Überpopulation, weil Jäger nicht genug schießen

Hunger treibt Bambi in unseren Vorgarten

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Als die Rehe den Wald verließen: Jetzt kommen sogar die scheusten Tiere in unserer Stadt.

Region Rhein-Main – Jetzt kommen sogar schon Rehe auf der Suche nach Futter in unsere Städte. Denn im Wald wird der Platz eng. Die Rehpopulation scheint Überhand zu nehmen. Von Christian Reinartz

Der Grund: Jäger schießen nicht so viel Wild, wie sie eigentlich sollten, damit sie bei der Jagd immer was vor die Flinte bekommen. Und das Forstamt kann nichts ausrichten, weil der Wald im Rhein-Main-Gebiet zu zerstückelt ist.

Immer mehr Wild gesichtet

In Zeppelinheim passiert es fast jede Nacht. Dann kommen Rehe und Hirsche in die Siedlung und fressen die Vorgärten kahl. In Rodgau hetzt ein Reh wild durch die Stadt, bleibt in einem Gartenzaun stecken und verendet an seinen Verletzung trotz spektakulärer Rettungsaktion der Feuerwehr. Und in den Taunusstädten wird ebenfalls immer wieder Wild gesichtet. Es sind Fälle wie diese, die einen Hinweis auf das geben, was in den Tiefen des Waldes im Rhein-Main-Gebiet seit Monaten wächst: Eine riesige Population Rehwild. So viel, dass der heimische Wald nicht mehr genug Platz für die scheuen Tiere bietet. Und nicht genug Futter. „Die leiden unter sogenanntem Dichtestress. Also beginnen die Rehe und Hirsche auch mit der Futtersuche in bebauten Gebieten“, erklärt Referent Mark Harthun vom Naturschutzbund Hessen. „Aber das ist ein absolut unnatürliches Verhalten, denn eigentlich sind diese Tiere extrem scheu und meiden jeden Kontakt zum Menschen.“

Ist die Lage in den Wäldern also so dramatisch, dass den Rehen gar nichts anderes übrig bleibt, als unsere Siedlungen zu erobern?

„Ja, schließlich gibt es in einem so dicht besiedelten Gebiet kaum Ausweichmöglichkeiten“, sagt Harthun.

Tiere haben die Scheu verloren

Christian Münch

Auch beim Hessischen Forstamt in Langen weiß man von dem Problem. „Rehe sind Opportunisten“, sagt Forstamtsleiter Christian Münch: „Die gehen dahin, wo es das beste Futter gibt. Und dazu gehören Vorgärten mit ihrer gedüngten Bepflanzung.“ Darüber hinaus verliere das Wild im Lauf der Zeit seine natürlich Scheu vor dem Menschen. „Denn im Wald ist mittlerweile zu jeder Tages- und Nachtzeit Trubel durch Spaziergänger und Sportler.“ Laut Münch, wüssten die Tiere mittlerweile ganz genau, dass ihnen im bebauten Gebiet keine Gefahr durch Jäger droht.

Dabei sind die es, die laut Naturschutzbund letztendlich für das Problem mitverantwortlich sind. Statt nämlich die Population durch Abschüsse auf einem gesunden Niveau zu halten, kommen manche Weidmänner offenbar absichtlich ihrem Auftrag nicht nach. Mark Harthun: „Die wollen natürlich, dass bei der Jagd auf jeden Fall genug Wild vor die Flinte läuft.“ Münch ergänzt: „Oft ist es auch so, dass das Wild sich so gut im Wald versteckt, dass es für den Jäger nicht sichtbar wird.“

Population durch Abschuss in Zaum halten

Ausbaden dürfen das die Förster, die verzweifelt versuchen, in ihren Gemarkungen für einen gesunden Rehbestand zu sorgen. „Aber das ist schwierig“, sagt Münch. „Denn die Rehe halten sich nicht an Grenzen und wir sind nicht auf allen Flächen jagdberechtigt.“

Abhilfe könnten laut Münch nur regelmäßige gemeinschaftliche Bewegungsjagden im Herbst sorgen. „Dafür müssten alle Jäger an einem Strang ziehen. Aber da machen halt viele nicht mit, weil sie ihre Rehe lieber selbst schießen wollen.“

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