Die neue Mercedes S-Klasse

Der fahrende Chefsessel

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Einmal Chauffeur, einmal Vorstandsvorsitzender – so fährt es sich mit der neuen Mercedes S-Klasse.

Die zwei Seiten der S-Klasse: Ich bin Chauffeur und Fahrgast gleichzeitig, einmal sitze ich als Chauffeur am Lenker, und einmal lasse ich mich von meinem Chauffeur lenken.

Er heißt Achim, meinen Namen sehen Sie am Ende des Artikels. Ach ja, und das Auto, das sowohl für den selbst fahrenden Manager als auch für den arbeitenden Manager geeignet sein soll, das heißt S-Klasse. Und zwar die brandneue, die wir schon mal vorab in den beiden Fahrgastrollen getestet haben.

Bitte Platz nehmen: Autor Rudolf Bögel testete die S-Klasse als Chauffeur...

Die S-Klasse wäre nicht das Flaggschiff der Stuttgarter, wenn es nicht mit ein paar Superlativen aufwarten könnte. Zum Beispiel das Design. Kaum einer dürfte bestreiten, dass die neue Ausgabe des Stuttgarter Bestsellers (über 500.000 verkaufte Automobile allein bei der letzten Baureihe) die vermutlich schönste S-Klasse seit Langem ist. Coupéartig streckt sich die Limousine elegant und fast schon endlos in die Länge und wirkt trotz eines knackigen Hinterteils luftig und leicht. Das ist sie in der Tat auch. 100 Kilogramm abgespeckt im Vergleich zum Vorgänger, und das obwohl bedeutend mehr Sicherheitssysteme (über 20, unten) an Bord sind als früher. Dazu der beste cw-Wert seiner Klasse mit 0,24. Form und Technik – in diesem Fall wirken sie wie wenn sie sich verliebt hätten, und zwar schon auf den ersten Blick.

...und als Chef – sowie deren Kofferraum

Das scheint auch die zahlungskräftige Klientel getan zu haben. Denn wie Daimler-Entwicklungschef Thomas Weber verrät, haben schon 20.000 Kunden die S-Klasse geordert. Bei einem Grundpreis von knapp unter 80.000 Euro und einem geschätzten Mindestdurchschnittsverkaufspreis von 100.000 Euro (Extras gibt es bis zum Abwinken) dürfte die Finanzspritze von knapp zwei Milliarden Euro schon jetzt die Daimler-Bilanz erfreuen.

...– sowie deren Kofferraum.

Aber nun zum eigentlich Wichtigen: Wie fährt sie sich nun, die neue S-Klasse? Zunächst einmal: die Chauffeure dieser Welt dürfen sich freuen. Sie nehmen Platz in einem fahrenden Chefsessel, der von einem derartig geschmackvollen Ambiente umgeben ist, dass das Fahren schon fast in Vergessenheit gerät. Bei so viel schwelgerischem Luxus (wahlweise dunkles Wurzelholz, doppelt genähtes Leder, silberne ausfahrbare Lautsprecher) fällt es dann auch nicht ins Gewicht, dass die Tassenhalter vorne im Vergleich zu den Chef-Cup-Holdern auf der Rückbank nicht zur wahlweisen Kühlung oder Warmstellung der jeweiligen Flüssigkeit fähig sind. Es muss halt doch einen Unterschied geben.

Wir sitzen am Steuer des neuen, sagen wir mal, S 500. Der 455 PS starke Achtzylinder (700 Nm Drehmoment) ist zwar kein so richtig neues Aggregat und scharrt auch nicht mit den Hufen im Sand, um machtvoll loszugaloppieren, trotzdem rast die Luxus-Limo in 4,8 Sekunden von null auf 100. Wir spüren es anerkennend, merken es aber ansonsten kaum, faul räkeln wir uns auf einem schwebenden Teppich, die Welt fließt vorbei, das Benzin ebenfalls. Aber ehrlich gesagt, auch nicht mehr in einem armdicken Strahl. Mit 8,6 Litern soll der S 500 auskommen, wir kreuzen auf der Autobahn dank Tempolimit mit 100 Stundenkilometern, lassen es auf den wenigen Kilometern Landstraße nur ein ganz klein wenig krachen, kommen aber immerhin mit 10,2 Litern aus. Für ein Fahrzeug dieser Klasse ein Wert, der dem durchschnittlichen Mr.-Hyde-Chauffeur zwar egal sein könnte, aber dem Umwelt-Dr.-Jekyll doch angenehm aufgefallen ist.

Mercedes enthüllt die neue S-Klasse

Mercedes enthüllt die neue S-Klasse

Platztausch, jetzt darf Achim ran. Und ich setze mich als Konzernlenker auf den Rücksitz der fahrenden WellnesS-Klassen-Oase. Rechts hinten ist der Erste-Klasse-Sitz, der fast völlig flach gestellt werden kann, wenn Müdigkeit den geplagten Manager überfällt. Wir kuscheln uns rein, Achim sucht noch in dem leider etwas unübersichtlichen Menü die Bluetooth-Koppelung mit seinem Smartphone. Und los geht’s. Die Welt gleitet vorbei wie in einem fahrenden Bett, Rosenmüllers Wer früher stirbt, ist länger tot! lässt grüßen. Peinlich berührt über die Anteilnahme der vorbeigleitenden Öffentlichkeit betätigen wir den Privacy-Modus bei den Fenstern, schließlich muss uns nicht jeder in der faulen Lümmelpose sehen.

Aus der wir uns dann auch langsam befreien, denn schließlich wollen wir auch testen, ob es sich in der neuen S-Klasse – so wie es sich eigentlich auch gehört – ordentlich arbeiten lässt. Also – wie im Flugzeug – raus mit dem kleinen Tischchen, Laptop an das W-LAN gekoppelt und los geht’s. Text schreiben über die neue S-Klasse. Vorsichtshalber stellen wir die Burmeister-Anlage punktgenau auf unseren Sitz ein und lassen die Hot-Stone-Massage den Rücken bearbeiten. Das rollende Wellness-Büro ist in vollem Betrieb als wir auf eine größere Bodenwelle zurasen. Gleich fliegt hier der Starbucks-Becher in die Luft, der Laptop macht mitten im Schreiben einen Sprung und das Kreuz lässt zwischen drittem und viertem Wirbel vorsichtshalber schon mal ein bösartiges Knacken hören. Wir sind noch am Hadern, doch in Wirklichkeit passiert nichts. Flauschig und fast schon gespenstisch ruhig gleitet die S-Klasse über die Bodenwelle.

Mercedes S-Klasse: Automobiler Luxus seit 1903

Mercedes S-Klasse: Automobiler Luxus seit 1903

Dank der vorausschauenden Fahrweise von Chauffeur Achim? Mit Sicherheit auch! Nein, aber hauptsächlich dank der sogenannten Magic Body Control. Das ist nicht etwa eine neue tragisch-magische Figur im fast endlos erscheinenden Star-Trek-Epos, sondern eine Doppelkamera, die den Boden in bis zu 500 Metern Entfernung abtastet und eventuelle Unebenheiten rechtzeitig an die Luftfederung des Autos weitergibt.

Wir stellen den Starbucks-Cup in den beheizbaren Tassenhalter ab. Erleichtert! Damit der einzige Anzug des Chauffeurs, der doch nur einen kleinen Platztausch machte, nicht leiden muss.

Rudolf Bögel

„Intelligent drive“

Die neue S-Klasse kann alles, was ein normaler Autofahrer auch kann, und noch viel mehr. Kein Wunder, sind doch mehr als 20 Assistenten mit dabei. Nur eine kleine Auswahl davon:

  • Copilot immer mit an Bord: Diesen Mercedes muss man im Stau (fast)nicht mehr selbst steuern. Dank der Doppelkamera, die räumliches Sehen simuliert (bis 50 Meter), und der Vernetzung mit Ultraschall und Radar, kann sich die S-Klasse auch bei fehlender Fahrbahnmarkierung am Vordermann orientieren und selbstständig fahren. Das funktioniert bis Tempo 60, aber nur wenn man zumindest die Hände am Lenker hat. Nach 10 Sekunden freihändig fahren ertönt ein Summton, weitere fünf Sekunden später muss man wieder selbst übernehmen. Die Technik wäre eigentlich schon viel weiter, aber noch fehlt es an den Vorgaben der Gesetzgeber, die das vollintelligente Fahren regeln.
  • Fußgänger im Blick: Und das bei Tag und in der Nacht! Plötzlich auftauchende Passanten werden automatisch erkannt: Zuerst warnt das System, dann steigt es leicht auf die Bremse, und wenn der Fahrer dann immer noch nicht reagiert, legt die S-Klasse einen abrupten Stopp hin. Beeindruckend wie das Auto beim Test auf einem Flughafen-Rollfeld 30 Zentimeter vor dem Dummy zum Stehen kommt. Dank verbesserter Nachtsichttechnik funktioniert das auch in der Dunkelheit. Nur mit dem Unterschied, dass der Fußgänger zunächst durch das Aufblitzen der Scheinwerfer gewarnt und auf der Windschutzscheibenprojektion alarmrot markiert wird. Verlässt der Passant dann immer noch nicht die Straße und reagiert der Fahrer ebenfalls noch nicht, legt auch hier der Mercedes eine Vollbremsung hin. Erstmalig erkennt dieses System im übrigen auch Tiere und bremst für Sie. Ganz ohne den dazu gehörigen Aufkleber. Wie das System Mensch und Tier erkennt? Das ist ganz und gar nicht magisch. Die Kamera-Software wird an lebenden Objekten geschult. Sprich: Menschen, ob dick oder dünn, ob klein oder groß, ob leptosom oder pygnisch – jeder Typ von Körperform wird abgefilmt, damit der Computer auch tatsächlich einen Menschen von einem Straßenbegrenzungspfosten unterscheiden kann.
  • Auffahrunfälle (fast) ausgeschlossen: Und zwar von vorne und hinten. Stehende Objekte werden erfasst, klassifiziert und bei entsprechender Unaufmerksamkeit des Fahrers rechtzeitig ausgebremst. Mögliche Kollisionen von hinten erkennt die S-Klasse ebenfalls, zunächst blinkt sie das ankommende Auto mit den Rücklichtern alarmartig an, dann jedoch schaltet sie die Bremsen auf Volllast, um die Aufprallenergie so vom Fahrer abzufangen und ein Schleudertrauma zu vermeiden. Fast genauso faszinierend reagiert der Mercedes, wenn man aus Versehen auf die Gegenfahrbahn zu kommen droht. Das System macht eine kurze Bremsung, dann ein Lenkeingriff, und schon fährt man ohne eine brutalen Unfall zu erleiden weiter auf der eigenen Spur. Unversehrt und im übrigen fast auch unbemerkt.

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