Viel Licht, viel Schatten

ESC 2020: Alle Informationen zum Eurovision Song Contest und den deutschen Teilnehmern

Seit 1956 gibt es den Eurovision Song Contest - kurz ESC. Seitdem hat sich viel getan. Wir verraten, wie der Wettbewerb abläuft - und wie es für Deutschland in der Vergangenheit lief.

Genf - Es begann alles im Jahr 1956 mit einem aus heutiger Sicht relativ umständlichen Namen: Grand Prix Eurovision de la Chanson - so hieß der Wettbewerb in Deutschland bis er 2001 in Eurovision Song Contest - kurz ESC umgetauft - wurde. 

Seit 1956 wird der ESC jährlich von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) im Rahmen der Eurovision veranstaltet. Die Eurovision - eine Einrichtung der Union der Europäischen Rundfunkorganisationen zum Austausch von Fernseh- und Hörfunkprogrammen - wurde 1954 in Genf gegründet. Wichtig zu wissen: Nicht alle EBU-Mitglieder sind europäische Länder. Auch Israel und Zypern gehören beispielsweise dazu und haben auch regelmäßig am Wettbewerb teilgenommen. Genauso wie etwa Armenien und Aserbaidschan.

Beliebter ESC: Bis auf zwei Ausnahmen haben alle europäischen Länder teilgenommen

Udo Jürgens trat 1966 beim ESC für Österreich an.

Fast alle europäischen Länder waren mittlerweile beim Eurovision Song Contest (ESC 2020: Alle Informationen über "Eurovision Song Contest"-Teilnehmer und Entertainer Stefan Raab*) mit einem Lied dabei - nur Liechtenstein und der Vatikan waren noch nie am Start.

Marokko nahm 1980 am Eurovision Song Contest teil - und ist damit das einzige arabische Land, das bisher beteiligt war. Noch nie am teilgenommen haben die Länder des arabischen Kulturkreises Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien und Libanon - dabei sind auch sie Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion EBU. Der Grund: Aus Solidarität mit den Palästinensern weigern sie sich gemeinsam mit Israel am ESC teilzunehmen.

Australien beim Eurovision Song Contest? Wie kann das sein?

Jedes EBU-Mitgliedsland hat das Recht an dem Wettbewerb teilzunehmen - es gibt allerdings keine Pflicht dazu, weswegen die Anzahl der Teilnehmer von Jahr zu Jahr schwankt.

Aber Moment mal: Australien darf doch auch beim ESC mitmachen - obwohl das Land ziemlich weit weg von Europa liegt. Tatsächlich ist das eines der skurrilen Details des ESC. Australien darf seit 2015 bei dem Wettbewerb mitmachen, weil die Veranstaltung dort extrem beliebt ist. Es ist das einzige Teilnehmerland, das nicht zur Europäischen Rundfunkunion gehört.

ESC-Austragungsort wechselt jedes Jahr - und das nicht zufällig

Der Eurovision Song Contest  findet immer in dem Land statt, das im Vorjahr den Wettbewerb gewonnen hat (ESC 2020 in Rotterdam: Alle Gewinner des Eurovision Song Contest*). Nur wenige Male in der Geschichte des ESC war das nicht so - zuletzt im Jahr 1980. Der erste ESC fand 1956 in Lugano in der Schweiz statt - den Sieg holte der Titel "Refrain" von Lys Assia. 

Am häufigsten fand der Eurovision Song Contest bislang in der irischen Hauptstadt Dublin statt - und zwar schon sechs Mal. In London und Luxemburg wurde der ESC auch schon häufig ausgetragen - jeweils vier Mal.

ESC-Regeln: Wer darf antreten? Was ist auf der Bühne erlaubt?

Im Jahr 2012 wurden die Regeln neu gefasst, seitdem gilt unter anderem:

  • Die Teilnehmer müssen mindestens 16 Jahre alt sein
  • Auf der Bühne dürfen maximal sechs Personen mitwirken
  • Der Titel muss live gesungen werden
  • Weder das Lied noch der Auftritt darf eine politische Botschaft enthalten - oder dem Image des ESC schaden
  • Tiere sind auf der Bühne nicht erlaubt
  • Der Song muss ein Original sein - also keine Coverversion
  • Jeder Interpret darf in einem Jahr nur für ein einziges Land antreten
  • Ein Lied darf nicht länger als drei Minuten sein
  • Die Musik ist Playback (die Möglichkeit eine Live-Band spielen zu lassen gab es zuletzt 1998)
  • Die Songs dürfen frühestens am 1. September des Vorjahres veröffentlicht werden

Veranstalter versuchen, den ESC modern zu halten - etwa mit Mottos

Immer wieder durchläuft der Eurovision Song Contest Veränderungen, um den Wettbewerb modern zu halten. Unter anderem gibt es seit dem Jahr 2002 für den jeweiligen ESC ein Motto. Im Jahr 2002 in Estland beispielsweise lautete das Motto: "A Modern Fairytale" - "Ein modernes Märchen". Das Motto 2010 in Norwegen war "Share the Moment" - "Teile den Moment", in Österreich 2015 lautete es "Building Bridges" - "Brücken bauen" und 2020 in den Niederlanden heißt es "Open up" - "Öffne dich".

Im Jahr 2015 fand der ESC in Wien statt. Motto: "Brücken bauen".

Song-Auswahl für den Eurovision Song Contest in Händen der Teilnehmer

Wie werden die Titel für den ESC in den jeweiligen Ländern ausgewählt? Das steht jedem Land frei. In den meisten Staaten gibt es dazu nationale Vorentscheide, bei denen mehrere Interpreten gegeneinander antreten. Früher wurden die Teilnehmer meist von einer Jury ausgewählt, heute läuft es meist per Telefonabstimmung

Zahlreiche Länder nutzen auch ein Abstimmungssystem, das beim ESC selbst benutzt wird: Eine Hälfte zählen die Stimmen der Telefonabstimmung, die andere Hälfte zählen die Stimmen der Jury. Fast jedes Land, das bisher am ESC teilgenommen hat, hat auch einen nationalen Vorentscheid veranstaltet - nur zwei Ausnahmen gibt es: Marokko und Monaco haben darauf verzichtet.

ESC: Bewertungssystem immer wieder geändert

Lange Zeit wurden die Beiträge der Teilnehmer ausschließlich durch eine Jury bewertet. Das System wurde immer wieder geändert, weil die Zuschauer damit unzufrieden waren. 1996 beispielsweise bestand die Jury pro Land aus 16 Personen - acht Experten und acht musikinteressierte Laien. Letztere mussten zudem aus verschiedenen Generationen stammen und von verschiedenen Geschlechtern sein, um ein möglichstes objektives Ergebnis zu gewährleisten. 

1997 wurde dann in einigen Ländern die Telefonabstimmung ausprobiert - was auf viel Begeisterung stieß. Seit 2009 setzt man auf ein "gemischtes" Bewertungssystem: 50 Prozent der Punkte, die jedes Land vergibt, stammen aus der Telefonabstimmung, 50 Prozent werden durch eine Jury bestimmt.

Rekordsieger Irland: Sieben Mal ESC gewonnen

Das Land mit den meisten Siegen beim ESC ist Irland - sieben Mal haben die Iren den Eurovision Song Contest bereits gewonnen. Von 1992 bis 1994 gelang dies sogar drei Mal in Folge - einmalig in der Geschichte des ESC. Auf Platz zwei liegen die Schweden mit immerhin sechs Siegen

Weltbekannt: Die schwedische Band Abba gewann 1974 den ESC.

Aber auch die Niederlande, Frankreich, Großbritannien und Luxemburg waren sehr erfolgreich: sie konnten jeweils fünf Mal gewinnen. Auch Israel war beim ESC schon oft siegreich: vier Mal konnte das Land den Eurovision Song Contest bislang gewinnen.

Lieder auf Englisch: Automatisch eine höhere Chance auf ESC-Sieg?

Ganz klar: Die mit Abstand meisten Siegertitel wurden in englischer Sprache geschrieben. Danach kommt Französisch: Immerhin die Texte von 14 ESC-Sieger-Songs waren in dieser Sprache. Platz Drei bei den Sprachen teilen sich Hebräisch und Niederländisch mit jeweils drei Sieger-Liedern.

Der jüngste ESC-Sieger? Im Jahr 1986 gewinnt die belgische Sängerin Sandra Kim - sie ist damals gerade 13 Jahre alt. Diesen Titel wird die Belgierin vermutlich auch behalten - schließlich liegt das Mindestalter für die Teilnahme beim Eurovision Song Contest inzwischen bei 16 Jahren.

Deutsche Siege des Eurovision Song Contest: Nicole und Lena Meyer-Landrut

Zwei Mal schaffte es Deutschland in der Geschichte des ESC den ersten Platz zu erringen: Das erste mal gelang das der Sängerin Nicole im Jahr 1982 in der englischen Stadt Harrogate. Die damals 17-Jährige trat als letzte der 18 Teilnehmer auf und gewann mit dem Titel "Ein bisschen Frieden" - komponiert von Ralph Siegel und getextet von Bernd Meinunger. Fünf Wochen war das Lied die Nummer eins in den deutschen Charts. "Ein bisschen Frieden" war der zweite deutschsprachige Titel, der den ESC gewann: 1966 hatte Udo Jürgens mit dem Lied "Merci, Chérie" gewonnen - er war für Österreich an den Start gegangen.

Legendär: 1982 gewann Nicole für Deutschland den ESC.

Den zweiten deutschen Sieg holte Lena Meyer-Landrut im Jahr 2010 beim ESC in Oslo. Allerdings sang die damals 19-Jährige nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch. Ihr Titel "Satellite", wurde geschrieben von der US-Amerikanerin Julie Frost und dem Dänen John Gordon. Interessanter Fakt: Die Hauptkomponistin Julie Frost hatte vom Eurovision Song Contest noch nie zuvor gehört, als sie 2007 das Lied schrieb und es später an John Gordon schickte, um es fertigzustellen.

Im Jahr darauf trat Lena Meyer-Landrut übrigens noch einmal für Deutschland auf: Mit dem Lied "Taken by a Stranger" landete sie allerdings nur auf dem zehnten Platz. Weil sie im Vorjahr gewonnen hatte, war das natürlich eine Enttäuschung.

Finstere Zeiten: Nicht immer schnitt Deutschland beim ESC gut ab

Relativ gesehen ist der zehnte Platz von Lena Meyer-Landrut im Jahr 2011 allerdings gar nicht so schlecht. Schließlich hatte Deutschland beim ESC auch einige "Totalausfälle". Zu den größten deutschen ESC-Flops zählen:

JahrInterpretTitelPlatz
1964Nora NovaMan gewöhnt sich schnell an das Schöne13/16
1965Ulla WiesnerParadies, wo bist du?15/18
1974Cindy & BertDie Sommermelodie14/17
1975Joy FlemingEin Lied kann eine Brücke sein17/19
1976The Les Humphries SingersSing Sang Song15/18
1991Atlantis 2000Dieser Traum darf niemals sterben18/22
1995Stone & StoneVerliebt in dich23/23
1996LeonPlanet of Bluen.Q
2002Corinna MayI can't live without music21/24
2005GraciaRun & Hide24/24
2007Roger CiceroFrauen regier'n die Welt19/24
2008No AngelsDisappear23/25
2009Alex SwingsOscar Sings!Miss Kiss Kiss Bang20/25
2013CascadaGlorious21/26
2015Ann SophieBlack Smoke27/27
2016Jamie-LeeGhost26/26
2017LevinaPerfect Life25/26
2019S!stersSister25/26

Deutsche Sternstunden beim ESC

Auch wenn Deutschland nicht oft auf dem ersten Platz landete - viele Lieder spielten beim ESC ganz oben mit. Zu den erfolgreichsten deutschen Titeln beim Eurovision Song Contest zählen:

JahrInterpretTitelPlatz
1957Margot HielscherTelefon, Telefon4/10
1960Wyn HoopBonne nuit, ma chérie4/13
1970Katja EbsteinWunder gibt es immer wieder3/12
1971Katja EbsteinDiese Welt3/18
1972Mary RoosNur die Liebe läßt uns leben3/18
1979Dschinghis KhanDschinghis Khan4/19
1982 NicoleEin bißchen Frieden1/18
1983Hoffmann & HoffmannRücksicht5/20
1985WindFür alle2/19
1987WindLass die Sonne in dein Herz2/22
1994MekadoWir geben 'ne Party3/25
1999SürprizReise nach Jerusalem – Kudüs’e seyahat3/23
2000Stefan RaabWadde hadde dudde da?5/24
2010LenaSatellite1/25
2018Michael SchulteYou Let Me Walk Alone4/26

Deutsche ESC-Lieder: Was wurde aus ihnen?

Zahlreiche deutsche Beiträge wurden hierzulande auch außerhalb des Eurovision Song Contest ein Hit: 39 der 48 ESC-Lieder seit 1960 erreichten die deutschen Single-Charts. Zwölf dieser Lieder wurden Top-10-Hits, sechs davon wiederum erklommen sogar Platz eins der deutschen Charts, diese Titel waren

  • 1962: Conny Froboess - "Zwei kleine Italiener"
  • 1979: Dschinghis Khan - "Dschinghis Khan"
  • 1982: Nicole - "Ein bißchen Frieden"
  • 2004: Max Mutzke - "Can’t Wait Until Tonight"
  • 2006: Texas Lightning - "No No Never"
  • 2010: Lena - "Satellite"

Stefan Raab und der ESC: Es begann mit einem Lied für Guildo Horn

Wie hat Stefan Raab den ESC aus deutscher Sicht beeinflusst? Viele kennen Stefan Raab hauptsächlich als TV-Moderator - doch der gelernte Metzger betätigte sich auch erfolgreich als Sänger, Komponist und Musikproduzent. Erstmals beim Eurovision Song Contest in Erscheinung trat Stefan Raab im Jahr 1998: Er hatte für den ESC-Teilnehmer Guildo Horn den Titel "Guildo hat euch lieb!" geschrieben. Das Lied hatte Stefan Raab unter dem Pseudonym "Alf Igel" komponiert - eine Verballhornung des Namens des Schlagerproduzenten Ralph Siegel, der bereits viele Titel für den ESC komponiert hatte. Auch Nicoles Siegerlied "Ein bisschen Frieden" von 1982 stammt musikalisch aus der Feder von Ralph Siegel.

Guildo Horn trat beim ESC 1998 für Deutschland in Birmingham an.

Als der "ausgeflippte" Guildo Horn für Deutschland zum ESC fuhr, lebte die Begeisterung der Deutschen für den Eurovision Song Contest wieder auf - zuvor hatten sich immer weniger Leute dafür interessiert. Der Titel "Guildo hat euch lieb!" landete beim ESC in Birmingham auf einem beachtlichen 7. Platz.

Gelernter Metzger beim Eurovision Song Contest: 2000 tritt Stefan Raab an

Im Jahr 2000 fuhr Stefan Raab dann selbst zum ESC. Mit dem Lied "Wadde hadde dudde da?" landete er in Stockholm auf einem respektablen 5. Platz. 2004 castete Stefan Raab dann unter dem Titel "SSDSGPS - Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star" einen Kandidaten für den deutschen ESC-Vorentscheid. Für den SSDSGPS-Sieger Max Mutzke komponierte Stefan Raab den Song "Can’t Wait Until Tonight", mit dem Mutzke beim ESC in Istanbul auf dem achten Platz landete. 

Der größte Erfolg für Stefan Raab beim Eurovision Song Contest sollte sechs Jahre später kommen: 2010 suchte Stefan Raab in der achtteiligen Castingshow "Unser Star für Oslo" den deutschen Teilnehmer für den ESC. Siegerin wurde Lena Meyer-Landrut mit dem Titel "Satellite" - am Ende sollte Lena mit dem Lied auch den ESC 2010 gewinnen. Es war der zweite - und vorerst auch letzte - ESC-Sieg für Deutschland nach Nicole und "Ein bisschen Frieden" im Jahr 1982.

2011 ESC seit 1982 wieder in Deutschland - im Vorfeld peinliche Panne

Mit dem Sieg von Lena konnte der Eurovision Song Contest im Jahr 2011 zum ersten Mal nach 1983 wieder in Deutschland stattfinden. Als Veranstaltungsort würde Düsseldorf ausgewählt. Dabei unterlief der Gastgeber-Stadt im Vorfeld der Veranstaltung ein ziemlich peinlicher Patzer: In einer Broschüre zum ESC wurde wegen eines Rechtschreibfehlers nicht zum "Aktionstag der Schulen" sondern zum "Aktionstag der Schwulen" eingeladen. Die Folge: 65.000 Exemplare müssen ausgebessert werden.

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