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„Das darf nur Helene“: Santiano im extratipp.com-Interview – das hat die Schlager-Queen der Band voraus

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Von: Jonas Erbas

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Björn Both, Sänger und Musiker der Schlager- und Volksmusik-Band Santiano, neben dem Cover zu „Wenn die Kälte kommt“ (Fotomontage)
Björn Both, Sänger und Musiker bei Santiano, erklärt im extratipp.com-Interview: (Fotomontage) © Axel Heimken/We Love Music/Universal Music/Jens Büttner/dpa/picture alliance

Mit „Wenn die Kälte kommt“ stürmten Santiano wieder einmal an die Spitze der Charts. Im Interview mit extratipp.com spricht Frontmann Björn Both über die Hintergründe des Nummer-eins-Albums, Fridays for Future und wieso es ihn keineswegs stört, als Schlagerband wahrgenommen zu werden.

Flensburg - Wie schreibt man eigentlich reihenweise Nummer-eins-Alben? Anruf bei jemandem, der es wissen muss: Björn Both (56) ist Sänger und Bassist der Chartstürmer Santiano. Sage und schreibe sechsmal standen die Shanty-Rocker* mit ihren Alben an der Spitze der Charts, auch ihre neuste Platte „Wenn die Kälte kommt“ ist da keine Ausnahme. Dass man erneut auf Anhieb ganz oben mitspielen werde, prognostizierte der 56-jährige Multiinstrumentalist bereits zuvor im Interview mit extratipp.com*.

Auf die Frage, ob Santiano ihre Erfolgsserie fortsetzen würden, gibt es von Björn Both ein kurzes, aber entschiedenes „Ja!“ – und das, Tage bevor die endgültige Chartplatzierung feststand. Doch das Nordlicht bleibt nur selten so wortkarg, spricht ausführlich über die Inspiration und Interpretation hinter ihrem neusten Werk. Außerdem erklärt der Ausnahmemusiker, wie die Band Schlager*-, Volksmusik*- und Metal*-Fans vereint, lobt Fridays for Future und verrät, welches Privileg Helene Fischer* (37) beim Echo genoss. Extratipp.com von IPPEN.MEDIA berichtet*.

Die Band Santiano, Peter David Sage, Björn Both, Axel Stosberg und Hans-Timm Hinrichsen stehen auf einem Bootssteg am Ufer der Ostsee
Santiano haben es wieder einmal geschafft: Mit „Wenn die Kälte kommt“ stürmte die Band prompt an die Spitze der deutschen Charts – damit gelang ihnen das Unfassbare: Jede ihrer Platten wurde bisher zum Nummer-eins-Album © Axel Heimken/dpa/picture alliance

Santiano: Björn Both über den Band-Erfolg und die Vielschichtigkeit hinter „Wenn die Kälte kommt“

Santiano – das sind stimmungsvolle Seemannslieder, mal als Eigenkomposition, mal als Coverversion. Damit gelang eurer Band insgesamt sechsmal und damit immer der Sprung an die Spitze der Albumcharts. Zum Einstieg direkt nachgehakt: Was ist euer Erfolgsrezept, ja, vielleicht sogar Alleinstellungsmerkmal?

Das Erfolgsrezept kennen wir selbst nicht so genau. Wir haben auch einmal beschlossen, dass wir auf diesen Zauber auch gar nicht kommen wollen, weil wir Angst haben, dass er dann verfliegt. Da ist das mit dem Alleinstellungsmerkmal schon eher ausschlaggebend: Ich sehe weit und breit keine andere Band, die dermaßen konsequent maritim unterwegs ist. Wir holen die Leute in den Eingeweiden ihrer Urbedürfnisse ab, die wir alle als Menschen haben. Ich glaube, das hat die Kraft, die unsere Fans mitnimmt.

Wenn es um die Rezeptur selbst geht, sind wir selber uneinig. Je länger man darüber spricht, desto schlechter fühlt sich das auch an. Wir beschäftigen uns mit solchen Gedanken gar nicht – wir sind, wer wir sind und machen, worauf wir Bock haben. Das zeichnet Santiano aus. Wenn man etwas für diesen Erfolg verantwortlich machen möchte, ist es vielleicht dieser überstrapazierte Begriff der Authentizität, die wir scheinbar gut erfüllen – aber ohne, dass das ein bewusster Akt wäre.

Bei „Wenn die Kälte kommt“ handelt es sich um ein Konzeptalbum, das sich mit der Polarexpedition des norwegischen Forschers Roald Amundsen beschäftigt. Ein spannender, aber nicht ganz einfacher Stoff. Was hat Santiano daran gereizt und wieso spielt die Thematik vielleicht gerade auch in der aktuellen Zeit irgendwie eine Rolle?

Es ist, wie du sagst: die Möglichkeit, anhand einer solchen Expedition wirklich auch die Gemütslage innerhalb der Gesellschaft über eine ganze Strecke abzubilden. Da geht es auch mit einer gewissen Aussichtslosigkeit los – Wer kann segeln ohne Wind? Sich dann irgendwo ein Stückchen Hoffnung herauszuholen und am Ende dann doch wieder ins Licht zu gelangen und dort anzukommen, wo wir eigentlich hinwollten.

Wer die erste Single-Auskopplung „Wenn die Kälte kommt“ gehört hat, merkt sofort, dass da auch eine zweite Erzählebene drin ist. Wir haben es ja aktuell auch mit einer zunehmenden Kälte innerhalb der Gesellschaft und untereinander zu tun. Diese Kälte hält uns davon ab, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir sprechen über Themen, die total unwichtig sind und vergessen dabei die Sachen, um die wir uns dringend kümmern sollten.

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Santiano: Eine Band zwischen Schlager, Rock und Folk – wo sieht Björn Both die Gruppe?

Besonders interessant ist, dass sich Santiano keiner Szene so richtig zuordnen lassen: So stand die Band etwa bereits beim Wacken Open Air, aber auch bei Florian Silbereisen auf der Bühne. Die Gäste auf der „MTV Unplugged“-Platte waren ebenfalls bunt durchgemischt. Fühlt sich Santiano einer bestimmten Szene angehörig oder vielleicht sogar verpflichtet, wenn es um eure musikalische Ausrichtung geht?

Es ist schon erstaunlich, was für eine Bandbreite an Menschen wir erreichen. Am Anfang haben wir uns wirklich gewundert: Was passiert da unten? Da stehen Metal-Fans, da stehen Omi und Opi mit Enkel, vorne ist eine Kindertruppe, die sich als Piraten verkleidet haben, Gruftis und Mittelalter-Freaks und daneben ist ein Ärzte-Paar – und die sind alle bei derselben Band!

Genau das macht diese Vielfalt aus: Dass wir auf dem Wacken Open Air genauso wenig von der Bühne gepfiffen werden, wie etwa bei Florian Silbereisen, wo es dann doch eher ‚schlagrant‘ zugeht. Die Leute finden das super, wir finden das erstaunlich. Wir fühlen uns allerdings keiner Szene, sondern wenn überhaupt den Fans verpflichtet. Die haben uns dorthin getragen, wo wir jetzt sind.

Deswegen stellt sich vor jedem Album erneut die Frage, wie man genügend Santiano bleiben kann und trotzdem Neuerungen reinzubringen; ein neues Themenfeld zu entdecken oder musikalisch etwas zu verändern. Aber niemals in dem Maße, dass ein Santiano-Fan – der ja woanders gar nicht fündig wird, wenn er Bock auf diese Musik hat – sich darin nicht wiederfindet. Wir haben immer gesagt: Wo Santiano draufsteht, muss auch Santiano drinstecken. Diesem Grundsatz fühlen wir uns verpflichtet.

Stört es dich, wenn Santiano in der Presse vereinfacht als „Schlagerband“ betitelt wird?

Nein, damit können wir gut leben. Das ist ja auch der Tatsache geschuldet, dass die Leute am Anfang gar nicht richtig wussten, wo sie uns einsortieren sollen. Das war maritimer Folk- und Shanty-Kram – und das ist eben Volksmusik! Beim Echo wurden wir ja auch viermal in der Kategorie „Beste Gruppe: Volkstümliche Musik“ ausgezeichnet. Dann streichen wir das „-tümlich“ und am Ende trifft es das auf den Punkt:

Wenn etwas aktuell Volksmusik ist – also im Sinne von Musik für alle, wo wir auch wieder bei der Bandbreite der Fans wären – dann sind wir das! Damit haben wir keine Berührungsängste, im Gegenteil: Uns amüsiert das sogar ein bisschen. Die meisten Fans haben sowieso verstanden, dass wir nicht ausschließlich eine Schlager- oder Volksmusikband sind – dafür sind wir zu derbe unterwegs.

Hätte man uns beim Echo auch noch in andere Kategorien gesteckt, zum Beispiel Deutschrock, was ja durchaus vertretbar gewesen wäre, hätten wir alles weggeräumt, weil wir in diesem Segment einfach so unglaubliche Zahlen haben. Die kriegt kein Deutschrock-Act auch nur annähernd. Das heißt: Egal, wo man uns sonst noch reingepackt hätte, wir hätten das Ding wohl gewonnen. Und dass Santiano überall abräumen, wollten die Verantwortlichen von der Deutschen Phono-Akademie vermutlich auch nicht – das darf nur Helene!

Santiano: Klimawandel und gesellschaftliche Spaltung inspirierten „Wenn die Kälte kommt“

Neben zwischenmenschlichen Themen wie Liebe oder Freundschaft steht bei Santiano auch stets eine naturverbundene Komponente, häufig symbolisiert durch den maritimen Bezug, im Vordergrund. Parallel dazu spielen in der Gesellschaft auch Umweltschutz und die Klimawandelproblematik eine immer größere Rolle. Sind derartige Diskussionen auch für die Band, das Songwriting oder das eigene Selbstverständnis tragend?

Die sind sogar sehr wichtig für uns! Wir suchen immer nach einer tieferen Verbindung mit dem, was wir tun. Das geht jetzt nun schon seit über zehn Jahren so. Wir haben uns immer engagiert, in ganz verschiedenen Organisationen, darunter auch Sea Shepherd, mit denen wir von Anfang an zusammenarbeiten. Mit Nathan Evans etwa haben wir das Walfängerlied „Wellerman“ neu aufgenommen und die ganzen Erlöse an Sea Shepherd, die ja gegen den kommerziellen Walfang ankämpfen, gespendet. Wir haben also die Energie dahinter ein bisschen gedreht.

Auch mit „Wenn die Kälte kommt“ gehen wir nicht nur ins Eis, um eine Abenteuergeschichte zu erzählen, sondern haben eben bereits erwähnte Erzählebene hinzugefügt. Die hat einen klaren Bezug zum Pandemie-Verlauf. Dann gibt es noch eine dritte Ebene, mit der wir den Finger direkt in die Wunde legen und klar sagen: Da oben, in den Polarregionen, können wir klar ablesen, was uns blüht.

Wir haben uns da mit Arved Fuchs, einem langjährigen Freund und Segelkumpanen, zusammengetan. Der hat vor 40 Jahren in erster Linie aus Abenteuerlust angefangen, sich in den eisigen Regionen aufzuhalten, ist dadurch aber auch Zeuge der Veränderung, die sich dort seit Jahrzehnten tun. Er gehört zu denen, die mahnen – Menschen, die mit unseren Wissenschaftlern seit Jahren fordern, dass wir endlich auf die Bremse treten, etwa mit fossilen Brennstoffen.

Ich unterstütze auch Bewegungen wie Fridays for Future, bin ein großer Fan. Deren Verdienst ist es, dass wir über diese Themen endlich diskutieren und sie in die Mitte der Gesellschaft gerückt haben. Parteien, die sich sonst am liebsten um dieses Thema drücken, müssen sich jetzt damit auseinandersetzen – weil es die Leute wollen! Ich bin allerdings ein wenig enttäuscht, dass sich im aktuellen Wahlergebnis schon auch niederschlägt, dass es mit dem Bewusstsein doch noch nicht so weit ist. Aber ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg – und das haben wir zu großen Teilen der Fridays-for-Future-Bewegung zu verdanken.

Santiano: Björn Both kritisiert Medienberichte und soziale Netzwerke – Vorfreude auf kommende Tour

Blickt man auf die Erfolge von Santiano, so steht fest: Die Band zählt zu den erfolgreichsten Künstlern des Landes. In den Medien stehen allerdings verstärkt Geschichten über Einzelpersonen, wie aktuell Helene Fischers Schwangerschaft, im Zentrum des Interesses. Seid ihr dankbar, dass in einer Band der Fokus – und damit unweigerlich der Ruhm – auf mehrere Schultern verteilt sind und man einer entsprechenden Berichterstattung so entgeht?

Ja, das mag ein Grund sein, dass die Medien bei uns gar nicht so genau wissen, auf wen sie sich jetzt stürzen sollen. Aber ich glaube, das ist auch der Tatsache geschuldet, dass wir von Anfang an gesagt haben, wir möchten nicht in der Klatschpresse stattfinden. Wir wollen keine Geschichten aus unserem Privatleben zum Besten geben, an denen man sich dann aufhängen könnte. Allerdings führen wir alle auch ein total langweiliges, spießiges Leben. Da gibt es auch nicht viel zu holen.

Es ist aber schon bitter, wie die Berichterstattung zum Teil läuft. Wir kriegen auch manchmal ordentlich eins drauf, für die unverfänglichsten Dinge. Ich denke, das müssen wir alle gerade einfach aushalten. Der Zorn ist verbreitet, der Mob ist laut, aber die Befürworter leise. Etwa in den sozialen Netzwerken: Wenn dir in 80 von einhundert Kommentaren Hass entgegen strömt, denkst du natürlich, 80 Prozent seien negativ eingestellt – aber das stimmt nicht! Da sind zehntausende Fans, die der gerade schweigend zugestimmt haben.

Im Frühjahr 2022 geht es für Santiano erneut auf Tour. Etwa zur selben Zeit jährt sich der Ausbruch der Corona-Pandemie zum zweiten Mal. Glaubst du, dass diese beiden Jahre unsere Sicht auf die Konzert- und Veranstaltungsbranche, aber auch unser Zusammenleben allgemein, verändert haben?

Das hängt stark davon ab, welchen Zustand wir dann haben. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wird der Begriff des Brennglases auch immer wieder angeführt. Bestimmte Probleme sind nun klar ersichtlich. Wer je geglaubt hat, dass wir ganz vorne sind, was Organisation oder technische Ausstattung angeht, wurde in den letzten anderthalb Jahren eines Besseren belehrt. Wir haben eine Menge zu tun. Aber: Wir wissen nun auch viel mehr zu schätzen, was es bedeutet, Kontakt miteinander zu haben – ganz persönliche Dinge, von denen wir dachten, man könne sie uns nie nehmen.

Auf einmal hatten wir jedoch Lebensumstände, die sogar die grundsätzlichen Bedürfnisse infrage stellen. Mein Motto war immer: „My boat is my castle!“ – Mein Schiff ist für mich ein Rückzugsort. Ich dachte immer, wenn ich irgendwann die Schnauze voll habe, dann kappe ich die Leinen und schaue mir das alles aus der Ferne an. Auf einmal durfte man jedoch nicht mal mehr zu seinem Boot und ich dachte mir: „My boat is my castle?“ Von wegen! Aber so ging es allen. Wir hatten Einschränkungen auf Gebieten, die wir nie für möglich gehalten haben.

Aber: Im Sinne eines Infektionsschutzgesetzes und des gesunden Menschenverstandes war das alles absolut legitim. Mir war vieles am Anfang noch nicht einmal stark genug. Ich habe nie zu denen gehört, die sich in einer Diktatur wähnten oder sich ihrer Freiheit als Mensch und Bürger tatsächlich auf eine ungerechtfertigte Weise beraubt fühlten. Ich denke, das haben wir in Deutschland alles sehr gut auf die Reihe gekriegt. Natürlich gab es auch immer Punkte, die entlarvend waren. Alles in allem hätte ich während der Corona-Pandemie aber nirgendwo lieber gelebt als hier.

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Wie fühlt es sich als Band an, nach dieser anstrengenden Zeit nun bald endlich wieder auf der Bühne stehen zu dürfen? Bist du aufgeregt?

Das Schönste wird dieses Entgegenkommen zwischen uns und den Fans sein: Die sind ausgehungert, haben Bock auf Live-Musik und werden uns verzeihen, wenn wir am Anfang noch wieder nicht so gut sind. Wir werden natürlich auch einen Augenblick brauchen – das geht jedem Künstler so!

Du kannst dich an der Gitarre oder am Bass fit halten, aber die Stimme – da gibt es so eine Art von Belastung, im Fußball würde man sagen: „Die holst du dir nur auf dem Platz.“ Und da ist was dran. Es gibt Dinge, die holst du dir wirklich nur auf der Bühne. Wir haben schon ein bisschen Bammel, aber die Vorfreude überwiegt natürlich.

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