Klares grünes Wasser

Flusstauchen im Tessin

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Flusstauchen hat einen besonderen Reiz.

Die Verzasca im Schweizer Kanton Tessin ist für Kenner einer der schönsten Tauchplätze der Welt. Doch auch wenn der Fluss von außen ruhig aussieht, ist ein Tauchgang nicht ganz ungefährlich.

Das grünliche Wasser der Verzasca ist so klar wie in einem Swimmingpool.

Warum in Flüssen? „Das Besondere ist das Fliegen - einfach in der Strömung treiben“, sagt Daniel Schubiger, Präsident der Tauchkommission des Schweizer Unterwasser-Sport-Verbandes SUSV. Und warum die Verzasca? „Die ausgewaschenen Felsformationen sind faszinierend. So etwas sieht man sonst nirgends.“ Allerdings: „Wenn die Strömung einen mitreißt und man sich zwischen den Felsen verkeilt, kann es lebensgefährlich werden.“

„So nice, so dangerous“ - so schön, so gefährlich - lautet daher auch der Titel eines Leitfadens zum Flusstauchen in der Verzasca. Dieser Bergfluss, der das Tal Valle Verzasca im Kanton Tessin durchfließt, bevor er bei Tenero in den Lago Maggiore mündet, gehört für viele Tauchexperten zu den 100 schönsten Tauchplätzen der Welt.

Gegen den Hauptstrom ist das Vorankommen eine sportliche Herausforderung: Der Fluss drückt die Tauchmaske fest auf das Gesicht, er reißt und zerrt an der Ausrüstung.

Gefährlich sieht die Verzasca an diesem Morgen nicht aus: Unter einer leicht gekräuselten Wasseroberfläche drücken sich die klaren, türkisgrünen Wassermassen zwischen den Felsen hindurch. Über allem thront die Römerbrücke von Lavertezzo. Der Färbung des Wassers verdankt der Fluss angeblich auch seinen Namen: verde acqua - grünes Wasser. An den breiteren Stellen ist die Fließgeschwindigkeit sichtbar langsamer. Hinter den Steinen im Flusslauf bilden sich kleine Wirbel, hier und da klatscht das Wasser gegen die Felsen. Gute Bedingungen also.

Von der ruhigen Oberfläche dürfe man sich aber nicht täuschen lassen, sagt Schubiger. Die Verhältnisse könnten sich in den Bergen binnen kurzer Zeit ändern: „Gewitter sind nicht vorhersehbar. Wenn der Pegel steigt oder die Strömung zunimmt, sollte man schleunigst das Wasser verlassen“, warnt er. Erst im vergangenen Jahr sei ein Deutscher beim Tauchen in der Maggia - dem zweiten bekannten Tauchfluss im Tessin - umgekommen.

Das Flussbett unterhalb der Römerbrücke ist einer von drei Abschnitten der Verzasca, in denen getaucht werden kann.

„Ungenügende Kenntnisse“, „Unterschätzung des Ortes“, „Schlecht trainiert“ und „Selbstüberschätzung“ führt der Leitfaden zum Tauchen in der Verzasca unter dem Punkt Gefahren auf. „Touristen, die zum ersten Mal in einem Bergfluss tauchen wollen, sollten sich unbedingt einer Gruppe anschließen, die von einem Taucher mit Erfahrung und Ortskenntnis geleitet wird“, lautet daher der Rat von Daniel Schubiger.

Taucher müssten den Abschnitt, in dem sie tauchen wollen, genau kennen - und wissen, wo sie den Fluss wieder verlassen sollten. „Wir haben Haken angebracht, an denen man seine Leinen spannen kann“, so Schubiger. Die erste Leine sollte an einer Stelle mit schwacher Strömung über den Fluss gespannt werden. Sie markiert den Ausstiegsbereich. Mit Steinen beschwerte, bunte Plastiksäcke am Grund können dabei als zusätzliche Orientierungshilfe dienen. „Die zweite Leine ist dann die Fangleine für alle, die an der Ausstiegszone vorbeigetaucht sind.“

Die Verzasca im Schweizer Kanton Tessin ist für Kenner einer der schönsten Tauchplätze der Welt. Doch auch wenn der Fluss von außen ruhig aussieht, ist ein Tauchgang nicht ganz ungefährlich.

Das Flussbett unterhalb der aus zwei Natursteinbögen bestehenden Römerbrücke, die eigentlich Ponte dei Salti heißt und im 17. Jahrhundert errichtet wurde, ist einer von drei Abschnitten der Verzasca, die betaucht werden können. Schon der erste Blick unter Wasser erklärt, warum dies einer der bekanntesten Tauchplätze der Schweiz ist: Das grünliche Wasser ist so klar wie in einem Swimmingpool. Die Felswände unter Wasser wirken weich. Die Wassermassen der Verzasca haben über die Jahrtausende alle Kanten abgeschliffen. Jetzt im Sonnenlicht leuchten die polierten Steine in Braun, Ocker, Weiß, Grau und Schwarz. Linien - mal parallel, mal verwirbelt wie auf der Milchschaumhaube eines Cappuccinos - zeichnen Muster und vollenden dieses Naturkunstwerk.

Gegen den Hauptstrom ist das Vorankommen eine sportliche Herausforderung: Der Fluss drückt die Tauchmaske fest auf das Gesicht, er reißt und zerrt an der Ausrüstung. Wie gut, dass auf dem Boden Steine zum Festhalten liegen - manche so groß, dass ihr Windschatten eine Atempause ermöglicht.

Die Forellen bieten dem Wasser scheinbar mühelos die Stirn. Ein Flossenschlag genügt, und sie sind wieder zwei Meter voraus. In die andere Richtung ist das Vorankommen kinderleicht. Die Strömung lädt zum Spielen ein. Rauf, runter, nach links, nach rechts. Mit kleinen Bewegungen der Arme und Beine ist alles möglich. So muss Fallschirmspringen sein. Der Fluss wird enger - und schneller. Wie durch eine Düse geschossen geht es in einen breiten Pool. Dann: bremsen - und bloß nicht die Leine verpassen.

Von Arnd Petry, dpa

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