TV-Kritik „Operation Bahn“

Warum die Deutsche Bahn jeden Tag kläglich scheitert 

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Pendler beim Einstieg in einen Zug.

Die ARD zeigt eine Dokumentation über alte Defizite und neue Aufgaben der Deutschen Bahn.

Wo und wann mag die fatale Idee entstanden sein, die Verkehrs-Infrastruktur eines Landes ließe sich gewinnbringend herstellen und betreiben?

Manchmal steht „bitte nicht einsteigen“ auf der Anzeige am Bahnsteig. Gut, das lässt sich machen, ist aber eigentlich nicht Sinn der Sache. Denn für das so genannte Klimaschutzpaket der Bundesregierung, das bescheiden dimensioniert ist, nimmt die Deutsche Bahn eine Schlüsselrolle ein. Weil der so genannte Individualverkehr einen immensen Ausstoß an Treibhausgasen zur Folge hat, soll möglichst viel Verkehr auf die Schiene verlagert werden. 

Die Deutsche Bahn ist gnadenlos überfordert

Das Problem ist allerdings, dass die Bahn auf die Bewältigung von noch größeren Transportaufgaben kaum vorbereitet ist. Sie ist ja schon mit dem, was sie zurzeit leisten sollte, gnadenlos überfordert, wenn man sich etwa die (von der Bahn selbst polierten) Verspätungsstatistiken anschaut, die Defizite der Cargo-Abteilung, das marode Material, die hinter aktuellen Möglichkeiten hinterherhinkenden technischen Gegebenheiten, die unzulängliche Infrastruktur.

Jessica Sander, Adrian Oeser und Katja Sodomann sind in ihrer Dokumentation der Frage nachgegangen, für welche Aufgaben die Deutsche Bahn eigentlich gerüstet ist, und die Ergebnisse sind klar und ziemlich desillusionierend. Es fehlt an allem, möglicherweise aber vor allem an einem gut eingearbeiteten und kompetenten Management, das die effiziente Bewältigung komplexer Aufgaben im eigenen Land beherrscht und als Priorität des eigenen Handelns versteht. 

Dass die Regierung von der Bahn plötzlich nicht mehr Gewinn erwartet (was ohnehin nie funktioniert hat), sondern ihr zentrale klima- und infrastrukturpolitische Aufgaben zuweist, ist neu, aber leider unangemessen. Der Film zeigt eindrucksvoll an einer Reihe von prägnanten Beispielen, wie kläglich die Deutsche Bahn jeden Tag scheitert und warum.

Das Investitionsvolumen, das neuerdings im Raum steht, klingt imposant; genauso imposant aber ist, was die Bahn in den Jahrzehnten seit ihrer Privatisierung alles aufgegeben hat – um nur eine Hausnummer zu nennen: 6100 Kilometer Bahnstrecke wurden seit 1994 stillgelegt; das wäre immerhin fast die Hälfte der Länge des deutschen Autobahnnetzes.

Der Deutschen Bahn fehlt es an Zeit

Operation Bahn, ARD, 18. November, 20.15 Uhr. Im Netz: ARD Mediathek (verfügbar bis 18.11.2020)

Allerdings fehlt der Bahn nicht nur das Geld für den Ausbau des Schienennetzes und die Verbesserung vieler anderer veralteter und unzulänglicher Dinge, es fehlt vor allem an Zeit. Denn was in fünf Jahrzehnten, in denen alle Verkehrsminister den Personen- und Lastverkehr auf den Straßen bevorzugten und mehr oder weniger verdeckt subventionierten, versäumt wurde, kann nicht von morgen auf übermorgen aufgeholt werden, egal, was für Zahlen auf welchen Papieren stehen.

Der Film geht bei all dem bewundernswert seriös vor, so seriös, dass er die drei größten Katastrophen der Deutschen Bahn nicht erwähnt: das schreckliche ICE-Unglück von Eschede (das offenbar mit den Instandhaltungspraktiken der Bahn in engem Zusammenhang stand), die Ära des Bahnchefs Mehdorn und das Projekt Stuttgart 21. Auch ohne diese Trinität wird eindrucksvoll klar, wie groß die Defizite und wie immens die Aufgaben sind, vor denen die Deutsche Bahn steht, wohin die Reise gehen muss und was sie kosten wird.

Von Hans-Jürgen Linke  

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