TV-Kritik

Arte Themenabend „Menschenskinder“: Vom Kalifat bis zu Götz Kubitschek

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Der rechte Vordenker Götz Kubitschek auf der Buchmesse Frankfurt (Archivbild).

TV: Der Arte-Themenabend namens „Menschenskinder“ widmet sich Kindern, die in radikalem Umfeld aufwachsen.

Der Titel des Arte-Themenabends am Dienstag (19.11.2019) klingt harmlos: „Menschenskinder“ ist er überschrieben. Eigentlich ein Ausdruck des Erstaunens, das hier schnell in Erschrecken umschlägt. 

Der Programmschwerpunkt beginnt mit der semi-dokumentarischen SWR-Produktion „Kleine Germanen“. Die Regisseure Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger erzählen die Geschichte einer Frau, die von Kindheit an mit rechtsradikaler Ideologie geimpft wurde. Beide Eltern waren berufstätig, der Großvater übernahm die Betreuung des Kindes, das im Film Elsa genannt wird. Mit dem Opa spielte Elsa „Bolschewiken erschießen“, lernte „Mein Kampf“ auswendig, bekam Märchen erzählt, in denen Menschen jüdischen Glaubens mit Ratten gleichgesetzt wurden.

TV Arte: Themenabend „Menschenskinder“ über Hasserziehung im Kinderzimmer

Die kindliche Prägung hatte Folgen. Als Jugendliche schloss sich Elsa einer rechten Gruppierung an, heiratete, kaum volljährig, einen Kameraden, zog mit ihm und der gemeinsamen Tochter in eine ländliche, völkisch gesonnene Gemeinschaft. Ihr Umdenken begann, als sie einen behinderten Sohn zur Welt brachte, der in ihrem Umfeld als „Missgeburt“ und „nutzloser Esser“ verunglimpft und später von anderen Jugendlichen schikaniert wurde. Noch nicht das Ende der Geschichte.

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Elsa und ihre Kinder müssen anonym bleiben. Sie werden von gewaltbereiten Rechten verfolgt. Elsa ist im Film nie zu sehen. Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger haben einen anderen Weg gefunden, Elsas Lebensbericht bildlich umzusetzen: in Form eines Animationsfilms. Die beiden Autoren leisten noch mehr. Sie haben Vertreter des rechten Spektrums wie Götz Kubitschek, dessen Ehefrau Ellen Kositza, Martin Sellner von der österreichischen Identitären Bewegung, den Aussteiger Alexander Lingner nach ihrer Kindheit und Jugend und ihren Vorstellungen von Kindererziehung befragt.

Arte Themenabend: Götz Kubischek beschönigt seine Kindheit

Ergänzend äußern sich Extremismusforscher und Bernd Wagner, der Leiter der Organisation Exit Deutschland. Die fachliche Bewertung erfolgt jeweils aus dem Off nach Art einer akustischen Fußnote und wird dadurch als sachliche Ebene kenntlich. Elsas Erfahrungen, so machen Farokhmanesh und Geiger deutlich, können nicht als Einzelschicksal abgetan werden. In völkischen Familien, Lebensgemeinschaften und organisierten Jugendlagern werden Kinder in radikal-nationalistischem Sinne beeinflusst, bekommen die Furcht vor allem Fremden und angeblich drohenden Katastrophen, eine rassistische, sozialdarwinistische Einstellung vermittelt.

TV: Der Arte-Themenabend namens „Menschenskinder“ widmet sich Kindern, die in radikalem Umfeld aufwachsen.

Der völkisch-nationalistische Verleger und Aktivist Götz Kubitschek spricht beschönigend von einer „gerahmten Kindheit“. Alexander Lingner, im rechten Milieu aufgewachsen, berichtet, dass er als Kind in irrationaler Angst vor Türken lebte. Heute sei er „glücklicher unterwegs“, seit er die ideologisch vermauerten „eigenen vier Wände“ verlassen habe.

Arte Themenabend: „Kinder des Kalifats“

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Auch der im Anschluss gezeigte Dokumentarfilm „Of Fathers and Sons: Die Kinder des Kalifats“ berichtet auf erschütternde Weise von Kindern, die in den Extremismus hineingeboren werden und kaum eine Chance haben, der eifernden Verblendung zu entrinnen. Der aus Syrien stammende, in Berlin lebende Filmemacher Talal Derki konnte zwei Jahre lang das Leben einer radikal-islamistischen Familie mit der Kamera begleiten, eine lebensgefährliche Unternehmung.

Er dokumentierte den Alltag der Kinder, vor allem des anfangs zwölfjährigen Osama, und zeigt, wie das unschuldige Spiel der frühen Jahre in die Heranbildung zum Kämpfer im Geiste des Dschihadismus übergeht. Die SWR-Koproduktion erhielt eine Oscar-Nominierung und wurde beim Sundance Festival als mit dem World Cinema Documentary Grand Jury Prize ausgezeichnet.

Arte Themenabend: „Verlorene Seelen: Die Kinder des IS“

Zum Abschluss des Themenabends zeigt Arte „Verlorene Seelen: Die Kinder des IS“. Die italienischen Filmemacher Francesca Mannocchi und Alessio Romenzi fragen nach der Zukunft irakischer Kinder, die den Krieg auf Seiten des IS erlebt und dessen Ideologie verinnerlicht haben und heute, oft als Halb- oder Vollwaisen, in Flüchtlingslagern untergebracht sind.

Von Harald Keller

  • „Kleine Germanen: Eine Kindheit in der rechten Szene“, Arte, 20.15 Uhr
  • „Of Fathers and Sons: Die Kinder des Kalifats“, Arte, 21.40 Uhr
  • „Verlorene Seelen: Die Kinder des IS“, Arte, 23:20 Uhr

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