1. extratipp.com
  2. Politik

„Anne Will“-Gast bringt völlig neue Taktik ins Spiel: „Putin will möglichst schnellen Waffenstillstand“

Erstellt:

Kommentare

Bei „Anne Will“ stand am Sonntag erneut das Thema Ukraine-Krieg auf der Tagesordnung. Die Publizistin Marina Weisband gab dabei eine Prognose für die kommenden Monate ab.

Berlin – Seit Montag lässt Putin im Ukraine-Krieg verstärkt zivile Ziele angreifen und droht permanent mit Atomwaffen. „Ist Putin noch zu stoppen?“, fragt sich Anne Will am Sonntagabend.

Doch zunächst sei festzuhalten, dass Wladimir Putin mit dem bisherigen Kriegsverlauf nicht zufrieden ist. Nicht anders könne es laut Sarah Pagung gewertet werden, dass der russische Präsident nun General Sergei Surovikin zum Oberbefehlshaber in der Ukraine gemacht hat. Surovikin habe Kampferfahrung in Tadschikistan, Tschetschenien und Syrien und sei berüchtigt für seine Brutalität.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, war kürzlich zum zweiten Mal seit Kriegsbeginn in der Ukraine, unter anderem beim Atomkraftwerk Saporischschja, das fünf Mal so groß ist wie das AKW in Tschernobyl und von russischen Soldaten besetzt wird. „Angst hatte ich trotzdem keine“, sagt Strack-Zimmermann. „Der Glauben der Soldaten und Politiker, das Land verteidigen zu können, ist ungebrochen“, berichtet sie. Die Einheimischen hätten dafür geworben, dass sich die westlichen Staaten nicht einschüchtern lassen. „Putin sät diese Angst, um die westliche Allianz von innen aufzuweichen“, sagt Strack-Zimmermann. Diese Sorgen solle man sich nicht zu eigen machen. Gleichzeitig verstehe sie alle, die trotzdem Angst haben.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

„Anne Will“: Publizistin Weisband bringt völlig neue Putin-Taktik ins Spiel

Die deutsch-ukrainische Publizistin Marina Weisband sprach gleich zu Beginn der Sendung über die aktuelle Lage im Ukraine-Krieg. Die 35-Jährige wurde in Kiew geboren. Teile ihrer Familie leben nach wie vor in der Ukraine. Die aktuelle Vorgehensweise von Putin überrascht Weisband auch deswegen nicht. „Der Krieg dauert eben nicht acht Monate, er dauert acht Jahre“, verbessert die Publizisten Moderatorin Anne Will zu Beginn mit Verweis auf die völkerrechtswidrigen Annexion der Krim im Jahr 2014. Deswegen sei auch der verstärkte Beschuss ziviler Ziele kein neues Mittel des russischen Militärs.

Aufhorchen lässt Weisband vor allem durch eine Prognose, was der russische Machthaber in den kommenden Monaten machen könnte. „Das Nächste, was wir sehen werden, ist, dass er versuchen wird, für einen möglichst schnellen Waffenstillstand Werbung zu machen“, so die 35-Jährige mit Blick auf Putin. „Für ihn ist das jetzt wichtig, weil Cherson kurz davor steht, befreit zu werden und Putin so ein bisschen die Truppen ausgehen.“

Die Gäste bei „Anne Will“ sprachen am Sonntag über den Ukraine-Krieg und weitere Waffenlieferungen aus Deutschland.
Die Gäste bei „Anne Will“ sprachen am Sonntag über den Ukraine-Krieg und weitere Waffenlieferungen aus Deutschland. © Screenshot/ARD

Das Beste, was dem russischen Präsidenten nach Weisband jetzt passieren könne, wäre ein „Einfrieren des Konflikts“. Dann könnte sich Moskau über den Winter hinweg mit dem Aufrüsten und Ausbilden der neuen Rekruten beschäftigen und zu Beginn des neuen Jahres eine weitere Invasion starten. „Das ist das, was er jetzt versuchen wird. Das beste, was wir machen können, ist nicht darauf einzugehen, sondern die Offensive, die die Ukraine gerade hat, zu nutzen(...)“, schließt die Publizistin ihre Prognose.

Schulz: Wesentlicher Punkt ist Spaltung des Gegners

„Wenn man sich die vergangenen acht Jahre ansieht, muss man zur Schlussfolgerung kommen, dass Putin alles zuzutrauen ist“, glaubt auch Martin Schulz (SPD). „Ich empfinde ihn als das, wozu er ausgebildet ist: ein KGB-Mann“, sagt Schulz, „Geheimdienstleute sind geschult im Täuschen, das hat Putin bis zur Perfektion entwickelt. Im Ausreizen aller Optionen, auch im terroristischen Vorgehen gegen andere.“ Trotzdem habe er keine Angst vor atomaren Schlägen. Hintergrund sei, dass auch die entsprechenden Antworten einkalkuliert wären und Putin damit möglicherweise das System gefährde, das ihn zum Präsidenten gemacht hat. Schulz nimmt ausdrücklich Bezug auf Strack-Zimmermann und teilt ihre Ansicht: „Wesentlicher Punkt ist die Spaltung des Gegners.“

„Hütet euch vor alten Männern, denn denen ist die Zukunft egal“, gibt Schulz wieder. Wenn Putin diese Neigung hätte, könnte es gefährlich werden. Allerdings sei Putin nicht alleine, sondern in „einem Kartell von KGB-Leuten“. Schulz geht davon aus, dass diese einen Nuklearangriff unterbinden würden. US-Präsident Joe Biden sprach vor einigen Tagen wiederholt vom „Armageddon“, indem der Einsatz nuklearer Waffen seiner Ansicht nach enden würde.

Strack-Zimmermann hofft auf „gewissen Widerstand“ unter russischen Rekruten

Strack-Zimmermann begreift diese als Hinweis an Europa, die Ukraine nach allen Kräften zu unterstützen. Die Verteidigungsexpertin fragt sich, wann sich die russische Gesellschaft gegen den Präsidenten aufbäumt. Durch die Mobilisierung könne sich dort hingehend eine Dynamik entwickeln. In der ersten Kriegsphase seien Soldaten aus der russischen Föderation eingesetzt worden, „aus Gegenden, die viele Russen überhaupt nicht kennen“. Seit der Mobilisierung werden erstmals Soldaten direkt aus Russland eingezogen. „Ich hoffe, dass von innen heraus ein gewisser Widerstand wächst.“

Schriftsteller Jerofejew: „Einfacher Bengel“ Putin „wird es nicht akzeptieren, diesen Krieg zu verlieren“

Der Schriftsteller Viktor Jerofejew, einer der bekanntesten seiner Zunft in Russland, geht davon aus, dass durch den Verteidigungswillen innerhalb der Ukraine „eine neue starke Nation entsteht“. Und er denkt sogar schon weit in die Zukunft: Die Ukraine solle die besetzten Gebiete zurückerobern und von Russland Reparationszahlungen verlangen. Das Bild, das Jerofejew von Putin zeichnet, klingt dagegen furchteinflößend: „Er wird es nicht akzeptieren, diesen Krieg zu verlieren. Er wird alles riskieren, auch sich selbst, um nicht als Verlierer dazustehen.“

Jerofejew bezeichnet Putin als „einfachen Bengel, der zufällig an die Macht gekommen ist“. Auch die Diskussion um den neuen Oberbefehlshaber in der Ukraine kann Jerofejew nicht nachvollziehen: „Er ist brutal? Ja, und? Sind die anderen nicht brutal?“, fragt er lapidar. Der Präsident der Volksrepublik China Xi Jinping sei der einzige Genosse, auf den Putin hört.

Schulz glaubt, dass die Chance bestehe, China auf Seite der Russland-Kritiker zu ziehen. Bei den olympischen Spielen 2008 in Peking habe Putin Friedensarien gesungen, „drei Tage später ist er in Georgien einmarschiert.“ Bei den jüngsten Winterspielen habe er ein ähnliches Szenario abgegeben. „Wenige Tage nach dem Ende der Spiele ist er in die Ukraine einmarschiert. Ich glaube, dass das in Peking mehr Verletzungen herbeigeführt hat, als uns hier bewusst ist. Man kann mit Xi Jinping so nicht herumspringen“, sagt Schulz.

Strack-Zimmermann: Waffen werden geliefert – Deutschland müsse „Ausreden beiseite legen“

„Ich verstehe, dass Sie ihre Parteifreunde nicht korrigieren wollen, aber das ist ein Tableau dessen, was sich die Ukraine wünscht. Und wenn man von schweren Waffen spricht: Die sind bereits geliefert worden, im Einklang mit den Partnern“, sagt Strack-Zimmermann zu Schulz. „Keiner hat Angst, dass Deutschland zu viel macht, die Angst besteht definitiv nicht“, macht Strack-Zimmermann deutlich, „wir machen eine Menge, aber es ist noch Luft nach oben“.

„Die, ich nenne es mal liebevoll Ausreden, muss man jetzt beiseitelegen und die Wünsche der Ukraine erfüllen, wir verlieren unfassbar viel Zeit“. Kein Verständnis hat sie für die anfängliche Diskussion über Defensiv- oder Offensivwaffen. „Das kommt darauf an, ob ich vor dem Rohr oder dahinter bin“, schüttelt Strack-Zimmermann den Kopf.

Sie habe in der Ukraine viel Dankbarkeit für die gelieferten Waffen bekommen. „Michael Roth, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, hat vorgeschlagen, jede Nation in Europa nimmt Leopard-Panzer, fast alle in Europa haben den, und man macht das gemeinsam.“ Martin Schulz entgegnet, dass Roth von „mit den Verbündeten gemeinsam“ gesprochen habe. Sarah Pagung liefert aktuelle Zahlen, nach denen die USA so viel finanzielle, materielle und humanitäre Hilfe geleistet hat, wie Europa inklusive aller Institutionen gemeinsam. „Ohne die USA wären wir aufgeschmissen“, stellt Pagung fest.

„Anne Will“ – Fazit der Sendung

Wesentliche neue Erkenntnisse bringt der Talk bei Anne Will dieses Mal nicht. Tenor in der Runde ist aber, und das kann vielleicht etwas beruhigen: Putin ist zwar alles zuzutrauen, aber einen atomaren Schlag wird es wohl nicht geben. Selbst, wenn er es darauf ankommen lassen möchte, gebe es wohl genügend Leute in seinem Umfeld, die es verhindern. (Christoph Heuser)

Auch interessant

Kommentare