brasilien gleichzeitig riesige Mengen an Lebensmitteln exportiert. 

Hunger wird in der Wissenschaft in drei Stufen gemessen. Von leichter Ernährungsunsicherheit sind Menschen betroffen, wenn sie Zweifel haben, ob sie genug Essen kaufen können. Wenn Menschen ihre Ernährungsangewohnheiten anpassen mussten, in dem sie auf günstigere Alternativen umsteigen oder teilweise Mahlzeiten ausfallen lassen, spricht man von moderatem Hunger. „Mütter lassen beispielsweise ihre Kinder ein bisschen länger schlafen, damit die erste Mahlzeit nicht das Frühstück, sondern das Mittagessen ist“, erklärt der Politikwissenschaftler Lima. Wenn Menschen tatsächlich nichts zu essen haben, spricht man von extremem Hunger

Brasilien: Wirtschaftliche Rezession und wenig öffentliche Gelder

Am stärksten von Hunger betroffen ist der Norden und Nordosten Brasiliens. Viele Regionen sind hier deutlich ländlicher, in der Vergangenheit haben dort Dürren und Ernteausfälle immer wieder zu Nahrungsmittelknappheit geführt. Nach den Fortschritten in den frühen 2000ern lässt sich dort bereits seit dem Beginn der wirtschaftlichen Rezession 2014 wieder eine Zunahme von Hunger beobachten.

Der wirtschaftliche Abschwung und die Pandemie* sind aber nicht allein schuld daran, dass der Hunger in dem lateinamerikanischen Land wieder zunimmt. Von vielen Forschern und NGOs wird außerdem noch kritisiert, dass das Land seine finanziellen Anstrengungen, um den Hunger zu bekämpfen, heruntergeschraubt hat. Wurden Anfang der 2000er für nationale Ernährungsprogramm Brasiliens, das Programa de Aquisição de Alimentos, noch rund 500 Millionen Reais jährlich ausgegeben, so waren es 2019 nur noch 50 Millonen.

Der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro* stritt in den vergangenen Jahren immer wieder ab, dass Hunger in Brasilien eine Herausforderung darstellt und bezeichnete entsprechende Untersuchungen als „Lüge“. Hinzu kommt die zurzeit hohe Inflation – besonders der Preis von Grundnahrungsmitteln ist in Brasilien zuletzt angestiegen.

Problematisch für arme Menschen in Brasilien sind immer wieder auch die geschlossenen Schulen: Dank der großangelegten Kampagnen in den frühen 2000er bekommen Schülerinnen und Schüler in den meisten Schulen des Landes normalweise zwei Mahlzeiten. „Für viele Kinder sind das die einzigen richtigen Mahlzeiten“, sagt Thiago Lima. Manche Schulen haben während der Pandemie Mahlzeiten ausgeliefert oder die Möglichkeit geboten, dass Eltern dort Lebensmittel abholen. An vielen Orten seien die Mahlzeiten aber einfach ersatzlos ausgefallen. „Die Pandemie ist nicht der Grund für den Hunger, aber sie hat ihn verstärkt“, fasst Lima zusammen.

Experte: „In Brasilien gibt es viel versteckten Hunger“

Weltweit gab es im Kampf gegen Hunger in den letzten Jahren viele Fortschritte – immer weniger Menschen leiden an extremem Hunger. Thiago Lima betont aber auch, dass die Art, wie Hunger gemessen werde, dabei sehr limitiert ist: In vielen Untersuchungen werde Hunger bloß in der Dimension der Aufnahme von zu wenigen Kalorien gemessen.

Das greife allerding viel zu kurz. „In Brasilien gibt es viel versteckten Hunger“, sagt er. „Menschen können sich keine nährstoffreichen Lebensmittel leisten“. Statt auf gesunde Lebensmittel greifen sie darum auf zucker- oder fetthaltige zurück. Im Kampf gegen Hunger muss laut Lima darum auch der Zugang zu genügend Nährstoffen, wie Vitaminen und Mineralstoffen, ins Auge genommen werden.

Hunger, in diesem weiteren Sinne, sei in Brasilien nie verschwunden und ein riesiges Problem. Eins, dass NGOs und politische Entscheider vor große Herausforderungen stellt: Hungernde Menschen sind heute in vielen Teilen der Erde nämlich nicht mehr Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und dünnen Beinen, sondern Menschen mit Übergewicht, die keine Zugang zu hochwertigen Nahrungsmitteln haben. „Das erfüllt nicht das Menschenrecht auf Ernährung“, meint Wissenschaftler Lima. Es sei aber viel schwieriger zu vermitteln, dass dicke Menschen, die keine Möglichkeit haben frische und gesunde Lebensmittel zu kaufen, unter Hunger leiden, als Kinder, deren Knochen sich abzeichnen.

Sofortmaßnahmen gegen Hunger in Brasilien: Bloß Symptombehandlung

Aktuell werden als Sofortmaßnahme in Brasilien wieder mehr sogenannte „Cestas Basicas“ (Körbe mit Grundnahrungsmitteln) verteilt. Langfristig sei das aber keine effiziente Maßnahme im Kampf gegen den Hunger, meint Wissenschaftler Thiago Lima. Wichtiger ist es ais seiner Sicht in einem ersten Schritt das Haushaltseinkommen von betroffenen Familien zu vergrößern, beispielweise durch Sofortzahlungen. Dann müsste dafür gesorgt werden, dass mehr Menschen in formale Beschäftigungsverhältnisse kommen.

„Eine formal angestellte Person sorgt im Schnitt dafür, dass eine Familie mit vier Personen keinen Hunger leidet“, erklärt Lima. Außerdem müssen kleine Nahrungsmittel Produzenten und Landwirte gestärkt werden – das sichere zum einen die Nahrungsmittelproduktion, bewahre aber gleichzeitig auch die Bauern vor Hunger und Armut. Für viele dieser Punkte gebe es in Brasilien eigentlich schon Initiativen und Institutionen, sie müssten aber wieder gestärkt werden.

Geschieht das nicht, könnte der Hunger ernste und langfristige Folgen haben. Auf der einen Seite führt das zu psychologischen und gesundheitlichen Konsequenzen. Aber das ist nicht alles: „Der Anstieg von Hunger verstärkt die Bildung von Armenvierteln“, sagt Lima. Wenn mehr Menschen Hunger leiden, zögen sie tendenziell öfter in die großen Städte, um dort irgendeine Arbeit zu finden. Oft gelingt das allerdings nicht und die Menschen landen stattdessen auf der Straße oder eben in Armenvierteln.

 Global Hunger Index: Länder mit dem größten Anteil an unterernährter Bevölkerung weltweit im Jahr 2020

Lisa Kuner

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