Wildtierhilfe-Chefin Tanja Schäfer über 20-Stunden-Tage und explodierende Kosten

„Uns fehlt nicht nur Geld, sondern auch Anerkennung“

Tanja Schäfer, Chefin der Wildtierhilfe Dreieich, mit einem winzigen Papageien-Jungen. 20-Stunden-Tage sind für die gelernte Bürokauffrau ganz normal. Foto: kb

Für Wildtiere in Not ist Tanja Schäfer die letzte Rettung. Seit 2014 kümmert sich die Tierschützerin ehrenamtlich um verletzte Eichhörnchen, Igel oder Vögel aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet. Von Kristina Bräutigam

Im EXTRA TIPP spricht die 46-Jährige über das Katastrophenjahr 2018 und fehlende Fördergelder.

Frau Schäfer, wie würden Sie das vergangene Jahr als Wildtier-Retterin beschreiben?

Es war katastrophal. Ich musste mehrmals einen Aufnahmestopp verhängen, weil viel zu viele Tiere gebracht wurden. Ich liebe Tiere, aber im vergangenen Jahr bin ich an meine Grenzen gestoßen.

Wie viele Tiere haben Sie versorgt?

Es waren etwa 1200 Tiere, die wir aufgenommen, versorgt oder an andere Stationen weitervermittelt haben, darunter allein 750 Vögel. 2017 waren es 800 Tiere. Das ist ein krasser Anstieg, der mir Sorgen macht.

Geht es den Wildtieren in der Region so schlecht?

Das ist kein Problem der Region, es geht ihnen insgesamt schlecht. Insbesondere die Folgen des Insektensterbens sind dramatisch. Ich saß im Sommer draußen und sah eine Amsel, die immer wieder zum Teich flog. Ich habe mich gewundert und sah plötzlich, dass der Vogel nach Fischen angelt. Das glaubt mir kein Mensch. Dasselbe gilt für Igel, die als Fleischfresser plötzlich Vogelfutter fressen. Das ist die pure Not, weil die Tiere keine Nahrung mehr finden.

Mehr Tiere bedeuten mehr Arbeit. Wie viele Stunden hat ihr Tag?

Von Frühjahr bis Sommer sind 19- bis 20-Stunden-Tage normal. Aber immerhin hat mein Mann durchgesetzt, dass zwischen null und sechs Uhr das Telefon aus bleibt. Wobei das nicht heißt, dass ich dann schlafe. Zwischen null und ein Uhr erledige ich die letzte Fütterung. Bei 20 Eichhörnchenjungen dauert das dann auch schon mal bis 2.30 Uhr. Um sechs Uhr klingelt dann trotzdem der Wecker. Fünf Stunden Schlaf sind für mich der pure Luxus. Im August bin ich jedes Jahr nervlich am Ende, dann ist der Akku leer. Die Wildtierhilfe ist ein Knochenjob. Aber das ist vielen Menschen da draußen nicht klar.

Wird Ihre Arbeit unterschätzt?

Die meisten haben völlig falsche Vorstellungen und denken, dass ich den ganzen Tag Eichhörnchen streichle. Aber die Arbeit in einer Wildtierstation besteht vor allem aus zwei Dingen: Saubermachen und Füttern. Ein Jungvogel muss jede Stunde gefüttert werden, von morgens sechs Uhr bis 22 Uhr abends, ein junges Hörnchen alle zwei Stunden. Trotzdem gibt es Leute, die mich am Telefon beschimpfen, wenn ich ihnen sage, dass ich die kranken Tiere nicht auch noch selbst abholen kann.

Wann haben Sie zuletzt Urlaub gemacht?

Da muss ich nachdenken. Das war im Juli 2016, fünf Tage Kroatien. Mein Mann fährt eigentlich immer allein, da ich in den Sommermonaten nicht weg kann. Selbst wenn ich in der Zeit eingeladen bin, etwa auf den Geburtstag meines Schwiegervaters, kommen die Tiere in Boxen mit, inklusive Fläschchen.

Die Pflege der Findelkinder kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch Geld. Wie kann Ihre ehrenamtliche Station die Kosten stemmen?

2018 hatten wir Kosten von 25.000 Euro, das meiste ging für Futter und Tierarztkosten drauf. Das gesamte Geld stammt aus Spenden, da wir keinen Cent öffentliche Fördergelder erhalten. Allein die fünf Eisvögel, die ich aufgepäppelt habe, haben Unmengen an Geld verschlungen, weil sie sich bevorzugt von Moderlieschen ernähren. Ein einziger Fisch kostet aber 1,99 Euro – und ein Eisvogel frisst 15 bis 20 Stück am Tag. Ein anderes Beispiel: Wenn auffällig viele Tiere innerhalb kurzer Zeit sterben und der Verdacht einer Epidemie besteht, ist es meine Pflicht, die Kadaver pathologisch untersuchen zu lassen. Pro Eichhörnchen kostet mich das im Schnitt 80 Euro, ob sich der Verdacht am Ende bestätigt oder nicht.

Ist es nicht frustrierend, keine Fördermittel zu bekommen, zumal Sie die einzige staatlich anerkannte Aufnahmestelle für Wildtiere in der Region sind?

Ja, das ist frustrierend. Aber was die fehlenden Fördermittel angeht, geht es uns nicht anders als den Tierheimen. Ich habe deshalb dokumentiert, wie viele Tiere aus welchen Städten zu uns gekommen sind. Mit diesen konkreten Zahlen werde ich mich an die Kommunen wenden. Ich wäre schon mit einem Obolus zufrieden.

Im Oktober haben Sie eine riesige Igel-Rettungsaktion im Langener Neubaugebiet an der Liebigstraße koordiniert. Auch dafür gab es keinen Cent?

Mit dem Bauträger war vereinbart, dass ich eine Rechnung stelle. Ich musste schließlich Wildtierkameras, Warnwesten für die Helfer und 1600 Dosen Katzenfutter kaufen. Ich habe schlussendlich eine Spende erhalten. Die Stadt Langen hat mich schalten und walten lassen und für dieses Vertrauen bin ich sehr dankbar. Meine Hoffnung ist, dass die Städte durch solche Aktionen sehen, was wir Wildtierhelfer leisten. Uns fehlt nicht nur Geld, sondern auch Anerkennung.

Ist die fehlende Anerkennung ein Grund, warum 2018 die Interessengemeinschaft Hessische Wildtierpflege gegründet wurde?

Auch. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit der Landestierschutzbeauftragten Standards zu erarbeiten, an die sich alle Wildtierstationen halten müssen. Bislang legt jedes Veterinäramt seine eigenen Standards fest. Wenn wir es endlich schaffen, einheitliche Standards für die Pflege zu erarbeiten, wird unsere Arbeit vielleicht endlich anerkannt und hoffentlich auch öffentlich gefördert.

Haben Sie in den vergangenen vier Jahren schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Diese Momente gibt es. Es ist schlimm für mich, wenn mehrere Tiere plötzlich durch eine Epidemie sterben. Auch wenn ein Eichhörnchen, das ich wochenlang aufgepäppelt und dann ausgewildert habe, plötzlich tot im Garten liegt, geht mir das nahe. Da hilft auch der professionelle Abstand nichts.

Warum machen Sie trotzdem weiter?

Dieser Job ist meine Berufung. Jedes Mal, wenn ein Vogel, der halb tot in die Station kam, bei der Auswilderung wegfliegt, weiß ich, dass sich meine Arbeit gelohnt hat. Ich kann die Welt nicht retten, aber zumindest das Leben dieser Tiere. Das ist mein kleiner Beitrag.

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