„Unter Bauern – Retter in der Nacht“

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Jahrelanges Versteckspiel: Marga Spiegel (Veronica Ferres) findet Unterschlupf beim Bauern Aschoff (Martin Horn).

Blond, groß, blauäugig. Besonders „jüdisch“ sah Marga Spiegel nicht aus. Das hat der heute 96-Jährigen vermutlich das Leben gerettet. „Unter Bauern“ erzählt die wahre Geschichte der Marga Spiegel.

Ihre blonden Haare und die Familie Aschoff, eine katholische Bauernfamilie aus dem Münsterland. Heinrich Aschoff und Margas Mann Siegmund Spiegel lagen im Ersten Weltkrieg nebeneinander im Schützengraben. Das schweißt zusammen. Ohne langes Nachdenken verstecken die Aschoffs daher in den letzten Kriegsjahren Marga Spiegel und ihre Tochter Karin bei sich auf dem Hof. Der Vater taucht woanders unter.

Marga Spiegel schrieb über diese Zeit im Jahre 1965 ein Buch mit dem Titel „Retter in der Nacht“, das Regisseur Ludi Boeken jetzt verfilmt hat. Mit Veronica Ferres als Marga Spiegel, Armin Rohde als Ehemann sowie Margarita Broich und Martin Horn als Bäuerin und Bauer Aschoff. Möglichst unprätentiös sollte der Film wirken, möglichst unheroisch. Genau das ist dem niederländischen Filmemacher Boeken auch gelungen. Ohne falsches Pathos und Hollywood-hafte Musikuntermalung konzentriert sich die Regie in „Unter Bauern“ ganz auf seine Figuren.

In unaufgeregten, stimmungsvollen, manchmal allerdings allzu fernsehtauglichen Bildern porträtiert Boeken eine Familie, die sich nicht als heldenhafte Widerstandskämpfer verstand. Die Aschoffs folgten als geradlinige, der Nächstenliebe verpflichtete Menschen einfach nur ihrem Gewissen und besaßen den Mut, Nein zu sagen. Ihre Tat verdeutlicht das moralische Versagen vieler Landsleute. Martin Horn als wortkarger Aschoff, der nur den Mund aufmacht, wenn es wirklich wichtig ist, spielt seine Rolle mit einer im Gedächtnis bleibenden, stillen Intensität. Seine Filmgattin Margarita Broich ist der eigentliche Mittelpunkt des Films. Sie trifft immer den richtigen Ton, wenn es darum geht, die schwankende Gemütsverfassung der Bäuerin zu illustrieren. Mal poltert sie bärbeißig, tritt so derb und emotional distanziert auf, wie es einer Vertreterin ihres Standes dort und damals wohl gebührte. Mal scheint diese verhärmte Frau aber auch unerwartet sanft, zart und fast liebevoll. Die anrührendste Szene gehört ihr. Mit kurzen Blicken breitet sie das ganze Leid aus, das eine Mutter empfindet, die soeben die Nachricht vom an der Front gefallenen Sohn erhält. Auch Armin Rohde beeindruckt mit seinem beklemmenden, ungewohnt zurückgenommenen Spiel.

Enttäuschend ist allein Veronika Ferres, der für die facettenreiche Figur der Marga Spiegel nur sehr wenige unterschiedliche Gesichtsausdrücke eingefallen sind. Dennoch bleibt zu hoffen, dass ihr Name der Produktion die Aufmerksamkeit sichert, die dieser Film verdient hat.

Ulrike Frick

Bewertung: Sehenswert, 4 Sterne

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