"Anna Karenina": Gesellschafts-Theater fürs Kino

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Anna Karenina (Keira Knightley) verlässt ihren Gatten, weil sie mit Graf Wronskij (Aaron Taylor-Johnson) leben will. Die russische Gesellschaft wird ihr das nicht verzeihen.

München - Mit einem eleganten Kunstgriff hat Regisseur Joe Wright erneut bewiesen, dass er Romane auf die Leinwand bringen kannt und Tolstois "Anna Karenina" fürs Kino adaptiert.

Er hat sich noch mal gesteigert: Bereits mit seinen ersten beiden Kinofilmen „Stolz und Vorurteil“ (2005) nach Jane Austen und „Abbitte“ (2007) nach dem Buch von Ian McEwan hat Regisseur Joe Wright gezeigt, dass er Romane für die Leinwand adaptieren kann: groß und opulent, mit einem guten Gespür für Figuren und Stimmungen. Mit „Anna Karenina“ geht der Brite nun einen Schritt weiter und findet einen sehr poetischen Filmkniff, um Tolstois überreichen Roman in den Griff zu bekommen.

Wright liest eine der traurigsten Liebesgeschichten der Weltliteratur auch und vor allem als eine gesellschaftliche Analyse der Aristokratie im zaristischen Russland. Die adeligen Familien, von denen Tolstoi in seinem Roman erzählt, leben in einer Welt der beinahe permanenten Beobachtung: Berufliches wie Privates wird hier sofort von der Gesellschaft bespiegelt, kommentiert, bewertet. Eng untereinander verwoben lebt die herrschende Klasse in einem Biotop, das jede Äußerung und Änderung sofort registriert. Ein Leben außerhalb dieser Welt ist für die einzelnen Mitglieder quasi nicht möglich.

Um diese Atmosphäre einzufangen und für den Zuschauer im Kino erfahrbar zu machen, lässt Wright „Anna Karenina“ in einem Theater spielen: Hier beobachtet die Gesellschaft das Bühnengeschehen – und sich selbst in den Rängen und im Parkett. Wrights handwerkliches Talent zeigt sich auch darin, dass diese Entscheidung stets der Geschichte dient – und nie selbstverliebtes Regie-Gegockel ist. Wo nötig, öffnet sich die Bühne, und die Kamera entführt den Zuschauer in die Weiten Russlands und an jene Orte, an denen sich die Moskauer und Petersburger Gesellschaft trifft.

Wie sehr dieser kühne Kunstgriff jedoch dem Roman gerecht wird, zeigt etwa jene Szene, in der Graf Wronskij, Liebhaber der mit dem ordentlichen, aufstrebenden Politiker Karenin verheirateten Anna, an einem Pferderennen teilnimmt: Das Publikum, darunter das Ehepaar Karenin, nimmt im Parkett, den Logen und auf den Rängen des Theaters Platz, während die Reiter auf ihren Tieren über die Bühne jagen. Anna ist aufgeregt, fächelt sich Frischluft zu: Dieses Geräusch verschmilzt mit dem immer lauter werdenden Galopp der Tiere. Als Wronskijs Pferd plötzlich strauchelt, mitsamt Reiter halsbrecherisch in die ersten Zuschauerreihen stürzt, zerreißt Kareninas Angstschrei die gespannte Theateratmosphäre. Als Geisel ihrer eigenen Gefühle, ohne Scham und ohne Rücksicht auf die Konventionen reagiert die Geliebte des Gestürzten in diesem Augenblick – und liefert sich so der Gesellschaft aus. Gaffend wenden sich ihr sofort alle Blicke zu, fortan wird Anna Karenina eine Geächtete sein.

Auch Greta Garbo und Vivien Leigh haben in früheren Verfilmungen diese Frau bereits gespielt. Den Vergleich mit ihnen braucht Keira Knightley kaum zu fürchten. Zum dritten Mal arbeitet die Schauspielerin hier mit Joe Wright zusammen, und beiden gelingt es, die Entwicklung der Figur ohne viel Worte nachvollziehbar zu machen: Knightleys Gesicht spiegelt Kareninas Gefühlswelt in all ihren Facetten – klug und wohldosiert.

Eine weitere Stärke dieses Films ist, dass Joe Wright die Figur von Annas Gatten aufwertet: So, wie ihn Jude Law hier spielt, ist Alexej Karenin im Vergleich zu Aaron Taylor-Johnsons Wronskij der spannendere Mann. Die Liebe lässt sich davon freilich nicht beeindrucken.

Von Michael Schleicher

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