Urzeit-Kroko zerriss Beute mit Todesrolle

Von Christian ReinartzGrube Messel - Die Luft flirrt über der Wasseroberfläche. Riesige Insekten fliegen brummend durch die schwüle Hitze. Ein possierlicher Wasservogel landet auf der Seeoberfläche, um sich Erfrischung zu verschaffen.

Kaum sind seine Beine in das kühle Nass des Sees eingetaucht, erheben sich zwei Nüstern zwischen den schilfähnlichen Pflanzen am Ufer. Ein majestätischer Echsenkörper schiebt sich lautlos in die Fluten. Das nahende Unheil bemerkt der Vogel nicht einmal. Plötzlich schießt der mit Fangzähnen besetzte Kiefer nach vorne, schließt sich mit der Kraft eines Schraubstocks und reißt seine Beute mit einer Drehung - der "Todesrolle" - in die Tiefe. Doch diese Szene entstammt nicht etwa einem sielmannschen Tierfilm über Alligatoren. Sie ist viel älter - älter als die Menschheit. Genauer gesagt 47 Millionen Jahre. Und genauso alt ist auch das Urzeit-Krokodil, dass damals Angst und Schrecken in der Tierwelt des Eozäns verbreitete. Das Reptil hört auf den wissenschaftlichen Namen "Diplocynodon". Dieser bezeichnet eine einem Kaiman ähnliche Panzerechse, die der Familie der Alligatoren zugerechnet wird. Auch der Handlungsort des Dramas dürfte so manchen Leser-Mund offen stehen lassen: Die Grube Messel bei Darmstadt mit subtropischem bis tropischem Klima.

In dem See sind im Lauf der Jahrmillionen unzählige Säuger, Reptilien, Insekten, Fische und Pflanzen so gut konserviert worden, dass die Grube seit Ende 1995 den Titel "Weltkultur- und Naturerbe der Menschheit" tragen darf.

Präparator Michael Ackermann kennt das zugewucherte Gelände wie seine Westentasche. Er war es auch, der die Panzerechse im meterdicken Ölschiefer entdeckt hat. "Am Anfang habe ich nur ein paar Buckel im Stein erkannt", erinnert er sich: "Da ist man ganz schön aufgeregt, weil man ja wissen will, was man jetzt gefunden hat." Mittlerweile liegt der ehemals 350 Kilogramm schwere Steinblock im Präparations-Raum. Ackermann hat in Sisyphos-Arbeit mit kleinsten Metallspateln und Nadeln den Schiefer um die Gebeine des Urzeit-Monsters weg geschabt. Was da zum Vorschein gekommen ist, wurde fast unversehrt erhalten. Nur der Kopf ist "in Teilen zerbröselt". Selbst die Panzerplatten samt Hautstruktur sind bis ins Detail zu erkennen und lassen erahnen, wie gefährlich der Urzeit-Jäger mit seinen scharfen Zähnen war.

Angst davor, in den heimischen Seen Baden zu gehen, braucht indes niemand haben. Ackermann: "Das Klima hat sich im Lauf der 47 Millionen Jahren so verändert, das es hier viel zu kalt für unser ,Diplocynodonâ?? wäre."

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