Wenn Wind vom Atlantik fehlt

FFH-Wettermann erklärt den Sommer 2013 und den Haken bei Unwetterschäden

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Martin Gudd präsentiert jeden Tag das Wetter bei FFH.

Martin Gudd sagt jeden Tag das Wetter bei Radio FFH voraus. Im EXTRA TIPP spricht er über die Chancen auf die Rückkehr von 25-Grad-Tagen und darüber, ob’s generell wärmer wird. Von Axel Grysczyk

War der Sommer aus meteorologischer Sicht besonders?

Ja, denn es hätte anders kommen können. Denn die Geschichte hat gezeigt, dass nach kalten Wintern und kalten, grauen Frühjahrsmonaten sehr häufig ein wechselhafter und insgesamt zu kühler Sommer folgt. Einige der schlechtesten Sommer der letzten 100 Jahre gehören genau zu diesem Typ, zum Beispiel die extrem kalten Sommer 1940, 1956, 1979 oder 1985. Die folgten dem Muster: eisiger Winter – kaltes Frühjahr – schlechter Sommer. Umso erstaunlicher und für viele auch erfreulich, dass der Sommer 2013 ab Anfang Juli doch noch so warm wurde.

Besonders warm?

Er gehört zu den Top Ten der wärmsten Sommer der letzten 100 Jahre. Grund war der fehlende Wind vom Atlantik. Der bringt normalerweise die Regenwolken von dort mit. Doch diesmal gabs die kaum, und daher konnte sich die warme Luft vom Mittelmeer so oft bei uns durchsetzen.

Wie werden sich die Sommer in den nächsten Jahren verändern?

Das kann niemand sagen. Wir haben in den letzten 20 bis 25 Jahren zwar sehr viele teils deutlich zu warme Sommer gehabt, die ein Zeichen für die vieldiskutierte Erwärmung des Klimas sein können. Doch auch einige sehr kalte Witterungsphasen gab es ja in den letzten Jahren: Viel zu kalte Maimonate 2010 oder 2013, ein verregneter Hochsommer 2011. Diese zeigen, dass wir in Zukunft prinzipiell die gesamte Palette an Wetter im Sommer zu erwarten haben.

Haben wir in diesem Jahr im September noch einmal die Chance auf 25 Grad?

Mit jedem Tag mehr im September nimmt zwar die Wahrscheinlichkeit für richtige Sommertage – also mit einer Höchsttemperatur ab 25 Grad – ab. Doch zeigt auch hier die Geschichte, dass es immer nach Hitzesommern noch bis weit in den Herbst hinein besonders häufig zu sogenannten Wärmerückfällen kommt. Über Südeuropa ist es nach wie vor sehr warm, und von dort aus kann die Wärme wohl auch in diesem Jahr bestimmt noch mehrmals nach Deutschland gelangen – möglicherweise nochmals mit Werten bis zu 25 Grad.

Als Junge haben Sie Gewitter mit dem Kassettenrekorder aufgezeichnet. Wie hat sich Wetteraufzeichnung verändert?

Der Schritt von Analog zu Digital hat einen Quantensprung ausgelöst: Heute kann jeder mit kleinstem Aufwand das Wetter aufzeichnen und beobachten. Fast jede dunkle Wolke können wir heute in Bild und Ton festhalten. Das ist einer der Gründe, warum wir in den Medien so häufig mit Wetterereignissen konfrontiert werden. Sie können schlicht jederzeit von allen dokumentiert werden. Früher war das Beobachten von Wetterphänomenen aufwändiger. Ein Kassettenrekorder passte in keine Hosentasche, und eine Filmkamera war unbezahlbar.

Im Vergleich zu früheren Zeiten: Nehmen die Schäden durchs Wetter eher zu oder ab?

Sie nehmen eher zu. Das ist unbestritten. Jetzt kommt das Aber: Die Wetterschäden nehmen nicht zu, weil signifikante Wetterereignisse häufiger oder stärker werden. Sie nehmen zu, weil es viel mehr gibt, das kaputtgehen kann. Die Wertekonzentration steigt immer weiter, und daher werden die Unwetter kostspieliger.

Nennen Sie mal ein Beispiel.

Die Überschwemmungsschäden bei Gewittern nehmen sehr stark zu, und zwar seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Seit dieser Zeit wird nämlich das Verkehrswegenetz immer weiter ausgebaut, und es gibt immer mehr bebautes Gelände. Die Folge: Wo früher ein Acker und ein Hohlweg durch einen Wolkenbruch ausgewaschen wurden, stehen heute ein Neubaugebiet samt Umgehungsstraße unter Wasser.

Das muss man einen Meteorologen fragen: Ist die generelle Erwärmung natürlichen Ursprungs oder vom Menschen gemacht?

Ich bin der Meinung, dass weder eine rein anthropogen verursachte als auch eine rein natürliche Erwärmung in Frage kommen. Die Antwort liegt aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo dazwischen: Wir beobachten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine – wahrscheinlich zunächst natürlich verursachte – Erwärmung des Klimas, die, mit Unterbrechungen, bis heute anhält. Was jetzt dazukommt, ist der anthropogene Anteil, und der aller Wahrscheinlichkeit nach der Grund ist, dass die Erwärmung immer schneller voranschreitet – auch wenn der Erwärmungstrend seit einigen Jahren wieder stagniert.

Sie sind ein Gewitter-Fan: Wo würden Sie unbedingt hinfahren, um ein schönes Gewitter zu erleben und warum?

Um die richtig „dicken Dinger“ zu erleben, würde ich gar nicht mal so weit weg fahren müssen: Einfach nur in die Gegend nördlich von Graz in der Steiermark. Denn hier entstehen oft die europaweit schwersten und beeindruckendsten Gewitter, bedingt durch die Alpen. Wäre ich weiter weg auf der Suche nach großen Gewittern, würde ich in Oklahoma und Nebraska kurz Station machen, aber mich dann schnell mal auf einen Trip ins zentrale und nördliche Argentinien machen, so bis hin zur Grenze nach Paraguay. Dort entstehen im Windschatten der Anden bisweilen ungeheuerliche Gewitter. Wäre ich auf der Suche nach einem Blitzfeuerwerk, käme ich natürlich an Darwin und Brisbane in Australien nicht vorbei.

Gibt es im Rhein-Main-Gebiet eigentlich eine markante Wetterscheide?

Ja, und zwar bedingt durch die Anordnung von Berg und Tal. Der Taunus führt zum Beispiel dazu, dass es im westlichen Rhein-Main-Gebiet, so Richtung Rheingau, deutlich trockener ist als ansonsten bei uns. Er hält die Regenwolken ab, die von der Nordsee kommen. Dadurch ist es dort auch wärmer. -Aber auch bei den Gewittern gibt es aufgrund der Berg-Tal-Verteilung bevorzugte Straßen. So ziehen die Gewitter häufig am am Taunuskamm entlang in Richtung Wetterau. Eine andere Hauptzugstraße der Gewitter erstreckt sich vom südlichen Rheinhessen in den Landkreis Offenbach hinein und weiter Richtung Spessart. So kommt es, dass dort im langjährigen Schnitt mehr Schäden durch Gewitter entstehen als dazwischen. Eschborn, die nördlichen Frankfurter Stadtteile oder Bad Vilbel haben deutlich weniger Gewitterschäden als die Regionen nördlich und südlich davon.

Sonne, Regen, Wolken, Wind: Was macht Wetter für Sie so spannend?

Die ständige Abwechslung. Immer ein anderes Wetter. Mal Licht, mal Schatten, mal Wärme, mal Kälte, mal diese, mal jene Wolke. Das macht für mich den Reiz dessen aus, was da über unseren Köpfen abgeht. Und dann kommt dazu die Tatsache, dass das Wetter sich nicht um unsere Probleme da unten kümmert. Es bringt einen daher immer wieder zum ehrfürchtigen Staunen.

 

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