Bei euch piept´s wohl!

Zu viel Futter: Falsche Tierliebe gefährdet unsere Vögel

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Region Rhein-Main – Vögel  brauchen keine Hilfe bei der Futtersuche. Außer bei Frost und Schnee. Trotzdem werden die Piepmätze mit Meisenknödel, Hanfsamen und Sonnenblumenkernen regelrecht überhäuft. Ob man den Vögeln und dem Naturschutz damit hilft, darüber herrscht Uneinigkeit. Von Dirk Beutel 

Wieder ein milder Winter. Kaum Schneefall und von Frost kaum eine Spur. Trotzdem füllen die Deutschen fast schon zwangsweise ihre Futterstellen für Wildvögel auf. Manfred Ernst kann darüber nur den Kopf schütteln. Seit über 30 Jahren ist er Jäger und mit der Natur vertraut. Er kritisiert das Zufüttern von Wildvögeln: „Man sollte nur füttern, wenn es richtig Winter ist. Wenn es über längere Zeit eine geschlossene Schneedecke gibt und richtig Frost. Bei einem so milden Winter wie diesmal nehmen die Vögel das Futter nicht mal an.“

Tatsächlich kommt es Jahr für Jahr unter Experten zur Diskussion: Füttern oder nicht? Die einen schwören aufs Füttern, weil der Mensch vielen Vögeln die Nahrungsgrundlage entzogen habe, die anderen sehen darin falsch verstandene Tierliebe. Tatsache: Vögel, die bei uns überwintern, sind nicht auf das Futter vom Menschen angewiesen. „Vor Jahrzehnten sind die Vögel auch ohne zusätzliches Futter durchgekommen“, sagt Ernst. Sein Appell: Wenn Füttern, dann nur zur rechten Zeit und in Maßen.

Industrie rund um das Füttern

Dabei hat sich längst eine wahre Industrie rund um das Füttern von Vögeln entwickelt. Meisenknödel, Sonnenblumenkerne, gehackte Erdnüsse, Hanfsaat  – die Produktpalette lässt keine Wünsche offen. Aber hilft viel auch viel? „Erst bei einer dauerhaft geschlossenen Schneedecke und anhaltendem Frost werden die natürlichen Nahrungsquellen für Vögel knapp. Grundsätzlich empfehlen wir auf die Fütterung von wildlebenden Tieren zu verzichten“, bestätigt Magnus J. K. Wessel vom BUND.

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Verantwortung am Futterspender

Caterina Mülhausen, Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes setzt noch einen drauf: „Die natürliche Selektion  wird durch die Futtergaben, mit denen zuweilen auch noch Arzneistoffe  verabreicht werden, unterbunden. Dies beeinflusst nicht nur die Anzahl der überlebenden Tiere, sondern auch deren Konstitution. Künstlich auf hohem Niveau gehaltene Wildbestände  sind schließlich ohne regelmäßige Zufütterung nicht überlebensfähig und schädigen den Wald. Die obligatorische Winterfütterung beeinträchtigt also das ökologische Gleichgewicht massiv oder zerstört es sogar.“ Tatsächlich sei es durchaus möglich, dass durch die Fütterung Vögel durch den Winter kommen, die es sonst nicht geschafft hätten und so im Frühjahr zurückkehrenden Zugvögeln Nistplätze streitig machen könnten.

Mit anderen Worten: Vögel füttern bringt dem Naturschutz nichts. Wessel: „Mit natürlichen Nahrungsquellen ist den Vögeln weit mehr geholfen als mit Vogelfutter.“ Zumal bedrohte Arten sowieso nur extrem selten an die Futterstellen kommen.

Krankheitserreger können sich verbreiten

Und noch eine Gefahr droht für die Tiere: Vor allem in Vogelhäuschen laufen unterschiedliche Vögel auf dem Futter herum, beschmutzen es, wodurch Krankheitserreger verbreiten können. „Krankheiten können sich tatsächlich schnell an Fütterungen ausbreiten. Hier ist eine gute Hygiene sehr wichtig, also regelmäßige Säuberung der Futterstelle und möglichst auch regelmäßige Verlagerung des Futterplatzes“, sagt Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz. Dazu kommt, wenn das Vogelhaus falsch angebracht ist, kann es sogar Fressfeinde anlocken.

Warum sind sich Experten nicht einig?

Wichtig auch, dass das richtige Futter gegeben wird. Vor allem keine Essensreste. Mülhausen: „Unsachgemäße Fütterung schadet den Tieren mehr als gar keine Fütterung.“

Aber warum herrscht unter Experten Uneinigkeit bei diesem Thema? Eric Neuling Vogelschutz-Experte vom NABU-Bundesverband: „Es gibt nicht den Vogelschutz an sich. Am besten ist es immer, wenn der natürliche Lebensraum der Vögel erhalten bleibt und ausreichend Nistplätze vorhanden sind. Maßvolles und sachgerechtes Zufüttern selbst in Ordnung aber im Grunde überflüssig.“

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