Nowhere Boy: Als John Lennon zum Beatle wurde

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Ein Außenseiter, der dennoch seinen Weg macht: Aaron Johnson spielt den jungen John Lennon.

Der neue Film von Regisseurin Sam Taylor-Wood erzählt von der Kindheit und Jugend der britischen Musik-Legende John Lennon. Der Kinotrailer und die Filmkritik zu "Nowhere Boy":

Es klingt wie ein bislang verschollenes Romanmanuskript von Charles Dickens: In der englischen Provinz zeugen ein Trinker und eine lebensuntüchtige Träumerin einen Sohn. Weil die beiden die Erziehung nicht so recht hinbekommen, wächst der Kleine bei seiner strengen Tante und ihrem liebevollen Ehemann auf. Nach dem Tod des Onkels entwickelt sich der Junge zu einem Taugenichts, der seiner Tante schlaflose Nächte bereitet, aber am Ende wird alles gut: Er wird reich, berühmt und ein guter Mensch.

Das ist, in aller Kürze, die Geschichte der Kindheit und Jugend des John Lennon, die nun als rührender Entwicklungsroman verfilmt wurde. Dass so viel über seine Herkunft und die Familienverhältnisse bekannt ist, liegt nicht zuletzt an Lennon selbst, der fast schon obsessiv immer wieder darüber sprach und so das Personal seiner Jugend wie eben die strenge Tante Mimi oder den netten Onkel George für seine Fans zu Allgemeingut machte.

Das freilich ist das kleine Problem dieses Films: Weltweit werden Millionen Lennon-Jünger argwöhnisch nach Fehlern oder freien Interpretationen der einzig wahren Heilsgeschichte suchen. Doch ein Spielfilm muss straffen, verkürzen und ein bisschen verfälschen, um dramaturgisch überzeugen zu können. Am Anspruch, es sowohl den Fans als auch unbefangenen Zuschauern recht zu machen, ist Regie-Debütantin Sam Taylor-Wood fast gescheitert. Es ist ihr dann doch noch gelungen, nicht einfach nur eine Nacherzählung bekannter Fakten zu bebildern. In der ersten Hälfte sieht das mitunter noch wie ein biederes Fernsehspiel aus, und lediglich die exzellenten Schauspieler halten das Interesse wach. Allen voran Kristin Scott-Thomas als harte, aber aufrichtig besorgte Tante Mimi rettet manche Szene vor dem Abgleiten ins Quasi-Religiöse, also unfreiwillig Komische. Erst allmählich besinnt sich Taylor-Wood darauf, einen eigenständigen Film zu gestalten. Dadurch gelingt es auch dem jungen Hauptdarsteller Aaron Johnson, sich freizuschwimmen. Er wird zunehmend überzeugender in der Rolle, obwohl er das Kunststück meistern muss, einen Heranwachsenden über den Zeitraum von fast einem Jahrzehnt zu spielen. Aber es gelingt, nur muss man dafür die eine oder andere Ungereimtheit in Kauf nehmen.

Dennoch funktioniert der Film als wunderschön fotografiertes modernes Märchen eines Außenseiters, der doch noch seinen Weg macht. Übrigens: Für wahre Beatles-Fans lohnt sich die englische Originalfassung, um zu hören, wie akkurat Aaron Johnson den charakteristisch näselnden Tonfall und die Klangfarbe John Lennons imitiert. Obwohl Lennon sich in Wahrheit nie getraut hätte, seine Tante im Proletarier-Slang der Hafenstadt Liverpool anzusprechen. Den breiten nordenglischen Dialekt hat er erst als Beatle kultiviert. Na bitte, da haben wir es schon: Fangequatsche. Der Autor bittet um Nachsicht.

Zoran Gojic

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