Experten einig: Untersuchung der Toten muss gründlicher werden

Trotz Leichenschau: Mord und Suizid bleiben zu oft unentdeckt

Bei der Leichenschau wird häufig etwas übersehen. Foto: photographee.eu/panthermedia.net

Rund 90 Prozent der Tötungsdelikte in Hessen kann die Polizei aufklären. Aber damit überhaupt ermittelt wird, muss klar sein: Der Tote ist nicht auf natürliche Weise gestorben! Doch nicht alle Tötungsdelikte werden als solche erkannt, sagen Experten.

Region Rhein-Main – „Das ist schon lange ein Problem“, sagt Engelbert Mesarec. Er ist Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hessen und setzt sich intensiv mit dem so genannten Dunkelfeld auseinander. Der Begriff bezeichnet in der Kriminologie die Differenz zwischen den amtlich registrierten und den vermutlich begangenen Straftaten. Engelbert Mesarec ist sich sicher: „Es gibt mindestens so viele unentdeckte wie entdeckte Todesfälle mit nicht natürlicher Ursache.“ Bedeutet: Bei einigen dieser Todesfälle handelt es sich um Unfälle, Suizide oder sogar Morde, die nicht als solche erkannt wurden.

Teilweise Zustimmung erhält Mesarec von Marcel A. Verhoff, dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Uni-Klinik Frankfurt. Auch er ist sicher, dass es unentdeckte Tötungsdelikte gibt, „die Zahl ist aber nicht so hoch, wie viele vermuten.“ Jeder Fall sei trotzdem einer zu viel. Den Grund dafür sieht Verhoff im Studium: „An vielen Unis ist oft nur ein Nachmittag für die Leichenschau vorgesehen. Im schlimmsten Fall sehen die angehenden Ärzte gar keine Leiche, sondern haben nur einen Theorie-Teil. Später müssen sie vielleicht Jahre keine Leichenschau mehr machen. Wenn dann aber eine ansteht, können natürlich Fehler passieren.“ Vor allem in Alten- und Pflegeheimen blieben viele Tötungsdelikte unentdeckt, sagt Mesarec. „Hier sind ältere Menschen, die auf der Schwelle zum Tod sind. Wenn da einer stirbt, schaut eigentlich keiner so genau hin.“

Deshalb legt Verhoff in seinen Kursen Wert auf Aufklärung. „Wir müssen an der Einstellung der Kollegen arbeiten. Die Leichenschau ist wichtig, es ist der letzte Dienst am Patienten – und ein Instrument, um Tötungsdelikte zu erkennen. Ich sage immer: Nur dann einen natürlichen Tod bescheinigen, wenn die Todesursache plausibel ist.“

Von der Idee, dass künftig nur noch speziell geschulte Ärzte die Leichenschau machen, hält der Rechtsmediziner aber nichts: „Wir haben einen Ärztemangel und es würden sich auch auf freiwilliger Basis niemals genug Mediziner finden, um alle Regionen abzudecken.“ Er ist vielmehr für eine Ausweitung der zweiten Leichenschau. Seit März untersuchen die rechtsmedizinischen Institute in Frankfurt und Gießen Verstorbene aus Hessen vor der Einäscherung oder dem Transport ins Ausland ein zweites Mal. Damit sehen Fachärzte rund 60 Prozent der Toten. „Seitdem ist auch die erste Leichenschau besser geworden – es wird sich viel mehr Mühe gegeben“, sagt Verhoff und ist sich sicher: „Diese zweite Leichenschau wäre auch für alle Toten möglich. Seit März haben wir einige nichtnatürliche Todesfälle entdeckt. Dass bislang kein handfester Mord dabei war, zeigt allerdings, dass die Dunkelziffer bei weitem nicht so groß ist, wie oftmals angenommen wurde.“

Von Julia Oppenländer

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