Akut-Plätze werden blockiert, weil Frauen keine bezahlbaren Wohnungen finden

Voll! Rhein-Mains Frauenhäuser müssen Gewaltopfer abweisen

Swantje Ganecki. Foto: kb

Für misshandelte Frauen und ihre Kinder sind Frauenhäuser oft die letzte Rettung. Doch immer öfter werden Gewaltopfer abgewiesen – weil es keine freien Plätze gibt. Hauptgrund ist der angespannte Wohnungsmarkt. Vor allem in Rhein-Main ist die Lage dramatisch. Von Kristina Bräutigam

Region Rhein–Main – Die Frauen, die beim Verein „Frauen helfen Frauen“ in Hanau anrufen, sind verzweifelt. Weil sie von ihrem Partner geschlagen, vergewaltigt und gedemütigt werden. Weil sie um ihr Leben fürchten und um das ihrer Kinder. Das Frauenhaus ist für die Betroffenen oft die letzte Rettung. Swantje Ganecki und ihre Kolleginnen vom Trägerverein wissen das. Trotzdem müssen sie immer wieder Frauen in Not abweisen. Denn das Hanauer Frauenhaus, das Schutz für elf Frauen und 13 Kinder bietet, ist seit Monaten voll belegt. „Leider ist es mittlerweile Dauerzustand, dass wir keine freien Plätze haben. Auch aktuell können wir keine Notfälle aufnehmen“, sagt Sozialarbeiterin Ganecki, die seit 2011 für „Frauen helfen Frauen“ arbeitet. Auch Doris Feld und ihre Kolleginnen vom Autonomen Frauenhaus in Frankfurt sind fast täglich gezwungen, Frauen abzuweisen. „Und selbst wenn mal ein Platz frei wird, ist dieser sofort wieder belegt.“

Zwar versuchen die Mitarbeiterinnen, die Frauen an umliegende Einrichtungen oder – bei akuter Gefährdungslage – in Frauenhäuser weit weg zu vermitteln. Doch auch hier gibt es meist keine Kapazitäten. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt der Blick auf die offizielle Seite der 31 hessischen Frauenhäuser. Egal ob Offenbach, Landkreis Darmstadt-Dieburg, Oberursel, Fulda oder Limburg: Alle Symbole sind rot, die Frauenhäuser, selbst im ländlichen Raum, sind bis auf einen Platz in Frankfurt voll.

Die Folgen für die Betroffenen sind dramatisch: „Wir sind gezwungen, Frauen wegzuschicken, die massiv bedroht werden und dringend einen Schutzraum benötigen. Das ist eine prekäre Situation“, sagt Swantje Ganecki. Vor allem Frauen, die nicht aus Deutschland stammen, hätten oft weder Freunde noch Verwandte, bei denen sie unterkommen können. „Kehren die Frauen zu ihrem gewalttätigen Partner zurück, kann das für sie lebensgefährlich sein“, sagt die Sozialarbeiterin.

Hauptgrund für die Überbelastung der Frauenhäuser ist die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt. Weil die Frauen keine bezahlbaren Wohnungen finden, bleiben sie länger als nötig in der Einrichtung – und blockieren dadurch die Plätze für Notfälle. Das belegen auch die Zahlen: Fanden 2013 noch 1232 Frauen und 1120 Kinder Schutz in den 23 hessischen Frauenhäusern, waren es 2018 nur noch 936 Frauen und 950 Kinder.

Besonders in Frankfurt ist es für die Betroffenen unmöglich, eine Wohnung zu finden. „Die Wohnungen, die auf den Internetportalen angeboten werden, sind viel zu teuer. Und Sozialwohnungen gibt es viel zu wenige“, sagt Doris Feld von Frankfurter Verein „Frauen helfen Frauen“. Hinzu komme, dass viele Vermieter Vorbehalte haben. „Sobald die Frau angibt, dass sie im Frauenhaus lebt und die Miete vom Jobcenter bezahlt wird, hat sie keine Chance“, sagt Feld. Früher seien die Frauen im Schnitt drei bis maximal sechs Monate geblieben. Heute sei es keine Seltenheit, dass die Frauen ein Jahr in der Unterkunft leben, Frauen mit mehreren Kindern oft sogar zwei Jahre. Für die Betroffenen ist das sehr belastend, weiß auch Swantje Ganecki. „Am Anfang blühen die Frauen auf, weil sie sich sicher fühlen. Sie sind motiviert und freuen sich auf einen Neustart. Aber je länger sie hier leben müssen, mit ihren Kindern in einem Zimmer, desto größer ist irgendwann der Frust.“

Der Frankfurter Verein „Frauen helfen Frauen“ fordert deshalb, dass die städtischen Wohnungsbaugesellschaften einen Anteil ihrer Wohnungen Frauen, die aus dem Frauenhaus kommen, vorbehalten. „Wir hoffen, dass sich etwas tut. So wie jetzt ist die Situation für uns und die Frauen, denen wir Schutz bieten sollen, nicht hinnehmbar“, sagt Doris Feld.

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