Stiefs Sprechstunde

Eine Spritze gegen die schwache Stimme

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HNO-Ärztin Dr. Maria Schuster tastet den Kehlkopf von Johann Schwarz ab. Der 64-Jährige ist wegen einer Sprechstörung in Behandlung.

Im Alter wird nicht nur die Haut faltig und die Sehkraft lässt nach. Auch Muskeln in Armen und Beinen werden schwächer. Auch die Stimme leidet. Was dagegen hilft, verrät eine Münchner Ärztin.

Geschafft! Johann Schwarz lässt sich in den grauen Untersuchungsstuhl fallen. Der 64-Jährige ist nicht mehr gut zu Fuß, die Nerven in seinen Beinen sind geschädigt. Er ist daher auf einen Rollator angewiesen und die Wege im Münchner Klinikum Großhadern sind weit. Doch deswegen ist er nicht hier. Schwarz hat nämlich noch ein anderes Leiden: Seine Stimme gehorcht ihm nicht mehr richtig. Man muss aufpassen, um ihn richtig zu verstehen.

„Wenn ich mich anstrenge, dann wird es schlimmer“, sagt Schwarz entschuldigend. Daher hat er auch einen zweiten Termin in der Innenstadt abgesagt. Denn eigentlich wollte er heute auch zur Logopädie, um seine schwache Stimme zu trainieren.

Dabei ist es durchaus normal, dass die mit den Jahren an Kraft verliert. Denn damit die Stimme schön voll klingt, müssen sich die Stimmlippen, die zum Kehlkopf gehören und tief im Rachen sitzen, beim Sprechen gut schließen. Doch im Alter baut die Muskulatur überall im Körper ab. „Auch im Kehlkopf“, sagt Dr. Maria Schuster, Fachärztin für Phoniatrie und Pädaudiologie in der HNO-Klinik. Diese verlieren an Volumen, sind weniger prall – und schließen dann nicht mehr so gut.

Seine Stimme ist leise, klingt angestrengt und ein wenig heiser

Die Stimme klingt dann so wie bei Johann Schwarz: ein wenig heiser, angestrengt und vor allem leise. So als hätte jemand den Regler für die Lautstärke heruntergedreht. „Wie eine typische Altersstimme“, sagt Schuster. Bei Schwarz müssten allerdings wohl noch andere, unbekannte Faktoren schuld an dem ausgeprägten Muskelabbau in den Stimmlippen sein, erklärt sie. Denn für eine solche Altersstimme sei der 64-Jährige eigentlich noch viel zu jung.

Dennoch: Die Therapie ist die gleiche – und auch die Untersuchungen, die für die Diagnose nötig sind. Schwarz ist dazu in die Abteilung Phoniatrie und Audiologie der HNO-Klinik gekommen. Schuster schaltet einen der beiden Monitore neben dem Untersuchungsstuhl an. Dann nimmt sie ein schmales Rohr, ein Lupenendoskop, das mit einer Hochgeschwindigkeitskamera verbunden ist: ein Laryngoskop. „Jetzt bitte den Mund öffnen!“, sagt Schuster – und schiebt das Rohr vorsichtig in den Rachen ihres Patienten. Wenig später sind die Stimmlippen auf dem Bildschirm sichtbar. Diese sehen tatsächlich ein wenig aus wie Lippen. Nur sie nicht so voll und rund, sondern gleichen eher zwei schmalen Häutchen. Doch beim Sprechen öffnen und schließen sie sich wie die Lippen am Mund. Bei Johann Schwarz klappt letzteres nicht mehr so gut – aber schon viel besser als noch vor einiger Zeit.

Denn dem Münchner hilft eine Therapie, die man eher beim Schönheitschirurgen vermuten würde: das Aufspritzen. Doch während der die Lippen damit voller und damit sinnlicher machen will, verhilft HNO-Ärztin Schuster ihren Patienten wieder zu einer kräftigeren Stimme – indem sie Hyaluronsäure in die Stimmlippen spritzt.

Vor dem Telefonieren helfen Übungen, die Muskeln zu lockern

Ziemlich schmerzhaft hört sich das an. Doch Johann Schwarz winkt ab, alles halb so wild. Das liegt vor allem an der örtlichen Betäubung, die Patienten vor dem Eingriff bekommen: Schuster greift nach einem Spray mit langem Plastikschlauch. Damit sprüht sie ein Mittel auf, welches die Einstichstelle betäubt. Von der Spritze spürt Schwarz daher nichts. Insgesamt dauert die Prozedur kaum mehr als eine Viertelstunde.

Eigentlich könnte Schwarz seine vollere Stimme dann auch gleich ausprobieren. Die aber muss er am ersten Tag noch schonen, darf daher nur wenig reden. Dabei hätte der alleinstehende Mann gerade da eine gute Gelegenheit dazu. Den Tag danach muss er nämlich in der Klinik bleiben. Zur Sicherheit, falls eine Schwellung auftreten sollte.

Das ist Schwarz bislang aber noch nie passiert. Denn leider ist der Eingriff keine einmalige Sache. Hyaluronsäure ist ein körpereigener Stoff, der daher zwar gut vertragen, aber nach einiger Zeit wieder abgebaut wird. Die Behandlung muss dann wiederholt werden. Bei Schwarz ist das nach etwa einem halben Jahr der Fall. Andere Stoffe bleiben zwar länger im Körper. Um sie einzubringen, ist aber eine Vollnarkose nötig. Auch diese Verfahren werden in Großhadern angeboten.

Für eine kräftigere Stimme muss Schwarz auch selbst etwas tun. Zwei Mal pro Woche fährt er zum Sprechtraining in die Berufsfachschule für Logopädie, die zum Klinikum der Universität München gehören. Dort zeigen ihm Fachleute, wie er seiner Stimme etwas Gutes tun kann. Schwarz klopft sich mit einer Hand auf die Brust, das soll die Muskeln lockern. Dann stößt er einen langen Summton aus, den er mit leicht geöffneten Lippen bremst. Auch diese so genannte Lippenbremse soll helfen, alle für das Sprechen wichtigen Teile des Körpers zu entspannen. Das ist wichtig für eine volle Stimme. „Das Vibrieren der Stimmlippen im Luftstrom beim Ausatmen ist zwar ein passiver Prozess“, erklärt Schuster. „Wir müssen aber für die richtige Muskelspannung sorgen, um die Schwingungen zu kontrollieren.“ Auch Radiosprecher würden solche Tricks nutzen.

Schwarz reicht es schon, wenn er im Alltag verstanden wird, etwa beim Einkaufen oder Telefonieren. Letzteres ist eine Herausforderung: Ehe der 64-Jährige den Hörer abnimmt, macht er ein paar Übungen. Dann klappt es besser mit dem Sprechen. Auch sonst übt er zuhause viel, denn er weiß: Nicht mehr so gut gehen zu können, ist zwar hinderlich. Nicht mehr richtig verstanden zu werden, macht indes schnell einsam.

Andrea Eppner

Expertin

Expertin des Beitrags ist Privatdozentin Dr. Maria Elke Schuster. Sie ist Oberärztin und Leiterin der Phoniatrie und Pädaudiologie an der HNO-Klinik des Klinikum der Universität München in Großhadern.

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