Erst blind, dann tot!

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Hände weg, wenn die Herkunft des Alkohols nicht eindeutig ist.

Region Rhein-Main – Erst kommt der Rausch, dann gehen die Lichter aus. Und zwar für immer. Wer gepanschten Alkohol trinkt, riskiert nicht nur sein Augenlicht. Viele der Vergifteten sterben qualvoll. Von Christian Reinartz

Die aktuelle Vergiftungs-Welle in Tschechien und Polen zeigt, wie schnell der Griff zu Billigfusel aus dem Internet auch hier lebensgefährlich werden kann.

Der gute Selbstgebrannte von Onkel Erwin auf dem 90. der Oma. Fast jeder hat ihn schon einmal probiert, ohne an etwas Böses zu denken. Doch schnell ist beim unsachgemäßen Brennen Methanol in den trinkbaren Ethanol geraten. Und schon wird aus dem Obstler-Rausch ein Kampf gegen Blindheit und den Tod.

Viel gefährlicher aber als der Selbstgebrannte sind Billig-Schnäpse. Ein Fall des Frankfurter Zolls zeigt, in welchen Dimensionen mit dem Fusel gehandelt wird. Damals hatten die Fahnder Schmuggler hochgenommen, die 21.000 Flaschen Rohalkohol geschmuggelt hatten.

Das Prinzip ist einfach. Der 96-Prozentige Ethanol wird mit Wasser gemischt und als Wodka abgefüllt. Die Mischung gelangt dann unter verschiedenen Marken in den Verkauf. Gefährlich wird es, wenn etwa ein Zwischenhändler den trinkbaren und teuren Ethanol mit billigem, aber giftigem Methanol streckt. So, wie offenbar auch jetzt in Tschechien geschehen.

Aber auch hier gibt es immer wieder Fälle von Methanolvergiftungen. „Die sind aber eher selten, weil wir ein gutes Überwachungssystem für Chemikalien haben“, sagt der Leiter des Mainzer Giftinformationszentrums, Andreas Stürer. Es ist also in Deutschland relativ schwer, überhaupt reines Methanol in die Finger zu bekommen. „Aber in Zukunft wird uns das sicher stärker beschäftigen.“ Im Zuge des Zusammenwachsens von Europa wird nämlich schon jetzt häufiger Alkohol aus dem Osten hierzulande konsumiert. Billig-Alkohol wird etwa im Internet in Osteuropa bestellt. „Das wird dann im schlimmsten Fall getrunken, ohne dass überprüft wurde, was darin enthalten ist“, sagt Stürer. „Wenn so etwas weiter zunimmt, steigt auch die Gefahr, eine Flasche mit Methanol zu erwischen.“

Das tückische an der Vergiftung: Sie wird fast nie frühzeitig bemerkt. Denn die Symptome ähneln denen des klassischen Alkoholrauschs. Die Opfer werden erst müde, ihnen wird übel. Dazu setzen Kopfschmerzen und Schwindel ein. Erst nach einiger Zeit kommt es zu Sehstörungen oder neurologischen Ausfällen. Stürer rät deswegen: „Hände weg von Alkohol, der keine klare Inhalts- und Herkunftsbezeichnung hat.“ Zudem sollten Menschen, die nach Alkoholgenuss einen leicht veränderten Rauschzustand erleben, frühzeitig einen Arzt aufsuchen, um schlimmeres zu verhindern.

„Denn wenn man es schnell erkennt, können wir noch helfen“, sagt Stürer: „Am nächsten Morgen ist das oft nicht mehr möglich.“

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