Ein Erlebnis wie kein anderes: The Tree of Life

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Vom Leben Jacks erzählt der Film „The Tree Of Life“; hier Laramie Eppler mit Brad Pitt (Jacks Vater, li.)

Großer Wurf: Terrence Malicks Werk „The Tree Of Life“ versucht, das Dasein und den Kosmos zu erfassen. Sehen Sie hier den Kinotrailer und die Filmkritik.

Das Kino heute kommt einem oft klein und mutlos vor: Ob Blockbuster oder „Kunstfilm“, es gibt sich mit dem Bekannten und Erwartbaren zufrieden, widmet sich Detailthemen, haust in genau taxierten Nischen. Und da kommt Terrence Malick und sagt: Alles auf Anfang. Ihr glaubt, Ihr wisst, was Kino ist und kann und soll? Ällerbätsch!

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„The Tree Of Life“ ist ein Experimentalfilm aus Hollywood, ein Familiendrama mit CGI-Dinosauriern (Common Gateway Interface: Begriff aus der Technik zum Datenaustausch), die einen ersten Akt der Gnade vollführen: Er ist ein Versuch, das ganze Dasein, den ganzen Kosmos genauso zu fassen wie das intimste Detail. In seinem teil-autobiografischen Zentrum steht eine Nachkriegskindheit in Texas. Schon die ist ungewöhnlich erzählt: fragmentarisch wie die Erinnerung selbst, mit einer Kamera, die oft wie eine fremde Seele, ein überirdisches Auge durch die Szene schwebt.

Der autoritäre Vater (Brad Pitt – Respekt!), die gütig-verspielte Mutter (Jessica Chastain) aber sind nicht nur für den kleinen Jack die Pole seiner Welt. „The Tree Of Life“ verfolgt nicht nur bis zum erwachsenen Jack (Sean Penn), einem Architekten, wie sie dessen Leben prägen. Nein, Malick beginnt seinen Bildertrip buchstäblich beim Ursprung des Universums, der Sterne und Planeten, des irdischen Lebens und der Arten. Er zoomt um den US-Vorort der 60er vom Blick des Elektronenmikroskops bis zum Hubble-Weltraumteleskop. Und begreift die Eltern als Vertreter der Grundprinzipien Natur und Gnade. Malicks Werke waren schon immer voll mit Bildern von Vegetation und Fauna.

Die Felder und Wüsten in „Badlands“, „Days Of Heaven“ waren nie bloß Bühne, der Urwald, die Tiere in „Thin Red Line“, „The New World“ nie bloß Deko. Seit jeher sagten sie: Menschliche Gewalt, Liebe, Kriege sind übers Konkret-Historische hinaus Teil eines Kreislaufs der Existenz. In „Tree of Life“ treibt er das nun virtuos auf die Spitze. Der Film ist beseelt vom Glauben, dass bewegte Bilder Philosophie betreiben, ach was: verkörpern (!) können. Dass Kino ein zugleich überwältigend sinnliches wie tief denkfähiges Medium sei. Es ist ein Film wie kein anderer, ein Erlebnis wie kein anderes. Und als großer, radikaler Wurf freilich auch ein großes Wagnis, an dem man sich reiben kann.

In Cannes gab’s die Goldene Palme – und Buhs. Die allumfassende Geste balanciert nun mal – gerade im letzten Drittel, gerade in der Musikauswahl – am Rand zum Kitsch. Und, ja, man kann über das fragwürdige Gegensatzpaar Natur-Gnade diskutieren – und darüber, ob Malick inkonsequent oder absichtlich teils Bilder von der Natur als Zeichen für Gnade verwendet. Aber das ist Jammern auf einem Niveau, das normale Filme noch nicht einmal mehr versuchen. Bei all seiner Monumentalität und technischen Brillanz ist „Tree of Life“ doch ein erstaunlich schutzloser Film, in jedem Moment merklich mit brennendem Herzen gemacht. Er hofft auf ein Publikum, das ebenfalls Mut hat: die Augen zu öffnen und zumindest zu versuchen, das Kino, das Leben, die Welt neu zu sehen. Und er verdient es.

Thomas Willmann

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