Vogelpaar legt Millionen-Projekt lahm

+
Im Eppsteiner Ortsteil Niederjosbach entsteht das Neubaugebiet Hollergewann. 51 Einzel- oder Doppelhäuser sollen dort einmal stehen. 

Eppstein – 51 Baugrundstücke für Einzel- oder Doppelhäuser entstehen in Eppstein-Niederjosbach. Bereits seit 30 Jahren laufen die Planungen. Doch kaum war der Spatenstich gemacht, musste die Arbeit an dem 7,5 Millionen-Euro-Projekt für Wochen ruhen. Der Grund: Ein Vogelpaar brütete Eier aus. Von Julia Renner

Am 22. Juni stand der feierliche Spatenstich an – doch danach passierte erst einmal nichts, dreieinhalb Wochen lang. Ein Vogelnest war entdeckt worden. Stadt, Untere Naturschutzbehörde und ein Gutachter wurden eingeschaltet und schnell war klar: Das Nest gehört einem Neuntöter-Paar.

Um ihn geht’s: Der Neuntöter.

Der Zugvogel stand bis vor einigen Jahren auf der Roten Liste, der Bestand war also bedroht. Doch jetzt erholt er sich wieder. Trotzdem: Weil das Weibchen gerade brütete, hieß es für alle beteiligten Baufirmen: Bagger und Presslufthammer ausstellen und nach Hause gehen. Denn die Tierchen sind nicht nur selten, sondern auch sehr lärmempfindlich. Damit die Vogel-Mama in Ruhe ihren Nachwuchs ausbrüten konnte, wurde also ein kompletter Baustopp verfügt. „Dies betraf die gesamte Fläche von 53.000 Quadratmetern“, sagt Helene Herich, Sprecherin des Erschließungsträgers Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft (DSK) aus Wiesbaden.

Seit dem 16. Juli wird nun weiter gebaut, allerdings auch nur eingeschränkt. „Zur Zeit sind die Bereiche, wo der Neuntöter seinen Schonraum hat, mit Flatterband abgesperrt“, sagt Herich. Gut 10.000 Quadratmeter groß ist dieser Schonraum für das Vogelpaar. Ein von der DSK bezahlter Gutachter überprüft das Nest regelmäßig. Erst wenn das Vogelpaar nach Afrika fliegt, kann im gesamten Baugebiet weiter gearbeitet werden. „Wann er das Nest verlässt, wissen wir jedoch nicht.

Berthold Langenhorst, Sprecher des Nabu Hessen, kann diese Frage beantworten: „Ende August, Anfang September fliegt der Neuntöter nach Afrika.“ Der Vogel, sagt Langenhorst, ist in Hessen mittlerweile selten geworden. Was vor allem daran liegt, dass es immer weniger Hecken und Streuobstwiesen gibt. Noch etwa 20.000 Neuntöter gebe es in Hessen.

Dass es sich zwei von ihnen am Neubaugebiet Hollergewann bequem gemacht haben, „das hat anfangs keinem geschmeckt“, weiß Eppsteins Erster Stadtrat Alexander Simon. Mittlerweile könnten aber alle „darüber schmunzeln“, dass zwei Vögel die Baustelle über Wochen lahmlegten. Dabei bedeutete das auch für die Stadt Eppstein Mehrarbeit. Denn es musste eine Nacherhebung des Bebauungsplans gemacht werden, um den Auflagen des Artenschutzes gerecht zu werden.

Auch für DSK war es nicht das erste Mal, dass sie wegen bedrohter Tiere die Arbeit unterbrechen mussten. Das komme „gelegentlich“ vor, sagt Helene Herich. Denn der Artenschutz habe in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Wie viel der Baustopp den Erschließungsträger gekostet hat, darüber kann das Unternehmen keine Angaben machen. Beruhigend wird für die Wiesbadener jedoch eine Tatsache sein: Wenn die Vögel im nächsten Jahr aus Afrika zurückkommen, suchen sie sich in jedem Fall einen neuen Brutplatz aus.

Kommentare