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Wer ist die Schönste im Land?

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Rio und Sao Paulo: Ein brasilianischer Städtevergleich - Wer ist die Schönste im Land?

Die eine ist die größte und wirtschaftlich wichtigste Stadt Brasiliens, die andere die berühmteste. Sao Paulo und Rio de Janeiro. Unser Autor Bernhard Appelius wagte den Vergleich – aus sehr männlichem Blickwinkel: Welche ist die Schönste?

Am Ende konnte er sich nicht entscheiden, denn beide haben ihre ganz offensichtlichen Vorzüge.

Kunst und Szene in Sao Paulo

Diese Metropole mit rund elf Millionen Einwohnern (im Großraum sind es sogar 20 Millionen) ist der wirtschaftliche Motor des Landes. Sao Paulo ist eine faszinierende Stadt der Gegensätze. Wenn Sie meinen, der tägliche Stau am Mittleren Ring in München sei ein Verkehrsproblem, so fahren Sie mal Taxi in Sao Paulo. Sieben Millionen Autos sind in dieser Stadt unterwegs, auf sechsspurigen Straßen. Um das Chaos wenigstens ein bisschen zu regulieren, kam die Stadt auf eine originelle Idee. Die Endziffer des Nummernschildes signalisiert von eins bis sieben, an welchem Wochentag der Halter nicht fahren darf. Eins für Montag und so weiter. Erinnert mich an Karl Valentin, der die Münchner Verkehrsprobleme ähnlich lösen wollte: montags die Radler, dienstags die Bierkutscher.

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Zehntausende von Hochhäusern haben die Grandezza und Eleganz des alten Sao Paulo fast unter sich begraben. Es gibt nur wenige Städte, in denen schwindende Tradition und modernes Leben so heftig konkurrieren. Vorbei an Oscar Niemeyers Edificio Copan, einem bereits 1953 gebauten, aber bis heute noch futuristisch anmutenden, wellenförmigen Apartmenthaus für fünftausend Menschen. Ein erstes Abendessen im Quintal do Brazil (R.Gandavo 447) einem der besten und beliebtesten Pizza-Restaurants der Stadt. Gerammelt voll, lauter lachende Leute, viele Familien mit Kindern. Es wird Chopp getrunken, frisch gezapftes Bier, da ist das bayerische Herz nicht weit weg vom brasilianischen. Und Kellner Felipe erklärt uns in lustigem Englisch, dass es drei Dinge gibt, über die man in Brasilien nicht diskutiert: Fußball, Religion und Politik.

Sao Paulo hat das größte private Fußballstadion der Welt.

Wer nach Sao Paulo kommt, sollte sich unbedingt Zeit nehmen für einen Besuch im Masp (Museo de Arte de Sao Paulo) in der Av. Paulista 1578, einem einmaligen, modernen Museumsbau (geöffnet auch an den Wochenenden, dienstags freier Eintritt).
Abends in die Bar Brahma in der Avenida Sao Joao 677. Hier gibt’s typisches brasilianisches Essen und eine kleine Bühne mit fantastischen Samba-Musikern. Kommen Sie nicht vor zehn Uhr abends, da ist tote Hose. Dann aber tanzt der brasilianische Bär. Ehrlich gesagt, traut man sich kaum unter all die schönen Frauen und hüftschwingenden Männer. Kleiner Tipp: Einige Caipirinhas lockern auch europäische Gelenke.

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Einigermaßen ausgeschlafen sollte man am nächsten Tag für einen Ausflug in die Geschichte Sao Paulos sein. Im Pateo do Colegio, 1554 von portugisischen Jesuiten erbaut, wurde diese Stadt gegründet. Heute beherbergt das historische Gebäude die alte Kirche, ein kleines Museum und ein Restaurant. Nach einer Tasse Kaffee dort rüber zum 1932 erbauten Mercado Municipal. Da würde unsere Schrannenhalle mitsamt dem Viktualienmarkt wohl zehnmal hineinpassen. Ein guter Platz zum Mittagessen ist eine der typischen Bars im ersten Stock. Hier treffen sich die Einheimischen. Man isst, lacht und redet, und auch als Gringo findet man schnell Kontakt.

Diesen Abend zur Abwechslung mal ein eleganter Dinner-Ausflug in die Skye Bar in der Av. Brigadeiro Luiz Antonio 4700. Eines der schicksten und angesagtesten Luxusrestaurants der Stadt, ganz oben auf einem Wolkenkratzer. Glauben Sie mir: Ein Blick von der Dachterrasse übers Lichtermeer des nächtlichen Sao Paulo haut Sie ebenso vom Barhocker wie die schönen Brasilianerinnen, die hier ihre Cocktails schlürfen.

Brasilien

Am nächsten Vormittag kurzer Fußmarsch zum Street Market Benedito Calixto. Hier wird alles verkauft, was sich zu Geld machen lässt: echte und falsche Antiquitäten, Kleinkram und Kleider, altes Spielzeug und Silberbesteck, deutsche Fotoapparate und amerikanische Sonnenbrillen. Das Kontrastprogramm dazu ist die Rua Oscar Freire, die luxuriöseste Einkaufsstraße Sao Paulos. Beeindruckt haben mich aber nicht die vielen Nobelgeschäfte und die Porsches und Ferraris auf der Straße – die haben wir ja in München auch –, sondern das Gesicht eines kleinen Jungen mit einer Holzkiste unter dem Arm, der mir die Schuhe putzen wollte. Ich hab ihm einen Geldschein in die Hand gedrückt. Eigentlich hätte ich ja dem kleinen Kerl die Schuhe putzen müssen – wenn er nur welche angehabt hätte.

Liebe und Lebenslust in Rio

Start in Sao Paulo um 8.40 Uhr, Landung in Rio um 9.38 Uhr und schon am späten Vormittag sind wir unterwegs zum Zuckerhut, diesem Millionen mal fotografierten Postkartenmotiv der bekanntesten Stadt Brasiliens (die 200 Jahre lang die Hauptstadt war, bevor sie 1960 den Titel an das auf dem Reißbrett entworfene Brasilia abgeben musste). Eine Seilbahn bringt uns rauf, oben angekommen stolpern wir erst mal über eine historische, bunt lackierte Holzkabine made in Germany, die hier ausgestellt ist.

Postkarte hin oder her: Der Blick auf Rios sonnenbeschienene Strände ist tatsächlich überwältigend. Nehmen Sie diese Erinnerung im Herzen mit nach Hause, dann können Sie sich den Touristen-Kitsch im Souvenirladen sparen.

Lunchpause in einem der genialsten Restaurants von Rio, dem Porcao, berühmt für sein brasilianisches Rodizio Barbecue. Was das genau bedeutet: Fleisch essen nach Ampelphasen. Neben jedem Teller liegt ein Button, vorne grün, hinten rot. Damit signalisieren Sie dem Ober, der regelmäßig mit riesigen Fleischspießen vorbeikommt, ob noch was geht. Nach vier Kellner-Besuchen zeigte ich die rote Karte, bei 36 Grad Celsius schafft man beim besten Willen nicht mehr. 

Plötzlich große Aufregung im Lokal. Drei Muskelmänner spazieren zu einem Tisch in der Ecke, gefolgt von einem Berg von Mann, dem amerikanischen Action-Helden Dwayn Johnson. Habe mich erkundigt: Sie drehen in Rio gerade den fünften Teil der Action-Klamotte „The Fast and the Furious“. Man sieht: Auch filmisch ist Brasilien schwer im Kommen.

Mit der Trem de Corcovado (Sie vermuten richtig: Trem ist gleich Tram) dann 700 Meter steil den Berg hinauf zur Christus-Statue. Die 40 Meter hohe Figur, zwischen 1922 und 1931 erbaut, ist das zweite Wahrzeichen Rios und das nächste vielfotografierte Postkartenmotiv. Besonders amüsant: Jeder versucht, vor der Kamera die Arme ebenso wie dieser Christus auszustrecken. Stellen Sie sich also einhundert zivile Verkehrspolizisten vor, die auf dem Berg Ballett tanzen, dann haben Sie einen guten Eindruck, was da oben los ist. Die alte Zahnrad-Bahn bringt uns in zwanzig Minuten quer durch den Urwald wieder runter.

Rio de Janeiro hat 80 Kilometer Strand in der Stadt, darunter die weltberühmte Copacabana und daneben Ipanema. „The Girl von Ipanema“, komponiert von Antonio Carlos Jobim, gespielt und gesungen von Joao Gilberto wurde zum Welthit. Es ist ja auch so: Kein Song vermittelt besser das Lebensgefühl, die Lebenslust und den Rhythmus dieser Stadt: „The girl from Ipanema goes walking, and when she passes, each man she passes goes … ah!“

Ehrensache, die gleichnamige Bar in Ipanema zu besuchen, in der dieses Lied entstanden ist. Sie ist nur fünf Minuten vom Strand entfernt, dort ein kühles Bier getrunken und die zahlreichen, eingerahmten Zeitungsausschnitte (das Girl von Ipanema gab es wirklich) an der Wand entziffert. Ein stolzer Barbesitzer erzählt, dass Carlos und Joao hier oft einen über den Durst getrunken haben – na warum nicht, so lange dabei so großartigen Lieder herauskommen! Kurz noch barfuß an den Strand. Schöne Frauen waren leider gar keine da – das wirkliche Leben ist halt doch keine Postkarte.

Das wahre Herz Rios entdeckt man auf den Hügeln von Santa Teresa, einem verwinkelten und sympathisch schlampigen Künstlerviertel. Hauswandgroße, unglaublich originelle und gut hingeworfene Graffitis bedecken jede zweite Fassade, da sollte man unsere Sprayer mal für ein Semester hinschicken. Überraschend, ausgerechnet hier das Luxus-Hotel Santa Teresa zu entdecken, ein umgebautes, historisches Farmhaus mit einem fantastischen Blick über die Bucht. An Orten wie diesen fällt es einem besonders auf: das nahe Beieinander von Armut und Luxus. Die Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff verspricht Abhilfe. Das Land will sicherer werden, auch im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Angesichts von Brasiliens Wirtschaftsboom durchaus erreichbar, es kann viel investiert werden. Unser Busfahrer lakonisch: „Wir zahlen Steuern wie in Europa, haben aber einen Service wie in Afrika.“

Bernhard Appelius

DIE REISE-INFOS ZU BRASILIEN

REISEZIEL Brasilien ist flächen- und bevölkerungsmäßig der größte Staat Südamerikas und der fünftgrößte der Erde. Mit 8,5 Millionen Quadratkilometern nimmt er fast die Hälfte des südamerikanischen Kontinents ein. Mit 11 Millionen Einwohnern im Ballungsraum und 1523 Quadratkilometern ist Sao Paulo die größte Stadt Brasiliens, Rio de Janeiro mit sechs Millionen und 1182 Quadratkilometern die zweitgrößte.

TOURISMUS Traumstrände und Naturwunder, Fußball und Carneval, die Wirtschaftskraft und natürlich auch das Lebensgefühl – das alles macht es aus. 5,2 Millionen Urlauber besuchten im vergangenen Jahr Brasilien. Das sind 7,5 Prozent mehr als noch 2009. Mit knapp 227.000 Gästen belegen die Deutschen den fünften Platz im Ranking der Brasilien-Touristen.

ANREISE Singapore Airlines startete gerade eine neue Verbindung von Barcelona nach Sao Paulo. Preise ab 715 Euro für den Hin- und Rückflug, wobei das Upgrade quasi schon inbegriffen ist, denn die Business Class von Singapore Airlines mit ihren breiten Sitzen, die sich zu einem Zwei-Meter-Bett ausklappen lassen, ist schon fast eine First Class und die Economy Class kann mit mancher Business Class der Konkurrenz mithalten. Im Reisebüro oder unter www.singaporeair.com. Zwischen Rio und Sao Paulo verkehrt mehrmals täglich die brasilianische Airline GOL. Flugzeit: eine Stunde.

GASTRO-TIPP Zusammen mit Paris, New York und Tokio trägt Sao Paulo den Titel „Internationale Hauptstadt der Gastronomie“ wegen der Vielfältigkeit ihrer Restaurant-Angebote.

LESE-TIPP Wer mehr über den Erfinder des Bossa Nova und sein ungeklärtes Verschwinden wissen will: Bei Rogner & Bernhard ist gerade „Hobalala – Auf der Suche nach Joao Gilberto“ erschienen, 220 Seiten, 17,90 Euro.

WOHN-TIPP Direkt neben dem Ibirapuera-Park (wo sich das Museum of Modern Art befindet) und nahe an den wichtigsten Geschäfts- und Freizeitvierteln von Jardins, Itaim, Moema und Vila Olimpia liegt das Pullman Hotel SP Ibirapuera, Rua Joinvill 515. 0055/11/50884000, E-Mail: reservas.pullmanibirapuera@accor.com.br.

WEITERE INFOS Brasilianisches Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Tel. 069/96238733, im Internet: www.fremdenverkehrsamt.com/brasilien.

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