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Die Werte des europäischen Fußballs sind Rolex und Euro

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Von: Prof. Dr. Justus Haucap

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Michael Hüther
Prof. Justus Haucap ist Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. © Bruckmann/M. Litzka/DICE

Der Profi-Fußball und seine Fans leiden unter wachsender Entfremdung. Wie schlimm die Lage inzwischen ist, offenbart ein Blick auf Fußball-WM in Katar. Doch statt die FIFA an die Leine zu legen, schauen die Politik und die Sponsoren brav beiseite, schreibt der Wettbewerbsökonom und Fußball-Fan Prof. Justus Haucap im Gastbeitrag.

Am Sonntag startet die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Es ist im Grunde eine Schande für den Fußball, vor allem für seine europäischen Vertreter bei UEFA, DFB und anderen europäischen Fußballverbänden.

War bei der letzten Weltmeisterschaft 2018 vor allem das sportliche Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft mehr als blamabel, muss man sich diesmal als Fußballfan für seine offiziellen Vertreter fremdschämen. Wenn Vertreter von UEFA, DFB etc. von ihren Werten sprechen, dürften eher Beträge in Euro und Dollar gemeint sein; Menschenrechte und Nachhaltigkeit gehören offenbar nicht dazu. Selten wurde so deutlich, dass Menschenrechte und auch die Zukunft des Planeten für den Profifußball in Europa - oder zumindest für dessen gewählte Repräsentanten – keine Rolle spielen, von Sonntagsreden zur Beschwichtigung der Fans einmal abgesehen.

Stimme der Ökonomen

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In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark.

WM: Profi-Fußball verteidigt Zuschlag für Katar

Die Vertreter des Profifußballs haben sich nicht nur nicht gegen die Vergabe der WM nach Katar gestemmt. Sie haben diese sogar aktiv öffentlich verteidigt und befürwortet. Als nach der Entscheidung für Katar die öffentliche Kritik – Stichworte: Korruptionsvorwürfe, fehlende Einhaltung essenzieller Menschenrechte, Ausbeutung von Arbeitern, mangelnde Nachhaltigkeit – lauter wurde, lud Katar zahlreiche Vertreter des europäischen Spitzenfußballs nach Doha ein, unter ihnen auch Karl-Heinz Rummenigge, den Vorsitzenden der European Club Association.

Nach dem Rückflug wurde Rummenigge vom Zoll mit zwei unverzollten Rolex-Uhren erwischt. Er behauptete später, die Uhren seien ein Geschenk gewesen, von einem Freund, nicht von den Kataris. Seit 2018 sponsert Qatar Airways zudem Rummenigges Verein, den FC Bayern München, nach Medienangaben mit rund 20 Millionen Euro pro Jahr. Die Kritik der Fans wurde von Uli Hoeneß als peinlich bezeichnet – aber nicht etwa für den FC Bayern, sondern für die Fans selbst. Dies zeigt, wie weit sich die offiziellen Vertreter des Profifußballs von der Lebensrealität der Menschen, der Fans, entfernt haben.

FIFA: Unreguliertes Monopol

Der Grund für diese Fehlentwicklungen sind allerdings weniger im Verhalten einzelner zu suchen, sondern vielmehr systematischer Natur. Die FIFA bildet mitsamt ihrer Unterverbände ein Monopol, das vollkommen unreguliert ist und somit alle negativen Konsequenzen eines Monopols zeigt. Da Wettbewerb sich inhärent nicht einstellen kann – wer will schon wirklich zwei, drei oder vier konkurrierende Weltmeisterschaften sehen wie etwa im Boxsport? - bleibt aber eigentlich nur eine Aufsicht über das Monopol oder eine Regulierung. Hier aber fehlt es der Politik an Mut – niemand möchte sich mit dem Sport anlegen. Auch ganz aktuell darf der FIFA-Präsident beim G20-Gipfel zu den Staatsführern sprechen anstatt ihn zur persona non grata zu erklären.

FIFA: Sponsoren nehmen Fehlentwicklung hin

Auch von Sponsoren geht kaum Druck aus. Mit adidas ist ohnehin nur noch ein europäischer Sponsor verblieben. Und chinesische Sponsoren werden sich nicht besonders für Menschenrechte und Nachhaltigkeit interessieren. Es gibt also nicht viel Hoffnung, dass sich in Zukunft etwas ändern wird. Seien wir ganz realistisch: Es wird bei Sonntagsreden bleiben. Der Fußball gehört längst den Funktionären und schon lange nicht mehr den Fans.

WM-Favorit: Der Markt tippt auf Brasilien und Argentinien

Wenn wir schließlich doch noch eine Perspektive auf das Sportliche werfen, so kennt die Ökonomie zwei durchaus erfolgreiche Methoden, um den nächsten Weltmeister zu prognostizieren. Zum einen ist das, recht simpel, ein Vergleich der Wettquoten – also ein Blick auf die Märkte. Hier gibt es aktuell die schlechtesten Quoten für Brasilien (1:3,5) gefolgt von Argentinien (1:5), Frankreich (1:6) und England (1:7). Die Chancen, dass Deutschland Weltmeister wird, stehen demnach bei 1 zu 10.

Zum anderen hat sich als treffsicher erwiesen, einfach die Werte der Spieler der verschiedenen Mannschaften auf dem Transfermarkt zu vergleichen. Das Team mit dem höchsten Marktwert stellt England mit 1,26 Mrd. Euro, gefolgt von Brasilien (1,14 Mrd. Euro), Frankreich (1,07 Mrd. Euro) und Portugal (923 Mio. Euro). Das deutsche Team liegt mit einem Marktwert von 874 Mio. Euro auf Platz 6 dieses Rankings und damit noch deutlich vor den mitfavorisierten Argentiniern (633 Mio. Euro). Das Schöne und Spannende am Fußball aber ist, dass auch alles anders kommen kann. In fast keiner anderen Sportart können Glück und Pech so ausschlaggebend sein, sodass auch David immer einmal gegen Goliath gewinnen kann.

Zum Autor: Prof. Justus Haucap ist Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Von 2006 bis 2014 war er zudem Mitglied der Monopolkommission der Bundesregierung, davon vier Jahre als Vorsitzender (2008-2012). Haucap setzt sich seit Jahren für eine Legalisierung von Cannabis ein.

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