Traumreise ins Blaue

+
Wo sich das Blau des Himmels mit dem Blau des Ozeans trifft: Nostalgische Kreuzfahrt vor der türkischen Küste.

Trips auf einem Gulet, einem der türkischem Holzsegler, haben einen Namen „Blaue Reise“. Zu Recht, denn es ist eben mehr als ein Segeltörn. Autor Matthias Busch hat sich vom Blau betören lassen.

„Fertig machen zum Entern!“, brüllt der Kapitän. Nur noch wenige Meter trennt die Mannschaft der „Fortuna“ vom Objekt der Piraten-Begierde, einem trägen Schoner. Die Aussicht auf fette Beute macht die Besatzung übermütig. Säbel werden gezückt, Messer verwegen zwischen die Zähne geklemmt. Bis plötzlich das ganze Schiff zu dröhnen und schwanken beginnt. Aus der Tiefe des Meeres erschallt ein furchterregendes Grollen. Will ein Seeungeheuer das Piratenschiff versenken?!

Mit pochendem Herzen erwacht Mann aus abenteuerlichen Träumen. Der erste Blick streift dunkles, warmes Mahagoniholz, dann weißes, feines Bettzeug. Bevor das Blut in den Adern gefriert: Gleich neben dem Kopfkissen schäumt wild das Wasser. Der Untergang?! Von wegen: Dicke Glasscheiben trennen den aus unruhigem Schlaf hochgefahrenen Bewohner der Kapitänskajüte im Heck des Schiffes von der gischtenden See, aufgewühlt von den Schiffsschrauben, die der Motor soeben in Gang gesetzt hat. Die „Fortuna“ hat Fahrt aufgenommen auf ihrer Tour vom Hafen Göcek an der türkischen Südküste westwärts bis nach Bodrum. Natürlich sind es nicht Kaperfahrten, die im Bordbuch der „Fortuna“ stehen. Auch steuern keine Piraten das Boot. Ein kleines Abenteuer ist es dennoch, ein paar Urlaubstage auf einem der typischen Holzschiffe zu erleben, die vor der türkischen Küste kreuzen. Zumal für jemanden, der sich zu den überzeugten Landratten zählt.

Blaue Reise

Erstmals erwähnt wird die Blaue Reise in den Erzählungen des türkischen Schriftstellers Cevat Sakir (1887 – 1973). Er beschrieb damit Bootsausflüge mit Freunden von Bodrum aus auf einsame Inseln, die von Land aus nicht zu erreichen waren. Bodrum war damals noch ein kleines Fischerdorf.

Sanft wiegt sich der Segler in der Dünung. Der Morgen ist noch jung, während man sich wohlig streckt auf seiner schaukelnden Schlafstatt. Ein tiefblauer Himmel draußen gibt das Signal zum Aufstehen, auch wenn der Uhrzeiger gerade erst die Sieben passiert hat. Vorsichtig schwingt man sich von seiner Matratze und fädelt die Beine in den schmalen Gang zur Badtür. Kopf einziehen und schon ist man drin in der überraschend komfortablen Nasszelle mit edlem Ambiente aus Mahagoniholz und Glas. Die erste Nassrasur im Rhythmus der Wellen endet blutig. Die Rasierer-Steckdose schickt ein höhnisches Grinsen herüber. Der bereitliegende Fön baut erst die plattgewälzte Haarpracht und dann das Selbstbewusstsein wieder auf. Trotz aller Seeromantik muss hier kein Reisender auf Komfort verzichten. Vielmehr darf er sich im Stil und Glanz längst vergangener Kreuzfahrttradition sonnen. Mit maximal einem Dutzend Gleichgesinnter und vier Mann Besatzung an der Küste entlangzuschippern, ist Luxus pur. Auf dem Zweimaster ist es nirgends eng. Bei gut sechs Meter Breite ist hinter dem Steuerstand genug Raum für einen riesigen, quer gestellten Esstisch. Und bei einer Schiffslänge von 25 Metern gibt es auch keinen Kampf um den besten Sonnenplatz. Damit kein Seefahrer nach einer Blauen Reise als Leichtmatrose von Bord geht, hat sich Servet, Herr der Kombüse, raffinierte Speisepläne ausgedacht. Er ködert die Vollpensionisten mit leichten Salaten und schmackhaften mediterranen Vorspeisen, mit frischem Fisch und leckeren Vorspeisen.

Ankern vor der Küste.

Die Seeluft fegt den letzten Rest an Gegenwehr hinweg. Überhaupt wird man nach wenigen Stunden an Bord erschreckend willenlos. Noch im Anflug auf Dalaman hatte man sich fest vorgenommen, Wasserski zu fahren, Windsurfen zu lernen, zu schnorcheln, zu tauchen und mindestens drei Bücher in fünf Tagen zu lesen. Jetzt liegt man an Deck, schaut stundenlang auf das Meer und die entgegen aller Erwartungen völlig unverbaute Küste, plaudert mit den Mitfahrern oder verwickelt Reiseführer Yilmaz in ein Gespräch über Mohammed und die Welt.

 Langeweile oder Schiffskoller sind kein Thema an Bord. Schließlich pflügt die „Fortuna“ ja nicht ziellos durch die Wellen. Es gibt viel zu sehen –im Meer wie auch an Land. Inzwischen ist es auch kein Problem mehr, zwischen dem türkischen Festland und den griechischen Inseln hin- und her zu pendeln – von den etwas umständlichen (Pass-)Formalitäten bei den Hafenbehörden einmal abgesehen. Die „Fortuna“ steuert zunächst das Naturschutzgebiet von Dalyan an, einem reizenden Städtchen, das hinter einem riesigen Schilfgürtel verborgen liegt. Auf dem Schiffsweg durch das grüne Labyrinth bieten Fischer tellergroße Blaukrabben an, die sie als Zeichen ihrer Frische hochheben und zappeln lassen. Später, auf dem Rückweg, sind sie schon gegrillt und wir greifen gerne zu. Schließlich meldet sich der Hunger nach dem Bummel durch Dalyan und die traumhaft über der Bucht gelegene antike Stadt Kaunos. Relativ gut erhalten zeigt sich ein römisches Theater. Außergewöhnlich sind auch die Reste einer frühchristlichen Basilika, imposant die in den Fels geschlagenen Gräber. Die unaufhaltsame Verlandung des Hafens und die Malaria haben die Bewohner einst in die Flucht getrieben. Zumindest die Stechmücken hält inzwischen die Chemie in Schach ...

Zwar sind es nicht mehr viele Fische, die die gnadenlosen Beutezüge der Menschen am Mittelmeer in den letzten Jahren überlebt haben. Während eines Schnorchelausflugs ziehen zumindest einige Schwärme kleiner bunter Fische vorbei. Dem geschulten Auge von Yilmaz entgeht auch ein prächtiger Oktopus nicht, der seine Arme im Sand des Meeresboden versteckt hält und zur spektakulären Flucht ansetzt, als er sich bedrängt fühlt. Ähnlich großes Glück haben die Bootsfahrer am nächsten Tag, als die „Fortuna“ auf ihrer Fahrt entlang der Halbinsel von Datca von Delfinen begleitet wird.

Beeindruckend ist ein paar Stunden darauf auch die Aufführung, die die Abendsonne inszeniert, als unser Schiff in die fjordartige Bucht von Gialos, dem Hauptort der griechischen Insel Symi einläuft. Ihre Strahlen erleuchten die ocker und rotbraun getünchten Fassaden der Häuser, die sich am Hang über dem Hafen stapeln. Kaum nachvollziehbar, dass diese Insel, keine zwei Fährstunden von der Insel Rhodos entfernt, immer noch ein Geheimtipp ist, gut besucht nur von den türkischen Gulets, die vermehrt in dem wunderschönen Hafen vor Anker gehen – auch, weil sämtliche Alkoholika in Griechenland wesentlich günstiger eingekauft werden können.

Antike Peepshow: In der Handels- und Hafenstadt Knidos stand die erste nackte Aphrodite.

Am nächsten Tag steuert die „Fortuna“ die antike, zum Teil ausgegrabene Hafenstadt Knidos an der Spitze der Halbinsel von Datca an. In ihrer Blütezeit im 4. Jahrhundert vor Christus lebten hier 70 000 Menschen, vorwiegend vom Handel. Zudem machte sich Knidos als Heilort einen Namen in der antiken Welt. Der frühere Reichtum der Stadt zeigt sich in den Tempeln, Heiligtümern und den beiden Theatern, die 20 000 Menschen Platz boten. Durch eine Statue der Aphrodite wurde die mächtige Siedlung quasi zum berühmtesten Touristenziel des Altertums. Die Göttin der Liebe war hier erstmals nackt dargestellt worden. Eine antike Peepshow, für die sogar Eintritt verlangt wurde. Freizügigkeit zeichnet heute auch die mondäne Hafenstadt Bodrum aus: Was Ibiza den Spaniern und Mykonos den Griechen, ist die quirlige Hafenstadt den (reichen) Türken. Da reibt sich der Neuankömmling verwundert die Augen, wenn auf Schauwagen knackige Mädels zu Technosound tanzend die Uferpromenade entlangrollen. Und ein wenig scheint es den Seefahrern wie der „Fortuna“ selbst zu ergehen, die sich zwischen tausend andere Boote im mondänen Yachthafen quetschen muss: Sie reihen sich ein in den Touristenstrom, der sie hineinzieht ins Basarviertel –zu Kitsch, Tand und Trödel. Ein jähes Ende eines Traumurlaubs auf See ...

INFOS ZUR BLAUEN REISE

Türkei - Blaue Reise

REISEZIEL Die türkische Südägäis, westlicher Ausläufer der Lykischen Küste, erstreckt sich im Südosten der Türkei bis hinauf nach Izmir im Nordwesten.
Die zerklüftete Küste mit vielen Halbinseln und unzähligen Buchten ist rund 800 Kilometer lang. Touristische Zentren sind Dalyan, Marmaris, Bodrum und Kusadasi. Die große Halbinsel von Datca ist von Land her kaum erschlossen und dementsprechend dünn besiedelt und unberührt. 

REISETYP Für Natur- und Kulturfreunde, die keinen Massentourismus mögen, aber doch so kontaktfreudig sind, dass sie sich in eine Gruppe integrieren wollen. Die Fahrt auf einem Gulet ist ideal im Familien- und Freundeskreis. Für Kinder ist eine Fahrt mit dem Motorsegler erst ab zirka 12 Jahren interessant.

ANREISE
Flüge nach Dalaman, Bodrum oder Izmir haben viele deutsche Chartergesellschaften wie Condor, Tuifly und Air Berlin im Programm. Für Hin- und Rückflug muss man mit Preisen ab 250 Euro rechnen.

REISEZEIT Die beste Reisezeit für eine Blaue Reise mit einem Gulet sind die Monate Mai/Juni und dann wieder ab September. Juli und August sind meist extrem heiß und mitunter sehr windig. Für welchen Reisetyp Für Natur- und Kulturfreunde, die keinen Massentourismus mögen, aber doch so kontaktfreudig sind, dass sie sich in eine Gruppe integrieren wollen. Die Fahrt auf einem Gulet ist ideal im Familien- und Freundeskreis. Für Kinder ist eine Fahrt mit dem Motorsegler erst ab zirka 12 Jahren interessant.

ROUTEN Die Blaue Reise kann auf verschiedenen Routen entlang der türkischen West- und Südküste gebucht werden und dauert in der Regel eine Woche. Unser Autor reiste auf der Route von Göcek (Anreise über Flughafen Dalaman) westwärts nach Dalyan, rund um die Halbinsel Datca, auf die griechische Insel Symi und von dort zurück auf das türkische Festland nach Bodrum.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare