Atemlos in Bangkok

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Märchenhafte Silhouette - der alte Königspalast in der Altstadt von Bangkok.

Wolkenkratzer, glitzernden Pagoden und Armenviertel - diese Stadt raubt einem den Atem. Vor allem, wenn man, wie unser Autor Thierry Backes mit dem Fahrrad, den Großstadtdschungel durchplügt.  

Chaiwat Kiatsaman ist entsetzt. „Aaah-haaa“ entfährt es ihm, als er sich mit großen Augen und nach unten geklapptem Kinn von seinem Beifahrersitz nach hinten umdreht, um sich zu vergewissern, dass er das auch ja nicht falsch verstanden hat mit dem Essenswunsch. „Kein Seafood? Kein Fisch? Keine Meeresfrüchte? Aber Curry ist okay, ja?“ Bevor für Chaiwat Kiatsaman die kulinarische Welt endgültig zusammenbricht, antwortet der Gast mit den Sonderwünschen ganz schnell: „Ja, sicher!“ Chaiwat Kiatsaman, Jahrgang 1965, wischt sich den Schweiß von der Stirn, zieht die Mundwinkel wieder nach oben und wendet sich wieder der Straße zu.

Wolkenkratzern, Plattenbauten und Wellblechhütten 

Wir fahren in einem Mini-Bus auf einer Autobahn in die Innenstadt von Bangkok, vorbei an unzähligen Wolkenkratzern, Plattenbauten und Wellblechhütten. Es sind die Randbezirke eines gigantischen Molochs, von dem niemand genau weiß, ob er acht, zehn oder zwölf Millionen Einwohner zählt. Zu tausenden strömen täglich Menschen vom Land in die Stadt, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Chaiwat Kiatsaman lebt schon sein halbes Leben hier. Seit zwölf Jahren führt er Reisegruppen durch Thailand. Uns soll er seine Heimatstadt in dreieinhalb Tagen zeigen. Der Bus hält am Eingang zu der Tempelanlage um den Wat Phra Kaeo, in dem das National-Heiligtum der Thais steht: ein 75 Zentimeter hoher Smaragd- Buddha. Chaiwat zeigt, erklärt, winkt hektisch, wenn eines seiner Schäfchen in den Touristenmassen verloren zu gehen droht.

Zahlreichen Kanäle, sogennante Klongs sind beliebte Routen für Touristen.

 „Hier, bitte“, ruft er dann immer, wenn er eine kleine Geschichte erzählen will. Gerade steht er neben einem goldenen, mit dutzenden kleiner Statuen verzierten Türmchen, einem Chedi, und fragt, warum die weißen Affen, die zusammen mit Dämonen den Chedi stemmen, hämisch lachen. Ganz einfach: „Affen sind clevere Tiere“, sagt Chaiwat, „die tragen den Chedi gar nicht, sondern tun nur so.“ Es ist nicht so, dass Chaiwat Kiatsaman nicht religiös wäre. Er selbst hat sich als „heiliger Mann“ vorgestellt, weil das „wat“ in seinem Vornamen für „Tempel“ steht. Den Namen hat er sich als 15-Jähriger selbst ausgesucht, weil ihm der Vorname Somsong („schöne Figur“), den seine Mutter ihm gegeben hatte, nicht mehr gefiel. In Thailand sei das kein Problem, erklärt Chaiwat: Man müsse bloß ein paar Stunden warten und eine Gebühr zahlen.

Tom-Yam-Suppe, Garnelen oder klebriger Reis

Hätte Chaiwat Kiatsaman nicht ein Jahr in Stuttgart gelebt, um Deutsch zu lernen, hätte er diese kulturellen Unterschiede wohl gar nicht gekannt. Bangkok mit ihm zu erkunden, hat aber vor allem praktische Vorteile. In Restaurants etwa: Viele Gaststätten in der Nähe von touristischen Attraktionen haben auf westliche Touristen umgesattelt und bieten zum Beispiel Würstchen an. Chaiwat führt einmal kurz um die Ecke, und schon wird es authentischer – und vor allem viel preiswerter.

Die Bestellung übernimmt er: Die thailändischen Schriftzeichen sind nicht zu entziffern, die Fotos auf der Karte nicht wirklich eindeutig, und dass der Kellner Englisch spricht, ist eher unwahrscheinlich. Von der Tom-Yam-Suppe (mit Kokosnuss, Ingwer, Zitronengras und Koriander) über riesige Garnelen bis hin zum klebrigen Reis mit Mango zum Dessert – was auch immer hier auf den Tisch kommt, es ist vorzüglich.

Bangkok

Das hat einen einfachen Grund, sagt Chaiwat: „Thailänder leben, um zu essen. Sie essen immer.“ Darum gibt es auch Garküchen an jeder Straßenecke. Wer hier essen will, meint Chaiwat, solle sich einfach an den Thais orientieren: Wenn sie anstehen, ist das Essen gut. Und dabei schüttet er sich einen Löffel grüne Chili-Schoten auf seinen Eierreis mit Sojasprossen und Geflügel. Und noch einen. Und noch einen. Er registriert die neugierigen Blicke rund um den Tisch – und lächelt: „Das ist für den intensiveren Geschmack“, sagt er. Nein, nachmachen will es ihm keiner. Zumindest jetzt nicht – wegen der Radltour. Das Restaurant, in dem wir gerade Pause machen, heißt Kaew. Es liegt irgendwo in der „Lunge von Bangkok“, einem regelrechten Pflanzen-Dschungel in der Großstadt, ein paar Kilometer südlich des Zentrums.

Hier wartet der Niederländer André Breuer auf uns. Wer bei ihm die Mountainbike-Tour „Colors of Bangkok“ bucht, lernt die Stadt wirklich kennen, führt sie doch entlang gut bewachter Apartmentblocks mitten rein in die Slums, wo die ärmsten Bewohner Bangkoks in Wellblechhütten hausen. Touristen verirren sich selten in diese Ecke der Stadt. Chaiwat Kiatsaman sitzt auf seinem Rad und schaut sich die verschwitzten Gesichter seiner Gäste belustigt an. Macht noch einen Witz, wie er sie gerne macht, wenn der Mini-Bus wieder mal im Stau steckt. Über den Schönheitswahn der Frauen etwa oder über das asiatische Wundermittel Ginseng, das bei Erkrankungen hilft und das Altern verlangsamt. Dann aber widmet Chaiwat Kiatsaman sich seinem Mobiltelefon. Er muss noch ein reichhaltiges Abendessen organisieren – und ein Menü ohne Meeresfrüchte.

Thierry Backes

DIE REISE-INFOS ZU BANGKOK 

REISEZIEL Bangkok ist die Hauptstadt des Königreichs Thailand. Die Stadt hat sich einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde verdient – als Hauptstadt mit dem längsten Namen, denn offiziell heißt Bangkok: Krung Thep Mahanakhon Amon Rattanakosin Mahinthara Ayuthaya Mahadilok Phop Noppharat Ratchathani Burirom Udomratchaniwet Mahasathan Amon Piman Awatan sathit sakkathattiya Witsanukam Prasit.

ANREISE Thai Airways fliegt von München aus täglich Nonstop nach Bangkok. Der Flug dauert etwa zehneinhalb Stunden und ist ab 500 Euro zu haben.www.thai-airways.de.

EINREISE Ein Visum ist nicht erforderlich. Der Reisepass muss noch sechs Monate lang gültig sein.

KLIMA Tropisch! Es gibt im Prinzip drei Jahreszeiten. Die für Europäer erträglichste ist von November bis Februar. Sie zeichnet sich durch eine vergleichsweise geringe Luftfeuchtigkeit aus. Von März bis Juni gibt es wenig Niederschläge, aber Temperaturen jenseits der 40 Grad. Die wenigsten Touristen kommen in der Regenzeit von Juli bis Oktober.

REISETYP Bangkok ist für viele Thailand- Urlauber start und Ziel ihrer Rundreise oder Weiterreise zu den Stränden. Man sollte ein paar Tage Zwischenstopp einplanen, um die bunte thailändischen Kultur kennenzulernen.

EXTRA-TIPP Bangkok mit dem Rad: Wer die Slums und den grünen Urwald Bangkoks abseits der Tempelanlagen mit gut ausgerüsteten Moutainbikes erkunden möchte, wendet sich an die „Recreational Bangkok Biking Ltd.“. Veranstalter André Breuer hat mehrere Radl- Touren im Angebot, etwa die mehrstündige fahrt „Colours of Bangkok“ (inkl. Thai-Essen, Erfrischungsgetränken, zwei Bootspassagen und einem Führer) für etwa 20 Euro pro Person. Anmeldung zwingend erforderlich, Informationen gibt es unter www.bangkokbiking. comoder unter der Nummer 0066/2/285 38 67.

GUIDE Chaiwat Kiatsaman arbeitet als Freiberufler für die Firma „Diethelm Travel“. Bucht man hier einen Reiseführer mit Wagen für einen Tag (max. 10 stunden) in Bangkok, kostet dies (ohne Eintrittsgelder etc.) bei zwei Personen 2660 Baht (knapp 50 euro) pro Kopf. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.diethelmtravel.com oder unter der Nummer 0066/2/660 70 00.

VERANSTALTER Auch im neuen Winterkatalog von Meier’s Weltreisen stehen die Ausflüge „Bangkok auf zwei Rädern“ und „Bangkok einmal anders“. Sie führen in kleine Tempel abseits der Touristenpfade und entlang der Wasserstraßen in die ärmsten Viertel der Millionen-Metropole. Mit einem Longtailboat geht es anschließend auf die grüne Seite des Flusses. Mit einem thailändischen Mittagessen und einer Rikschafahrt in einem Park kostet der Tagestrip 53 Euro, die halbtägige Radltour 38 Euro. Buchung im Reisebüro oder online unter www.meiers-weltreisen.de.

SKY-RESTAURANT Das Restaurant Sirocco und die Sky Bar im 63. Stockwerk des 247 Meter hohen State Tower sind täglich ab 18 Uhr geöffnet, die Bar schließt um 1 Uhr. Zugang über das Hotel Lebua im State Tower, Silom Road 1055. Reservierungen und weitere Infos unter www.thedomebkk.comoder unter Tel. 0066/2/624 95 55.

BADEN GEHEN Wer nach dem Städtetrip mal kurz abtauchen oder Strandleben genießen will, setzt nach Koh Samet über. Die Insel liegt nur sechs Kilometer vor der Küste und ist mit dem Boot ab Seree Pier in nur 30 Minuten Fahrzeit zu erreichen.

WOHNTIPP Le Vimarn Cottages (www.samedresorts.com).

WEITERE INfOS Thailändisches Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Tel. 069/138 13 90, Infos im Internet unter www.thailandtourism.de.

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