Von Verrat, Folter und Morden: Rhein-Main auf Hexenjagd

Die Nacht zum 1. Mai wird als Walpurgisnacht gefeiert. Heute verkleiden sich Frauen zum Spaß als Hexen. Doch früher hatte der Ruf tödliche Folgen. Auch in Rhein-Main landen hunderte Frauen auf dem Scheiterhaufen. Von Julia Oppenländer

Region Rhein-Main – Kunigunde ist erst 15 Jahre alt, als sie am 19. September 1653 in eine kleine Zelle neben der Wachstube im Untertor zu Homburg gebracht wird. Auf den Tag genau sieben Monate später ist sie tot – hingerichtet als Hexe. So wie der Jugendlichen geht es im 17. Jahrhundert vielen Menschen in der Region. Hunderte brennen auf Scheiterhaufen, verurteilt wegen Hexerei.

„Wer einmal in den Verdacht geraten war, eine Hexe zu sein, der war dran“, sagt Dagmar Scherf aus Friedrichsdorf. Die Autorin beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der „Homburger Hexenjagd“, so auch der Titel eines ihrer Bücher. Hier kommen zwischen 1603 und 1654 bei der Hexenverfolgung mindestens 75 Menschen um – darunter 14 Männer.

Ausgangspunkt der größten Prozesswelle von 1652 bis 1654 in der Grafschaft Homburg ist Seulberg. Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges sind auch hier zu spüren: Viehsterben und Missernten führen zu bitterer Armut. „In solchen Krisenzeiten suchen die Menschen nach Sündenböcken für Schicksalsschläge und sind besonders empfänglich für Aberglauben“, sagt Dagmar Scherf. „Schnell wird da aus einem Gerücht ein Todesurteil.“ In Seulberg fantasieren Kinder vor dem evangelischen Pfarrer von Teufelstaufen und nächtlichen Tänzen. Er nimmt das Geschwätz ernst und informiert die Landgräfin Margarete Elisabeth. „Diese ist absolut abergläubisch. Ihr Mann starb an der Pest und die Kinder ihres Sohnes sterben zahlreich im Kinderbett. Schuld sind jetzt die Hexen“, sagt Dagmar Scherf.

Kurz darauf brennen die ersten verdächtigen Frauen auf den Scheiterhaufen auf dem Platzenberg – im Februar 1653 auch Kunigundes Mutter. Das Mädchen ist zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt. „Die Verdächtigen wurden schlimm gefoltert. Natürlich haben sie dann irgendwann alle zugegeben, Hexen zu sein – und weitere Namen genannt“, sagt Dagmar Scherf. Kunigunde muss wohl die Hinrichtung ihrer eigenen Mutter hilflos mit ansehen – ihr eigenes Schicksal als Tochter einer verurteilten Hexe vielleicht schon vorausahnend.

Im September fällt dann der Name der inzwischen 15-Jährigen, verraten vom 13-jährigen Sohn des Schmieds. Kunigunde kommt mit drei weiteren Frauen ins Gefängnis. Bei ihrer Befragung benennt auch sie weitere Teilnehmer eines Hexentanzes. Die Frauen kommen aus Homburg – die Prozesslawine überschreitet die Grenzen Seulbergs.

Auch in anderen Teilen des Rhein-Main-Gebiets ist der Teufel los, allerdings schon früher. In Dieburg gibt es 1596 den ersten Hexenprozess. Der Auslöser hier ist ein Nachbarschaftsstreit um eine Einfahrt. In den folgenden Jahren brennen fast 200 Dieburger auf den Scheiterhaufen vor der Stadtmauer. Besonders viele erwischt es zwischen 1627 und 1630, mitten im Dreißigjährigen Krieg. 143 Menschen werden in den drei Jahren gefoltert und getötet. Nur rund 30 Kilometer entfernt trifft 1628 in Großkrotzenburg 93 Menschen das gleiche Schicksal. In beiden Orten gibt es durch die kleine Eiszeit in den Jahren zuvor Missernten. Hungrig machen die Bewohner in ihrer Not Hexen dafür verantwortlich – niemand ist vor Verrat durch die eigenen Nachbarn sicher: „In dieser Zeit wird sogar eine Achtjährige zusammen mit ihrer Mutter als Hexe verbrannt“, sagt Uwe Setzer vom Heimatverein Dieburg. „Und selbst der Stadtrat verkleinert sich während der Prozesszeit um die Hälfte.“ Stefan Uchtman, Vorsitzender des Heimatvereins Großkrotzenburg, bestätigt: „Selbst wer nicht an Hexen glaubte, hat lieber den Mund gehalten. Aus Angst, sonst auch auf dem Scheiterhaufen an der Hexeneiche zu landen.“

Ruhig in Zeiten der Verfolgungen wiederum geht es in Frankfurt zu, damals Freie Reichsstadt. Hier gibt es zwischen 1471 und 1714 zwar 22 Hexenprozesse – allerdings landet keiner der Angeklagten auf dem Scheiterhaufen. Einige von ihnen werden aus der Stadt verbannt, andere wiederum kommen sogar ohne Strafe davon.

Von Anklage bis Tod: Das Schicksal der Ottilia Preußing

Ab Juli 1652: 20 als Hexen angeklagte Seulberger geben an, dass die Pfarrerswitwe Ottilia Preußing bei teuflischen Treffen mit dabei ist. Die Obrigkeit zögert fast zwei Jahre mit einer Anklage, vermutlich wegen ihres angesehenen Standes.

18. Januar 1654: Ottilia Preußing schreibt ihr Testament und vermacht ihr Haus, die Scheunen, Ställe und Gärten ihren Vettern und Cousinen. Sieben Wochen zuvor brennt ihre Freundin, die Schling Else, als Hexe auf dem Scheiterhaufen. Auch sie bezichtigt Ottilia der Zauberei.

6. April: Die Pfarrerswitwe wird in die landgrafschaftliche Kanzlei vorgeladen. Ottilia beteuert ihre Unschuld – vergeblich. Sie wird in den Rathausturm gebracht, der damals Stadtgefängnis ist.

7. April: Das erste Verhör findet statt. Es kommt zunächst zur Gegenüberstellung mit drei geständigen Angeklagten, die unter Folter Ottilias Name genannt haben. Die Pfarrerswitwe ist außer sich und spricht von Lügen. Dann aber wird sie selbst mit Daumen- und Beinschrauben gefoltert – sie gesteht eine Hexe zu sein.

8. April: Ottilia Preußing gibt ein ausführliches „Geständnis“ ab – die Folterwerkzeuge im Blick. Sie gesteht dabei auch, für den Tod des Enkels der Landgräfin Margarete Elisabeth verantwortlich zu sein.

9. April: Ottilia nennt weitere Komplizen bei den Hexentreffen.

12. April: Die Pfarrerswitwe bittet um ein gnädiges Urteil und unterstreicht die Bitte mit einer Änderung ihres Testaments. Sie erlässt der fürstlichen Herrschaft Schulden und spenden Geld an Schulen und den Pfarrer.

19. April: Zusammen mit vier weiteren Frauen und zwei Männern wird Ottilia Preußing auf dem Platzenberg hingerichtet, aber nicht verbrannt. Stattdessen wird sie mit einem Schwert getötet und anschließend begraben – ein ungewöhnlich gnädiges Schicksal.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare