Deutschlands kontroverseste Band

Böhse Onkelz: Alle Infos über die Skandalrocker um Frontmann Kevin Russell

Böhse Onkelz-Sänger Kevin Russell singt bei einem Auftritt auf dem Matapaloz-Festival
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Böhse Onkelz-Frontmann Kevin Russell bei einem Auftritt in Leipzig (Archivbild)

Sie sind die wohl kontroverseste Rockband Deutschlands: Seit vier Jahrzehnten werden die Böhsen Onkelz gleichermaßen geliebt wie gehasst. Besonders Frontmann Kevin Russell provozierte über die Jahre immer wieder. Alle Informationen zu den umstrittenen Rockern, ihren größten Alben und ihrem Werdegang.

  • Seit vier Jahrzehnten sind die Böhsen Onkelz fester Bestandteil der deutschen Rockszene
  • In der Vergangenheit fielen Frontmann Kevin Russell und seine Kollegen immer wieder negativ auf
  • Inzwischen gelten die Frankfurter als rehabilitiert und besitzen viele prominente Fürsprecher und Fans

Frankfurt am Main - Eines war von Beginn an klar: Frontmann Kevin Russell und seine Böhsen Onkelz sind nicht die nette Band von nebenan. Dafür provozierten und polarisierten die Frankfurter bereits in ihren Anfangstagen zu extrem. Die Rockband sympathisierte in den frühen 1980ern offen mit rechtem Gedankengut - ein Ruf, der die Onkelz, wie sie liebevoll von ihren Fans genannt werden, bis heute verfolgt. Doch aus wütendem Rechtsrock (Sind Böhse Onkelz rechts? Rockband bei Fans und Kritikern umstritten) wurden massentaugliche Hymnen, man engagierte sich für soziale Zwecke und arbeitete die eigene Vergangenheit sorgfältig auf. Dennoch gelten die Böhsen Onkelz nach wie vor als Enfant terrible der deutschen Rockszene.

Böhse Onkelz: Frühe Anfänge und erste Skandale

Insbesondere die Anfangsjahre der Böhsen Onkelz gestalteten sich äußerst turbulent. Inspiriert durch die aufkeimende Punkszene beschlossen die Freunde Kevin Russell (Gesang), Stephan Weidner (Bass) und Peter Schorowsky (Schlagzeug) im November 1980, eine eigene Rockband zu gründen. 1981 wurde die Gruppe durch den Beitritt von Matthias Röhr (Gitarre) komplettiert. Bereits die erste Demoaufnahme enthielt das ausländerfeindliche Lied „Türken raus“, welches die damalige Gesinnung der Band klar unterstrich. Ein Fehler, den die Onkelz heute offen zugeben, wie sie auf ihrer Homepage kommunizieren. Mit der Veröffentlichung ihres Songs „Deutschland den Deutschen“ drifteten die jungen Musikern endgültig in die rechte Szene ab. Es folgten die Indizierung des Debütalbums „Der nette Mann“ (das gleichnamige Lied wurde erst 2019 vom Index genommen), diverse Auftrittsverbote und die Weigerung großer Handelsketten, Alben der Band in ihr Sortiment aufzunehmen.

Böhse Onkelz: Auf dem Weg nach oben

Ab Mitte der 1980er vollzogen die Böhsen Onkelz nach und nach einen Imagewandel. Die Rocker distanzierten sich zunehmend von rechtem Gedankengut und der damit verbundenen Szene. So kam es zum Bruch mit ihrem ehemaligen Label, das hoffte, dank der problematischen Vergangenheit der Band gezielt ein rechtes Publikum anzusprechen. Im Zuge rassistischer Ausschreitungen in Deutschland ergriffen die Onkelz die Möglichkeit, sich klar gegen Rechtsextremismus zu positionieren. Eindeutige Ansagen und die Unterstützung sozialer Projekte führten schließlich dazu, dass sich prominente Fürsprecher - darunter der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit - gegen eine Stigmatisierung der Band aussprachen. Trotz erster Charterfolge mit den Alben „Weiß“ und „Schwarz“ und einem klaren Statement von Bassist Stephan Weidner, der im Rock Hard-Magazin die rechte Szene als „braune Scheiße“ betitelte, betrachtete man die Onkelz weiterhin mit gemischten Gefühlen.

Vier Männner, die deutsche Musikgeschichte schrieben: Die Böhsen Onkelz

Böhse Onkelz: Läuterung und Charterfolge

Dies änderte sich erst ab 1995, als die Böhsen Onkelz einen Plattenvertrag beim Branchenriesen Virgin Records unterschrieben. Dadurch wuchs nicht nur ihre Fangemeinde kontinuierlich, auch große Einzelhandelsketten entschlossen sich, Alben der Band wieder in ihr Sortiment aufzunehmen. Zudem kam es zu immer übleren Anfeindungen aus der rechten Szene, die ihren einstigen Helden vorwarfen, sich nun endgültig verkauft zu haben. Den Onkelz war das jedoch herzlich egal: Frontmann Kevin Russell und seine Männer waren ganz oben angekommen, landeten 1998 mit „Viva los Tioz“ erstmals auf Platz eins der deutschen Albumcharts und gründeten sogar ihr eigenes Label. Zwischen 2000 und 2004 veröffentlichten die Rocker drei äußerst erfolgreiche Alben, die allesamt die Spitze der Charts erreichten. Parallel dazu engagierte sich die Band weiterhin gegen Rechtsextremismus und trat 2003 sogar als Vorgruppe der Rolling Stones auf.

Böhse Onkelz: Ihre Nummer-eins-Alben im Überblick

AlbumtitelErscheinungsdatumGeschätzte Verkaufszahlen (Deutschland)
Viva los Tioz4. September 1998+ 250.000
Ein böses Märchen ... aus tausend finsteren Nächten20. März 2000+ 300.000
Dopamin15. April 2002+ 150.000
Adios26. Juli 2006+ 200.000
Memento28. Oktober 2016+ 200.000
Böhse Onkelz28. Februar 2020+ 100.000

Böhse Onkelz: Bandauflösung und Comeback

Im Mai 2004, noch vor Erscheinen ihres vorerst letzten Albums „Adios“, kündigten die Böhsen Onkelz ihren Abschied an. Es folgten ein Auftritt beim weltweit bekannten Metal-Festival in Wacken (Schleswig-Holstein) und eine ausverkaufte Abschiedstournee. Intern kam es jedoch vermehrt zu Unstimmigkeiten, insbesondere zwischen Gitarrist Matthias Röhr und Bassist Stephan Weidner, der ab 2008 unter dem Namen Der W eine Solokarriere verfolgte, krachte es immer wieder. Doch auch nach dem Ende der Band hielt der Erfolg der Onkelz an: So findet seit 2006 regelmäßig die Größte Onkelz Nacht Deutschlands (kurz: G.O.N.D.), ein Musikfestival zu Ehren der Rocker, statt. Nachdem immer wieder Gerüchte um eine Reunion aufgekommen waren, verkündeten die Onkelz 2014 - nach Beilegung aller Streitigkeiten - ihr heiß ersehntes Comeback. Zu ihren ersten Shows auf dem Hockenheimring pilgerten 2014 etwa 100.000 Fans, 2015 waren es sogar über 350.000. Mit „Memento“ (2016) und „Böhse Onkelz“ (2020) gelang den Rockern zudem erneut der direkte Sprung auf Platz eins der Albumcharts. Damit positionierten sich die Onkelz rekordverdächtige sechsmal in Folge an der Spitze der Charts.

Böhse Onkelz: Ihr Standing in der Szene

Besonders innerhalb der deutschen Rockszene polarisierten die Böhsen Onkelz nach ihrem hart erkämpften Aufstieg sehr. So äußerten sich die Die Toten Hosen immer wieder recht kritisch zur bewegten Vergangenheit der Rocker, während die legendäre Punkband Die Ärzte in ihrer Anti-Nazi-Hymne „Schrei nach Liebe“ die Onkelz sogar namentlich erwähnt und angreift. Doch die Frankfurter Kultband hat mit ihrer Musik auch vielen anderen Bands den Weg nach oben geebnet: So benannte sich die 1998 gegründete Rockband Kneipenterroristen nach dem gleichnamigen Onkelz-Album von 1988 und führt ihre Anfänge direkt auf das Schaffen von Kevin Russell und seinen Kollegen zurück. Auch Künstler anderer Genres sympathisieren mit den Deutschrockern: Die Rapper Moses Pelham und Vega gelten als große Fans der Band, während Vorzeigeprovokateur Bushido in einem Welt-Interview 2011 sogar angab, sich eine Zusammenarbeit mit den Onkelz vorstellen zu können.

Böhse Onkelz: Ihre größten Hits und Erfolge

Der Erfolg der Böhsen Onkelz ist insbesondere auf packende, massentaugliche Rock-Hymnen zurückzuführen. Hits wie „Auf gute Freunde“, „Wir ham‘ noch lange nicht genug“, „Mexico“ oder „Nichts ist für die Ewigkeit“ dürfen auf keinem Konzert fehlen und werden von den Fans nach wie vor absolut textsicher (Böhse Onkelz: Die besten Zitate der Rockband um Kevin Russell) mitgesungen. Mit knapp 817.000 monatlichen Hörern bei Spotify gehören die Deutschrocker zu den erfolgreichsten Künstlern des Genres. Insgesamt hat die Band 17 Studioalben veröffentlicht, von denen ein Großteil mit Gold oder Platin ausgezeichnet wurde. Bassist Stefan Weidner gab in einer Dokumentation auf seinem YouTube-Kanal an, die Band habe insgesamt mehr als zehn Millionen Tonträger verkauft. Auch in Österreich und der Schweiz erreichen die Onkelz mit ihren Alben regelmäßig Spitzenplätze.

Böhse Onkelz: Darum polarisiert Frontmann Kevin Russell

Insbesondere Sänger Kevin Russell sorgte aufgrund verschiedener Eskapaden immer wieder für Schlagzeilen. Der gebürtige Hamburger hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, die von schweren Schicksalsschlägen durchzogen ist. So war Russell lange Zeit drogenabhängig und trank täglich „viereinhalb Liter Jägermeister“, wie er 2015 in einem Focus-Interview zugab. Auch mit dem Gesetz geriet der Frontmann bereits aneinander: Am Silvesterabend 2009 verursachte Russell im Drogenrausch einen schweren Verkehrsunfall und beging anschließend Fahrerflucht. Dabei verletzte er zwei junge Männer dermaßen stark, dass die Unfallopfer zeitweise sogar in Lebensgefahr schwebten und bleibende Schäden davontrugen. Ein Gericht verurteilte ihn schließlich zu einer Haftstrafe, die er aufgrund gesundheitlicher Probleme größtenteils im Gefängniskrankenhaus und später in einer Therapieeinrichtung verbrachte. Bereits im November 2000 erlitt Russell einen Autounfall, bei dem er sich schwer verletzte.

Nachdem er einen schweren Verkehrsunfall verschuldete, musste sich Kevin Russell im Herbst 2010 vor Gericht verantworten

Böhse Onkelz: Engagement abseits der Musik

Trotz oder womöglich gerade aufgrund ihrer turbulenten Vergangenheit sind die Böhsen Onkelz seit Jahrzehnten auch abseits der Bühne sehr engagiert. So positionierten sich die Rocker wiederholt gegen Rassismus, Rechtsextremismus und ausländerfeindliche Tendenzen. Bassist Stephan Weidner setzte 2015 ein eindeutiges Zeichen, als er sich bei Facebook für die Aufnahme von Flüchtlingen aussprach. Des Weiteren unterstützt die Kultband seit Jahren Opfer rechtsextremer Gewalt, startete Hilfsaktionen für Peru und Afghanistan, setzt sich für den Schutz von Delphinen ein und kooperierte bereits mit der AIDS-Hilfe. Damit haben die Deutschrocker einen vorbildlichen Imagewandel vollzogen, mit dem in den Anfangsjahren wohl niemand gerechnet hätte.

Infos über den Autor

Jonas Erbas, Volontär bei extratipp.com, schreibt über Themen aus den Bereichen TV, Stars, Schlager und die Welt der Musik. Egal ob Metal, Rock, Pop oder Hip-Hop – Jonas kennt und liebt die Welt der Musik. Mehr Infos zur Redaktion und dem Team von extratipp.com gibt es hier.

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