Redaktionsleiter Axel Grysczyk hat es ausprobiert

Mein Leben als Veganer

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Laut einem Fachbuch sollen sogar Tiere im Wald merken, dass man Veganer ist. Davon merkt Redaktionsleiter Axel Grysczyk nichts. Dafür entwickelt er sich zum Koch, zum Beispiel bei Seitan mit Pilzen.

Lebensmittel tierischen Ursprungs meiden – das ist aus gesundheitlichen und ethischen Aspekten die Grundüberzeugung der Veganer. Redaktionsleiter Axel Grysczyk hat’s ausprobiert und vier Wochen lang vegan gelebt.

Region Rhein-Main – Da sitze ich nun, knabbere Hanf-Cracker und warte, dass ich meine Rote-Bete-Schnitzel aus dem Ofen holen kann. Als Veganer sind Lebensmittel weniger ein Produkt, sie sind eine Überzeugung, eine Sicht auf die Welt, eine Methode. Dieses Gefühl kommt unweigerlich. Es ist stark. Es zwingt einen, sich mit Lebensmitteln auseinander zu setzen, zu kochen und zu hinterfragen.

Vier Wochen habe ich mir vorgenommen, vegan zu leben. Grundsätzlich gilt: Innerhalb meiner eigenen vier Wände ist vegan zu leben einfach. Außerhalb ist es hier und da eine Herausforderung. Das merke ich, als ich bei meinem Lieblingsitaliener nur ein Gericht entdecke, dass der Vegan-Definition entspricht. Das heißt: Keine Verwendung von tierischen Produkten, keine Milch, kein Ei und so weiter.

„Ich nehme das, aber ohne...“

Als ich drei Tage zum Luftholen für eine Kraxeltour ins Allgäu fahre, merke ich, dass das Hotel zwar irgendwelche Bio-Siegel hat, aber beim Abendessen eher auf Hirschbraten und Wildlachs mit sehr sahnelastigen Desserts setzt. Ich gewöhne mich an Bestellungen, die lauten: „Ich nehme das, aber ohne...“ Irgendwann kaufe ich mir in Immenstadt im Reformhaus eine schulmilchtütengroße Packung Sojamilch, damit wenigstens das Frühstück nicht ständig aus Marmelade besteht. Aber ansonsten ist das Veganer-Leben eine feine Sache: Ich bin wacher, fühle mich fitter und staune über den regelmäßigen Stuhlgang.

Laut einem Fachbuch sollen sogar Tiere im Wald merken, dass man Veganer ist. Davon merkt Redaktionsleiter Axel Grysczyk nichts. Dafür entwickelt er sich zum Koch, zum Beispiel bei Seitan mit Pilzen.

Und ich muss immer wieder schmunzeln. Im Buch „Vegan für Einsteiger“ von Rüdiger Dahlke steht, dass Wein durchaus vegan ist. Zu achten sei darauf, dass der Wein nicht in Fässern gelagert war, die mit Hühnereiweiß ausgestrichen sind. Allein die Vorstellung im Lokal mit besserwisserischem Gesicht zu fragen, ob der Merlot in Hühnereiweiß-Fässern lagerte, zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht. Ich mach’s nicht. Zu peinlich.

Übers Grinsen hinaus geht die Passage im Einsteiger-Buch, in der wortwörtlich steht: „Wer im Wald meditiert, kann erleben, wie sich ansonsten scheue Tiere nähern und scheinbar mitmeditieren – oder wie Schmetterlinge auf einem Platz nehmen.“ Das Bild oben zeigt: Ich hab’s probiert, aber Tiere – außer irgendwelche listigen Holzböcke – sind nicht gekommen. Vielleicht weil der Fotograf ein Allesfresser ist.

Das Rote-Bete-Schnitzel

Um gleich mit einem Vorurteil aufzuräumen: Veganes Essen kann sehr lecker sein. Beispiel: Das Rote-Bete-Schnitzel. Die Rote Bete in ein Zentimeter dicke Scheiben schneiden mit Senf bestreichen und im Sesam wälzen. Dann ab damit in den Ofen und nach zwölf Minuten aus dem Ofen geholt. Dazu gibt’s eine selbst gemachte Guacamole – lecker. Und wenn die schon fertig ist, hat man Zeit für einen Hanf-Cracker oder noch besser Schokoladen-Imitat-Drops. Sehen aus wie Hundeleckerli – sind aber rein pflanzlich und super lecker.

Mein Magen erlebt in den vier Wochen für ihn Jahrzehnte verschlossene Welten: Bohnenburger, raffinierte Couscous-Salate oder ein Seitangulasch mit Pilzen. Auch wenn ich bei meiner Premieren-Seitan-Zubereitung die Stücke ein wenig zu groß geschnitten habe und staunte, was sich da im Topf für Klötze heranformten (siehe Bild oben rechts). Für mich war schnell klar: Vier Wochen vegan zu bleiben ist kein Problem. Zumal es für fast alles, Ersatzprodukte gibt: Veganer-Würste, Ei-Ersatz (aus Mehl, Backpulver und Sonnenblumenöl). Auch wenn ich persönlich weniger auf diesen Ersatzkram stehe, sondern viel mehr Gemüse und Obst esse. Das hat Auswirkungen: In den vier Wochen habe ich rund vier Kilogramm Gewicht verloren.

Fehlt dir da nicht was?

Und jetzt kommt natürlich die Standardfrage: Fehlt dir da nicht was? Fehlendes Eiweiß lässt sich gut durch Nüsse ausgleichen. Auch wenn die wahre Kalorienbomben sind. Mit dem verstärkten Verzehr von Hülsenfrüchten können Veganer Eiweiß-Defizite ebenfalls ausgleichen. Die auf Verpackungen angegebenen Eisenwerte orientieren sich an Werten für Fleischfresser. Einziges Problem ist das fehlende B12-Vitamin. Das bekäme man nur, wenn man ungewaschenes Obst aus dem eigenen Garten futtert oder regelmäßig Algen konsumiert. Meine Vier-Wochen-Phase habe ich problemlos ohne B12 gemeistert.

Aufs Gemüt geht die ständige Rechtfertigungs-Orgie. „Wie, Du bist Veganer?“, „Du isst jetzt gar keinen Käse oder Joghurt mehr?“, „Wieso hast du damit überhaupt angefangen?“

Fitter durch vegane Lebensweise

Irgendwann habe ich wie ein Politiker mir Standardsätze zurechtgelegt. Inspiriert hat mich weniger der Ethik-Ansatz, der Schutz der Tiere oder die Bauern in Südamerika. Aufmerksam auf das vegane Leben bin ich nach einem Fernsehinterview mit Patrik Baboumian geworden. Der Kraftsportler – Oberarmumfang 50 Zentimeter – gilt als einer der führenden Strongman in Deutschland – und ist Veganer.

Als der EXTRA TIPP nach einem Leseraufruf ein Fitnessvideo mit Björn Friedrich arrangierte, erzählte auch dieser Fitness- und Kraftsportler: „Ich bin Veganer.“ Und beide erklärten unisono, dass sie sich mit der veganen Lebensweise fitter fühlen. Das erschien mir erstrebenswerter, als die Standardargumente: Mischköstler konsumieren tote Materie und nehmen die schädlichen Stresshormone von Tieren auf, die entstehen, weil sie geschlachtet werden. Milch befeuert Diabetes, Osteoporose und macht durch den ständigen Antibiotika-Konsum der Tiere resistent gegen dieses Medikament. Und zu guter Letzt mache es keinen Sinn, Soja oder Hafer anzubauen und es dann Kühen zu verfüttern, um Milch zu gewinnen. Dann kann man – so die Veganer-Argumentation – gleich Soja- oder Hafermilch draus machen.

In der Zwischenzeit sind zwei weitere Wochen vergangen. Am Wochenende baue ich immer einen Allesfresser-Tag ein, ansonsten bin ich vegan. Und Rote-Bete-Schnitzel schmecken weiterhin.

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