Amtstierärztin überlässt Lämmer dem Hungertod

Obertshausen - Als die Klappe des silbernen Sattelschleppers aufgeht, verlieren 28 gestandene Bauern den Kampf gegen die Tränen. 60 zum Teil wenige Stunden alte Lämmchen torkeln völlig entkräftet die Rampe hinunter, schreien bitterlich, brechen zusammen, rappeln sich mühsam wieder auf, schreien weiter. Von Christian Reinartz

Sie rufen nach ihren Müttern, die im Stall warten, brauchen Milch. Vier von ihnen sind schon gestorben. Sie spüren instinktiv, dass das ihre letzte Chance ist, zu sehr hat die 36-stündige Tortour, die hinter ihnen liegt, sie geschwächt. Eine Tortour, die jetzt für die verantwortliche Amtstierärztin ein juristisches Nachspiel haben wird.

Den Transport zu einer thüringischen Schaf-Schlachterei hatte Evelin Jugl, die leitende Veterinärin des Kreises Offenbach Mitte vergangener Woche angeordnet. Ihre Diagnose: Moderhinke, eine gut behandelbare Huf-Infizierung mit Bakterien. Dennoch nahm sie Schäfer Gottlieb Walter seine Herde einfach weg - mit Polizeigewalt.

Ich habe die Welt nicht mehr verstanden“, erinnert sich Walter, während er einem abgemagertem Schäfchen, das gierig schluckt, die Flasche gibt: „Als ich Frau Jugl dann im Beisein der Polizei darauf hingewiesen habe, dass dieser Transport für die jungen Lämmchen den Hungertod bedeutet, hat sie nur gesagt: ,Zur Kenntnis genommen.“ Die Tierärztin ließ schonungslos aufladen und schickte den Transporter mit den Neugeborenen auf die Autobahn - ohne lebenswichtige Muttermilch.

Gestoppt wurde der Wahnsinn erst in Thüringen. Schaf-Schlachter Baumann, bei dem die Tiere erstmal unterkommen sollten, merkte sofort, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war, dass zahlreiche Lämmer ohne Mütter waren. Sofort verständigte er den Amtstierarzt des Saale-Ohrla-Kreises in Schleiz. Der bestätigte seine Beobachtung und stellte den ganzen Transport in Frage. Seine Diagnose: Nahezu alle Tiere sind kerngesund.

Baumann schickte daraufhin den Sattelschlepper auf eigene Faust zurück nach Hausen. Dort wurden die Tiere noch einmal vom Vorsitzenden des hessischen Schafzüchterverbands, Reinhard Heintz, begutachtet. „Er hat auch bestätigt, dass meine Tiere gesund sind“, sagt Walter.

Geschafft haben seine Schäfchen es aber noch lange nicht. „14 abgemagerte Lämmer werden nach der Trennung nicht mehr von ihren Müttern angenommen“, berichtet er. Er wird nun versuchen, sie mit der Flasche großzuziehen.

Die gesamte Obertshausener Bauernschaft ist wegen der Willkür, für die Evelin Jugl nach ihrer Aussage bekannt sein soll, aufgebracht. Sie wollen jetzt alles menschenmögliche in Bewegung setzen, „damit die Tiere nicht einer durchgedrehten Tierärztin zum Opfer fallen.

Auch Gottfried Walters Anwalt, Dieter Hübner, der auf Tierrecht spezialisiert ist, fährt schwere Geschütze auf: „Wir haben Strafanzeige gegen Frau Jugl gestellt und eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht.“ Die von Jugl selbst ausgestellte einstweilige Verfügung beim Landgericht lasse er aufheben. „Was diese Frau gemacht hat, geht definitiv weit über ihre Dienstpflicht hinaus.

Nach einer langen Sitzung zu diesem Thema im Kreishaus am Freitagmittag, stellte sich Kreispressesprecherin Kordula Egenolf hinter Jugl: „Es wurde am Mittwoch eine Vernachlässigung festgestellt, woraufhin die Tiere abtransportiert wurden.“ Die genauen Umstände wollte sie nicht kommentieren: „Das ist ein laufendes Verfahren. Deswegen sage ich nichts.

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