Trauerbegleiter Dieter Kuske über verwaiste Eltern, Sprachlosigkeit und den Schmerz

„Die Trauer verändert sich, aber sie bleibt ein Leben lang“

Dieter Kuskes Tochter starb mit 19 Jahren. Heute arbeiten der 61-Jährige und seine Frau als ehrenamtliche Trauerbegleiter. Foto: kb

Am Sonntag findet der weltweite Gedenktag für verstorbene Kinder statt. Auch Dieter Kuske und seine Frau Tatjana haben 2009 ihre Tochter verloren. Als ehrenamtliche Trauerbegleiter helfen sie heute anderen Eltern, mit dem Tod ihres Kindes weiterzuleben. Von Kristina Bräutigam

Im EXTRA TIPP spricht Dieter Kuske über den Schmerz und Wege aus der Trauer.

Herr Kuske, ihre Tochter Genevieve ist 2009 im Alter von 19 Jahren auf Abschlussfahrt in Spanien an einem Allergieschock gestorben. Wann haben Sie realisiert, dass Ihr Kind tot ist?

Bevor wir dazu die Chance hatten, saßen meine Frau und ich in einem Büro in der Uniklinik in Barcelona und wurden gefragt, ob wir bar oder mit Karte zahlen wollen. Dann sollten wir entscheiden, ob die Ärzte Genevieves Organe entnehmen dürfen. Aber wir hatten sie ja nicht einmal gesehen. Erst auf unser Drängen brachte man uns in die Pathologie. Als die Stahlschublade herausgezogen und der Reißverschluss geöffnet wurde, war klar, dass unsere Tochter wirklich tot ist. Dieser Moment war brutal, aber er war wichtig. Sie noch einmal berühren zu können und zu sehen, dass ihr Gesicht friedlich ist, hat geholfen, das Unfassbare zu begreifen.

Einen geliebten Menschen zu verlieren ist immer schrecklich. Ist der Tod des Kindes trotzdem anders als beispielsweise der Tod des Ehepartners?

Ich habe meine Großeltern verloren, Tanten und Onkel beerdigt. Das war traurig, aber alle sind alt geworden und hatten ein erfülltes Leben. Als unsere Tochter gestorben ist, war das ein emotionaler K.O.-Schlag. Unser Kind ist vor uns gegangen, das ist eine verkehrte Welt. Ein Kind sollte seine Eltern beerdigen, nicht umgekehrt.

Sie tragen an Ihrem eigenen Päckchen schwer genug. Warum haben Sie und Ihre Frau trotzdem beschlossen, als Trauerbegleiter zu arbeiten?

Nach Genevieves Tod war ich beruflich in München und habe dort den Verein „Verwaiste Eltern“ kennengelernt. Ich habe gemerkt, wie gut es tut, mit anderen Betroffenen über den Verlust zu sprechen. Im Main-Kinzig-Kreis, wo wir leben, gab es eine solche Gruppe nicht und so haben wir gemeinsam mit Pfarrer Werner Gutheil 2010 den Verein „Trauernde Eltern“ ins Leben gerufen, um unsere Erfahrung weiterzugeben. Ich bin überzeugt, Genevieve hat uns diese Aufgabe mitgegeben. Sie gibt uns die Kraft. Sie ist der Motor.

Es heißt immer, dass nach der Beerdigung die schwerste Phase beginnt.

Bis zur Beerdigung funktioniert man, es gibt viel zu regeln, man ist dauernd beschäftigt. Danach fallen die Hinterbliebenen in ein tiefes Loch. Um wieder herauszukrabbeln, brauchen Eltern die Hilfe von Freunden und Verwandten und die Bereitschaft sich Hilfe zu holen.

Was können diese tun?

Einfach da sein, in den Arm nehmen, Hilfe anbieten. Mal mit einem Stück Kuchen vorbeikommen, das dreckige Geschirr abwaschen oder auch mal sagen „Geh duschen“. Viele Eltern lassen sich nach dem Tod ihres Kindes gehen. Klare Ansagen, ein Fahrplan, helfen den Hinterbliebenen, den Alltag wieder zu strukturieren. Was die Trauernden nicht brauchen, sind vermeintlich gute Ratschläge. Eine Bekannte riet uns kurz nach Genevieves Tod, das Zimmer auszuräumen. Aber wir haben es erst sieben Jahre später gemacht, als wir es wollten. Ein Trauernder muss gar nichts, er entscheidet selbst, was für ihn richtig ist. Auch Floskeln wie „Das Leben geht weiter’ oder „Es wird schon wieder“ helfen den Trauernden nicht. Im Gegenteil.

Die andere Erfahrung ist, dass sich Freunde oder Verwandte zurückziehen, weil sie nichts Falschen sagen möchten.

Das erleben viele Trauernde, und auch wir haben diese Erfahrung gemacht. Es gibt Menschen, die einfach nicht wissen, was sie sagen sollen, und lieber die Straßenseite wechseln, statt offen zu sagen, dass sie gerade sprachlos sind. Ich rate den Trauernden, selbst den Anstoß zu geben. Allerdings muss man auch aufpassen, dass man sein Umfeld nicht überfordert. Ein Vater mit zwei gesunden Söhnen will vielleicht nicht hören, wie mein Kind gestorben ist. Deshalb ist Trauerarbeit so wichtig, in einer Gruppe oder in der Einzelberatung. Wir teilen das gleiche Schicksal. Egal, ob das Kind verunglückt ist oder still geboren wurde: Wir haben ein Kind verloren und kennen den Schmerz und die Emotionen.

Spielt es bei der Trauer eine Rolle, ob das Kind durch eine Krankheit, einen Unfall oder Suizid gestorben ist?

Für uns Trauerbegleiter stehen die Begleitumstände des Todes nicht im Vordergrund. Unsere Aufgabe ist es, die Eltern zu stabilisieren und über ihre Erlebnisse mit dem Kind zu sprechen. Den Schalter umzulegen, ist nicht immer einfach. Bei einem Suizid quält viele Eltern die Schuldfrage. Oft gibt es keine Antwort auf das Warum und das macht es schwierig, den Fokus auf die Trauerarbeit zu legen. Bei einem Unfalltod ist entscheidend, ob der Unfallhergang geklärt ist, der Verursacher bestraft wurde und vor allem, ob er Reue zeigt. Bleibt das aus, überwiegen bei den Eltern die Aggressionen und die Trauerarbeit bleibt auf der Strecke.

Muss man das verstorbene Kind irgendwann loslassen können?

Trauernde wollen und müssen keinen geliebten Menschen loslassen, sie wollen ihn in ihrem Herzen tragen. Meine Tochter ist noch immer ein Bestandteil unserer Familie. Sie ist nicht mehr hier auf Erden, aber die Erinnerungen sind da und ich kann sie jederzeit hervorholen. Wir haben auch ein Foto von Genevieve in unserer Wohnung. Und wenn mich jemand fragt, ob ich Kinder habe, sage ich, ich habe zwei: Meinen Sohn und meine Tochter, die gestorben ist. Ich kann und will sie nicht verleugnen.

Neun Jahre sind seit dem Tod ihrer Tochter vergangen. Heilt die Zeit alle Wunden?

Dieser Satz ist für alle trauernden Eltern ein Schlag ins Gesicht. Ja, der Großteil schafft den Weg zurück ins Leben. Die Trauer verändert sich, aber sie bleibt ein Leben lang. In der ersten Zeit nach Genevieves Tod war es hart für mich, ihre Freundinnen zu treffen; zu sehen, wie sie sich entwickeln, Kinder bekommen. Wie oft frage ich mich, was Genevieve heute machen oder in bestimmten Situationen sagen würde. Als im Januar meine Enkeltochter geboren wurde, ist alles noch mal hochgekommen, die Erinnerungen, aber auch Ängste. Das war ein Gefühlsspagat zwischen Freude und Traurigkeit. Und auch jetzt an Weihnachten ist es schwer. Genevieve fehlt, jedes Jahr. Für Eltern, die ihr Kind verloren haben, ist das Leben ein Wechselbad der Gefühle. Ein Wellengang wird immer da sein.

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