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Brasilien steht vor der nächsten Krise: Dürre bedroht die Ernte – das hat Folgen für Deutschland

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Von: Lisa Kuner

Blick auf eine trockene Wiese in der Hauptstadt Brasilia.
Blick auf eine trockene Wiese in der Hauptstadt Brasilia. © Marcelo Camargo/dpa

Brasilien erlebt die größte Dürre seit fast einem Jahrhundert. Das hat große wirtschaftliche und soziale Folgen. Einige davon könnten wir auch bald in Deutschland spüren.

Brasilien – In Regenzeiten donnern mehr als 11.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunden die rund 270 Wasserfälle von Iguaçu im Süden von Brasilien herunter. Im Moment sind die sonst mächtigen Ströme des Weltnaturerbens zu kleinen Rinnsalen geschrumpft. Denn hier ist es zur Zeit viel zu trocken. In manchen Regionen des Landes ist seit mehr als 30 Tagen kein Niederschlag mehr gefallen. Wissenschaftler sagen, dass dem Land jetzt die größte Dürre seit 90 Jahren bevorsteht. Während Brasilien noch immer stark unter der Corona-Pandemie leidet und inzwischen mehr als eine halbe Million Tote beklagt, könnte diese Dürre das Land in die nächste Krise stürzen.

Brasilien: Dürre bedroht Landwirtschaft – und sorgt für massive wirtschaftliche Einbußen

Traditionell sind gerade Bundesstaaten mit halbtrockenem Steppenklima im Nordosten von Brasilien von extremer Trockenheit betroffen, aber in den letzten Jahren regnet es vor allem im Süden und Südosten des Landes zu wenig. In der ersten Hälfte dieses Jahres lag der Niederschlag dort auf dem niedrigsten Level seit 20 Jahren. In diesem Teil Brasiliens liegen Bundesstaaten wir Mato Grosso, Minas Gerais und São Paulo – sie der landwirtschaftliche Motor des Landes sind. Viele Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen werden dort angebaut und auch der größte Teil des brasilianischen Kaffees kommt aus dieser Region. Wenn es hier nicht regnet führt das also zum einen zu mehr Hunger im Land, zum anderen auch zu massiven wirtschaftlichen Einbußen.

„Wir beobachten, dass sich in den letzten Jahren verschoben hat, welche Regionen besonders stark von Dürre betroffen sind“, sagt Ana Paula Cunha. Sie forscht am nationalen Zentrum für Kontrolle und Frühwarnung von Naturkatastrophen (CEMADEN) in Brasilien. Das Institut erstellt unter anderem den brasilianischen Dürremonitor. Die aktuelle Trockenheit habe sich schon in den vergangenen Jahren aufgebaut – seit 2019 beobachtet die Meteorologin ein starkes Niederschlagsdefizit. Schon seit den 2000ern häufen sich Jahren mit weniger Regen als im Durschnitt. So sind Wasserkrisen in Brasilien in der Vergangenheit häufiger geworden: Beispielweise litten 2015 weite Teile des Landes unter Wassermangel. 2001 schaltete Brasilien sogar öffentliche Beleuchtung ab, da es zu wenig Wasser für die Stromerzeugung gab.

 Social: Heute bin ich aufgewacht und Google hat mich daran erinnert, dass ich genau vor zwei Jahren die Wasserfälle von Iguaçu besucht habe. Sie sind wunderschön, aber aktuell sehen sie so aus:

Klimawandel und Abholzung

Die Trockenheit in Brasilien nimmt nicht grundlos zu. Aus der Sicht von Meteorologin Cunha gibt es zwei wesentliche Ansätze, um die zunehmende Dürre im Land zu erklären. Auf der einen Seite steht eine veränderte Landnutzung. In Brasilien wird viel Regenwald abgeholzt und in landwirtschaftliche Nutzfläche umgewandelt. Das verändert das Mikroklima von Regionen und hat auch Einfluss auf Wetterveränderungen. Es gibt Hinweise, dass gerade die Trockenheit in einigen südlichen Bundesstaaten von Brasilien eine Folge der massiven Abholzungen im Amazonasgebiet sein könnte. Das liegt daran, dass gerade über dem Regenwald normalerweise viel Wasser verdampft, in Form von Wolken in Brasiliens Süden reist und dort für Regenfälle sorgt.

Abholzung und Umwandlung in Weideland unterbrechen dieses Phänomen. Eine Studie des Umweltwissenschaftlers Argemiro Teixeira Leite-Filho kommt zu dem Ergebnis, dass ein Anstieg von 10 Prozent der Abholzung zu einer Niederschlagsreduktion von 49 Millimetern führt. Außerdem ist es laut Cunha auch wahrscheinlich, dass auch globale Erderwärmung dazu beiträgt, dass es in Brasilien zuletzt weniger geregnet hat. Hinzu kommt durch die höheren Temperaturen auch, dass ein immer größerer Teil des Niederschlags verdunstet. „In Zukunft wird die Kombination aus Hitzewellen und Dürre noch zunehmen“, denk Ana Paula Cunha.

Wasserkraft und steigende Stromkosten

Die Trockenheit in Brasilien kann schnell dramatisch Auswirkungen haben – vor allem weil das Land auch 65 Prozent seines Stroms durch Wasserkraft produziert. Fehlendes Wasser könnte darum auch zum einem „Elektrizitäts-Black-Out“ führen. Vorhersagen zu Folge wird die Kapazität mehrerer Wasserkraftwerke gegen Ende des Jahres erschöpft sein. Im Gegensatz zur Corona-Pandemie scheint die brasilianische Regierung diese bevorstehende Krise ernst zu nehmen, vielleicht auch weil das fehlende Wasser schon großen wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Zuletzt wurde beispielsweise aufgrund des niedrigen Pegelstands der Schiffsverkehr auf dem Paraná-Fluss stark reduziert. Schon im Mai sagte Präsident Jair Bolsonaro darum, dass die Wasserknappheit seiner Regierung noch viele Kopfschmerzen bereiten würde.

Seitdem gab es auch schon erste Maßnahmen: In vielen Teilen des Landes wurden Kampagnen aufgesetzt, die die Bevölkerung zum verantwortungsvollen Umfang mit Wasser aufrufen: Sie fordern dazu auf kürzer zu duschen oder aufs Waschen von Autos zu verzichten. Die Brasilianerinnen und Brasilien spüren die Auswirkungen der Dürre auch jetzt schon am eigenen Geldbeutel, denn in den letzten Monaten wurden die Strompreise immer wieder erhöht. Einer der nächsten Schritte könnte Rationierung von Wasser und Strom im größeren Stil sein.

Steigende Kaffeepreise

Landwirtinnen und Landwirte spüren das fehlende Wasser besonders direkt – in vielen Regionen drohen Ernteausfälle. „Das betrifft besonders Kleinbauern, weil sie keine Mittel haben, um vorzusorgen“, meint die Wissenschaftlerin Cunha. Im Gegensatz zu großen landwirtschaftlichen Betrieben haben Kleinbauern oft keine Bewässerungsanlagen. Für Brasiliens Wirtschaft ist das hart, denn rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden durch Landwirtschaft generiert.

Auch in Europa könnten die Folgen der brasilianischen Dürre bald zu spüren sein: Futtermittel, wie Soja, könnte teurer werden. Es zeichnet sich auch ab, dass der Kaffeepreis aufgrund der Trockenheit steigen wird. Rund ein Drittel der Kaffeebohnen weltweit kommen aus Brasilien, in diesem Jahr ist ihr Prei bereits 60 Prozent höher als im Vorjahr.

Waldbrandgefahr steigt

Nicht nur auf die Wirtschaft und die Menschen, sondern auch auf die Umwelt wird die Dürre wahrscheinlich verheerende Auswirkungen haben. Gerade die Regenwälder könnten davon betroffen sein. Durch die Trockenheit nimmt auch die Gefahr von Waldbränden in Brasilien nochmal zu.

Normalerweise beginnt die Waldbrandsaison im Juli. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass sie in diesem Jahr schlimmer denn je werden könnte. Durch die Trockenheit wird es nämlich noch schwieriger die Feuer einzudämmen. „Die Waldbrände werden außer Kontrolle geraten“, meint Wissenschaftlerin Cunha.

Menschen vor Klimarisiken schützen

Ana Paula Cunha ist sich auch sicher, dass Brasilien in den kommenden Jahren immer öfter mit Dürre konfrontiert sein wird. „Daran werden wir auch nichts ändern können, wir können aber die Risiken minimieren, die damit verbunden sind“, sagt sie. Dafür sei es wichtig besonders gefährdete Personengruppen zu unterstützen. Ein in Brasiliens halbtrockenem Nordosten schon bewährter Ansatz ist es beispielweise Häuser mit Zisternen auszustatten, damit die Bewohnerinnen und Bewohner selbst Regenwasser sammeln können.

In der Landwirtschaft könnte man außerdem auf trockenheitsresistente Pflanzen setzen. Auch das ist in Brasilien nicht neu – in vielen Regionen wurde in den letzten Jahren beispielsweise bereits Mais angebaut, der weniger Wasser benötigt. Solche Programme sollten aus der Sicht von Cunha nun auch in anderen Regionen des Landes ausgeweitet werden. Und zwar so schnell wie möglich. (Lisa Kuner) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Lesen Sie auch: Das EU-Mercosur-Abkommen wird zurzeit nachverhandelt. Es soll für Wirtschaftswachstum in Brasilien sorgen. Kritiker warnen allerdings vor den sozialen und ökologischen Folgen.

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