Experten rätseln über kontinuierlich steigende Durchfallquoten

Warum rasseln immer mehr Fahrschüler durch die Prüfung?

Beide Hände am Lenkrad, konzentriert den Verkehr beobachten und offen sein für Tipps vom Fahrlehrer – wenn’s so läuft, sollte bei der Prüfung eigentlich nichts schiefgehen. Foto: Alexander Raths - Fotolia

Die Experten stehen vor einem Rätsel. Warum steigt die Zahl derjenigen an, die durch die Fahrprüfung fallen? Zwar sind die Zahlen in Hessen besser als in anderen Bundesländern, aber auch hier gibt’s mehr Durchfaller. Vermutungen gibt es viele. Von Axel Grysczyk

Region Rhein-Main – Stoppschild übersehen, Zebrastreifen ignoriert, falsch abgebogen – das war’s. Durchgefallen! Die Zahlen derjenigen, die durch die praktische Fahrprüfung fallen, steigt kontinuierlich an. Uwe Herrmann, Leiter der Technischen Prüfstelle für den Kfz-Verkehr in Hessen, berichtet, dass 2017 etwa 23 Prozent der Prüflinge in Hessen durchgefallen sind. Im Jahr zuvor waren es 21,2 Prozent. In Deutschland seien es mehr als 28 Prozent. Herrmann, Chefaufseher über die Prüfungen in Hessen, versichert, dass ständig daran gearbeitet wird, die Ausbildung zu verbessern. Sprachliche Unzulänglichkeiten werden überprüft, sodass auch Zugezogene eine faire Chance haben. Herrmann: „Es sind allein 18.000 Prüfungen in einer anderen Sprache abgenommen worden. Dass also die Prüflinge kein Deutsch mehr verstehen, daran kann es nicht liegen.“ Fest steht: Der Verkehr ist komplizierter geworden. Herrmann: „Die Verkehrsdichte hat bei den praktischen Prüfungen zugenommen, die Anforderungen sind damit auch an die Prüflinge angestiegen.“

Das sieht Frank Dreier ähnlich. Er ist Vorsitzender des in Offenbach sitzenden Hessischen Fahrlehrerverbandes. „Aber das erklärt nicht allein die steigenden Zahlen.“ Dreier glaubt, dass der Führerschein nicht mehr den Stellenwert bei Jugendlichen hat. Natürlich verändere sich die Jugend, aber das sei schon immer so gewesen, erklärt Dreier, der selbst seit 1990 eine Fahrschule leitet.

Veränderungen bei den Fahrschülern sieht auch Christoph Paul. Der Inhaber einer Fahrschule in Heusenstamm hat einen besonderen Draht zur Jugend. Denn seit Jahren hilft seine Fahrschule den Abiturienten bei der Gestaltung der Abschlussfeier. „Zu Zeiten von G8 stiegen die Fahrschüler schon gestresst ins Auto. Das ist durch die Rückkehr zu G9 zwar besser geworden, aber generell merkt man, dass sie einfach viel zu tun haben. Da fällt die Konzentration manchmal schwerer.“ Früher hätten die Fahrschüler auch eine Beziehung zum Verkehr und zum Auto. Paul: „Die Jungs hatten schon mal an einem Auto rumgeschraubt. Heute schauen sie zu häufig auf ihre Smartphones.“ Im Verkehr sei es ähnlich. Paul: „Die Fahrschüler erkannten Verkehrssituationen, weil sie dort wohnten oder Verwandte hatten. Heute sind für viele Fahrschüler viele Situationen neu, weil sie als Beifahrer nur noch auf ihre Displays schauen.“ Eine generelle Erklärung für die Durchfallquoten hat auch Paul nicht. „Fakt ist, dass die Fahrschüler bis zur Prüfung mehr Stunden brauchen als Fahrschüler vor 20 Jahren“, erklärt er.

Verbandsvorsitzender Dreier macht Hoffnung. Die Bundesanstalt für Straßenwesen habe jüngst einen Forschungsauftrag an eine Uni vergeben, um genau klären zu lassen, warum die Durchfallquote steigt. Dreier: „Dann haben wir verlässliche Antworten und können möglicherweise die Ausbildung weiter optimieren.“

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