Viel Geschichte, wenig Ruhm

Kosice und Marseille: Kulturhauptstädte 2013

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Architektonisches Sprungbrett: Das neue Kulturzentrum von Marseille.

­Viel Geschichte, wenig Ruhm: Weder die französische Hafenstadt Marseille noch Kosice (Slowakei) konnten bisher als Touristenziele punkten. Beide wollen nun als Kulturhauptstädte 2013 durchstarten.

Kaum ein Tourist aus dem Westen kennt die slowakische Metropole Kosice. Das soll sich 2013 ändern. Auch Marseille arbeitet an seinem Image. Hier ein Überblick was die Kulturhauptstädte 2013 zu bieten haben:

Frischer Wind im alten Hafen - Das ist Marseille

  • LAGE Das Tor nach Afrika

Frankreichs älteste Stadt liegt an der Bucht des Golfe du Lion am Mittelmeer. Das Hinterland ist gebirgig, höchste Erhebung ist der Croix de Garlaban. Mit 850 000 Einwohnern ist Marseille nach Paris die zweitgrößte Stadt Frankreichs.

  • ANREISE Per Flug ab München

Mit der Lufthansa täglich ab München, ab 139 Euro für den Hin- und Rückflug. Mit dem PKW über Bregenz, durch die Schweiz nach Genf und auf der französischen Autobahn-Südroute (kostenpflichtig) bis ans Mittelmeer. Ca 1000 Kilometer, elf Stunden Fahrzeit. Mit der Bahn täglich ab München per ICE und TGV, ca. elf Stunden Fahrzeit, ab 39 Euro.

  • GESCHICHTE Seefahrer und Händler
Meerseite: Griechische Seefahrer haben Marseille vor 2600 Jahren gegründet.

Marseille wurde um 620 v.Chr. von griechischen Seehändlern gegründet, die zum Warenaustausch mit ligurischen Stämmen an die Mündung der Rhone gekommen waren. Später gehörte Marseille zunächst zu Gallien und dann zum Römischen Reich. 481 fiel die Stadt an die Westgoten, 508 an die Ostgoten, 536 an Franken und 879 an Niederburgund. 1216 wurde Marseille zur selbstständigen Republik, die 1481 mit Frankreich vereint wurde. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Marseille zum bedeutendsten Hafen des französischen Kaiserreichs, vor allem wegen der französischen Kolonialisierung Nordafrikas.

  • WIRTSCHAFT Fahrzeug und Figuren

Marseille ist Hafenstadt und Industriemetropole (Fahrzeug- und Maschinenbau). Außerdem liegt hier der Schwerpunkt der kunsthandwerklichen Produktion der provençalischen Krippenfiguren Santons. 35 von 200 Santons-Herstellern kommen aus Marseille.

  • SEHENSWERT Kirche und Schloss

Auf einem 147 Meter hohen Kalkfelsen steht die im neubyzantinischen Stil entworfene Kirche Notre-Dame de la Garde. Sie ist neben dem Chateau d’If das Wahrzeichen von Marseille und birgt eine riesige Sammlung an Votivbildern. Am Vieux Port (Quai des Belges) ist täglich Fischmarkt, unweit davon befinden sich die Börse und das Musée de la Marine. Das Musée d’Histoire de Marseille wurde um die Überreste des antiken Hafens angelegt.

  • BERÜHMTE NAMEN Fußballstar

Zu den bekanntesten Einwanderer-Kindern der Multikulti-Hafenmetropole, die seit über 2600 Jahren das Tor Europas nach Afrika ist, gehört Ex-Fußballer Zinedine Zidane.

  • KULINARISCH Die Fischsuppe

Die Küche Marseilles ist in erster Linie provencalisch, aber wegen der Nähe Afrikas auch maghrebinisch beeinflusst. Spezialität ist die Fischsuppe Bouillabaisse.

  • TOURISMUS Das neue Image

Marseille nimmt die Ernennung zur Kulturhauptstadt zum Anlass, sich neu zu erfinden, weg von der Industriemetropole, hin zum Schöngeistigen. Nur einen Steinwurf vom Gare Saint-Charles entfernt zwischen Altstadt und Meer befindet sich mit über 480 Hektar eine der größten Baustellen Europas, an der Starachitekten wie Zaha Hadid beteiligt sind. Die Villa Méditerranée ist das Aushängeschild von Marseille 2013. Architektonisch gleicht sie einem riesigen 16-Meter-Sprungbrett ins Meer. Knapp die Hälfte des Gebäudes liegt unter Wasser. Ein 15 000 Quadratmeter großer Quader des Stararchitekten Rudy Ricciotti ist über einen Betonbalken-Steg mit der mittelalterlichen Festung Saint-Jean verbunden. Zusammen bilden sie das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers MuCem. Weltweit gibt es kein Museum, das sich mit diesen Fragen beschäftigt. Im Frühling wird es eröffnet.

  • KULTUR Konzert im Kornspeicher

Vor wenigen Monaten wurde im neuen Hafen der ehemalige Kornspeicher Le Silo eröffnet. Wo früher Mehl gelagert wurde, werden heute Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen organisiert. Der Blick vom Dachrestaurant ersetzt jeden Stadtplan.

  • PROGRAMM Provence als Partner

Marseille wird das Jahr als Kulturhauptstadt Europas mit rund 900 Veranstaltungen füllen, in die auch Provence-Städte wie Arles und Aix-en-Provence eingebunden sind. Ein Beispiel aus dem Programm ist die Ausstellung „Matta, Surrealismus und Geschichte“ im Museum Cantini mit 60 Gemälden des Künstlers Roberto Matta, der historische Ereignisse interpretiert. Die warmen Sommermonate sind die Zeit der Musik-, Literatur- und Lyrikfestivals. Von September bis November steht unter dem Motto „Marseille-Provence hat 1000 Gesichter“ die Vielfältigkeit der Region im Fokus. Vom 29. November bis 28. Januar zeigt die Ausstellung „Mare Mater“ im Museum MuCem das Leben von Migranten.

Im Osten viel Neues Das ist Kosice

  • LAGE Tief im Osten
Überragend: Der Elisabethdom ist das größte Gotteshaus der Slowakei.

Kosice liegt im Osten der Slowakei, dicht an der Grenze zu Ungarn, der Ukraine und Polen. Mit rund 240000 Einwohnern ist sie nach Bratislava die zweitgrößte Stadt des Landes - mit einer ungarischen Minderheit.

  • ANREISE Via Prag oder Wien

Mit dem Flugzeug über Prag oder Wien, mit dem Auto auf der D1 über Bratislava.

  • GESCHICHTE Bunte Mischung

Als eine der ältesten Städte des Landes wird Kosice bereits 1230 erwähnt. Zu den Gründern gehörten Siedler aus Niedersachsen zusammen mit slawischen Nachbarn. Später gehörte Kosice erst zu Ungarn, dann zur Tschechoslowakei, seit 1993 zur Slowakei. Dementsprechend bunt ist die Einwohnermischung.

  • WIRTSCHAFT Stahl macht stark

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Kosice zur Industriestadt. Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hier Wohnraum für 200000 Menschen geschaffen. Der größte Arbeitgeber ist noch heute das Stahlwerk.

  • SEHENSWERT Dom und Altar

Der gotische Elisabethdom ist das größte Gotteshaus des landes. Schön restauriert präsentiert sich der Elisabeth-Altar aus dem 15. jahrhundert.

  • BERÜHMTE NAMEN

Berühmtester Spross der ruthenischen Minderheit war Popart-Künstler Andy Warhol, dessen Eltern aus dem ostslowakischen Dorf Mikova nach Amerika auswanderten. An ihn erinnert ein Museum in der Kleinstadt Medzilaborce.

  • KULINARISCH Junge Szene

Am oberen Ende der Hauptstaße präsentieren sich Kosices Adelspaläste und Bürgerhäuser, alle sind sorgfältig renoviert. In vielen der alten Gebäude sind Cafes, Weinstuben und restaurants mit Terrassenbereichen eingezogen. Vor allem junge Leute bevölkern die Lokale. Kosice ist eine junge Stadt und hat gleich drei Universitäten.

  • TOURISMUS Die Unbekannte

Im Ausland ist Kosice bis dato nahezu unbekannt. KULTUR Kosice ist in der Slowakei für seine Philharmoniker und seine lebendige Theaterszene bekannt - darunter auch eine Roma-Bühne. Kulturelles Zentrum der Stadt ist das so genannte Inselchen in der Fußgängerzone Dort befindet sich das Nationaltheater. Dazu gehört auch ein gepflegter Park mit Wasserfontänen, die zum Takt der Musik tanzen.

  • PROGRAMM Die Roma verstehen
Platz des Dichters: Denkmal für den Schriftsteller Sandor Marai auf der Kulturinsel im Herzen von Kosice.

Neben der vom Überaltern und Aussterben bedrohten deutschen Minderheit ist es vor allem die Minderheit der Roma, die Kosice 2013 als  Kulturträger vorzeigen will. Karel Adam, Direktor des einzigen professionellen Roma-Theaters der Slowakei: „Wir haben besondere Möglichkeiten, bei unseren temperamentvollen Auftritten Musik, Tanz und Schauspiel in einer auch für ein fremdsprachiges Publikum verstehbaren Weise zu verbinden.“ Als Highlights für ein nicht Slowakisch sprechendes Publikum empfehlen die Organisatoren vor allem Veranstaltungen in der zweiten Jahreshälfte. Am ersten Oktoberwochenende verwandelt die „Nuit Blanche“ (Weiße Nacht) die ostslowakische Stadt in einen interaktiven Raum für mehrere Kunstformen. Am selben Wochenende lässt sich im „Kulturmarathon“ Gegenwartskunst mit einem traditionellen sportlichen Großereignis kombinieren. Ebenfalls im Oktober locken zwei internationale Jazz-Festivals und die New Dance Days im Kulturpark. Im November folgen die „Welttage der Neuen Musik“. Im Opernhaus der Stadt werden ganzjährig Opern in italienischer Originalfassung aufgeführt. Die Kunsthalle bietet schon im August eine große Ausstellung von Nachahmern Andy Warhols. In Kooperation mit der polnischen Stadt Krakau findet im Juli ein neuntägiges Festival der jüdischen Kultur unter dem Titel „Mazal Tov!“ („Viel Glück“) statt.

mm/tz

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