Listenhunde zu Unrecht am Pranger?

Tierarzt: Klischees zu Listenhunden treffen selten zu

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Hunde wie der American Staffordshire Terrier gelten als aggressiv und gefährlich.

Region Rhein-Main – Dieser Fall schockierte: Im April 2013 griff ein Kampfhund einen Neunjährigen in Eschborn an und verletzte ihn schwer. Der Halter bekam eine Bewährungsstrafe. Oft haben wir Menschen schuld am aggressiven Verhalten der Hunde. Von Fabienne Seibel 

Der Junge aus Eschborn leidet noch immer unter dem Angriff des American Stafforshire Terriers vor einem Jahr. Zahlreiche Operationen musste er über sich ergehen lassen und auch psychische Beschwerden machen ihm zu schaffen. In solchen Fällen geraten sogenannte Listenhunde, die aufgrund ihrer Rasse als potenzielle gefährlich gelten, immer wieder ins Schussfeld der Öffentlichkeit. Dabei werden Listenhunde wie der American Staffordshire Terrier teilweise von uns Menschen zu Fehlverhalten erzogen.

Jeder Hund kann aggressiv sein

Dr. Stephan Gronostay, Tierarzt und Leiter der Offenbacher Hundeschule „Sicher auf vier Pfoten“, ist spezialisiert auf verhaltensauffällige Hunde und Katzen. Er erklärt: „Das Potenzial zu Aggressionen steckt in jedem Hund. Der Mensch hat in seinem Umgang und der Erziehung eines Hundes großen Einfluss darauf, wie er sich entwickelt und verhält.“ Seit elf Jahren prüft Gronostay Listenhunde oder Hunde, die auffällig geworden sind, mit Wesenstests. Er sagt: „Das Verhalten hängt nicht allein von der Rasse ab, sondern ebenso davon, wie der Hund sozialisiert wurde. Zusammen mit der Genetik und dem Charakter des Tieres führt dies zu einem individuellen Ergebnis. Die Klischees treffen oft nicht zu. Es gibt zum Beispiel viele Staffordshire Terrier, die freundlich sind.“

Legt man sich einen Listenhund zu, muss dieser einem Wesenstest unterzogen werden. Dabei werden verschiedene alltägliche Szenarien nachgestellt. „Der Hund wird zum Beispiel irgendwo angebunden und der Prüfer läuft nah an ihm vorbei. Er muss Fußgängern begegnen und sich anfassen lassen. Das hat aber weniger mit Streicheln zu tun, sondern mit eingänglichem Prüfen wie bei einer medizinischen Untersuchung“, sagt Gronostay. Damit tun sich ihm zufolge manche Hunde schwer. „Manche Hunde weichen zurück oder fühlen sich unwohl.“ Zeigt der Hund auf irgendeine Weise gesteigert aggressives Verhalten und könnte dadurch zur Gefahr werden, besteht er den Test nicht. Dann wird das Tier dem Halter entzogen. Meist bedeutet das ein Leben im Tierheim.

Aufwendige Haltung

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Gronostay: „Es gibt jedoch auch Leute, die sich Listenhunden aus Tierschutzgründen annehmen. Doch man muss sich darüber bewusst sein, dass das Halten solcher Hunde einige Hürden mit sich bringt.“ Die Haltungskosten sind wegen des Wesenstests, der alle zwei bis vier Jahre wiederholt werden muss, recht hoch und auch die Steuern fallen höher aus. Zudem müssen Halter einen Sachkundenachweis erbringen, in dem er seine Kenntnisse zum Umgang mit dem Hund unter Beweis stellt. Die kritischen Blicke der Öffentlichkeit zählen auch zu den unangenehmen Seiten bei der Haltung eines als potentiell gefährlich geltenden Hundes.

Fakt ist laut Gronostay allerdings: „Wie jedes andere soziale Wesen auch wird ein Hund durch seine Umwelt geprägt und kommt nicht böse und aggressiv zur Welt.“

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