Ein Säugling stirbt in Südhessen

Tödliche Beiß-Attacken: Viele Halter sind überfordert

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: Staffordshire-Bullterrier gelten in Hessen als gefährlich. Halter sogenannter Listenhunde brauchen eine Erlaubnis der örtlichen Ordnungsbehörde.
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Ein Säugling stirbt in Südhessen, nachdem er vom Hund der Familie gebissen wurde. Es ist die zweite tödliche Hunde-Attacke innerhalb weniger Tage. Kritiker fordern jetzt ein Verbot der Listenhunde. Experten halten davon nichts. Für sie sind überforderte Halter das Problem.

Region Rhein-Main – Es sind Meldungen wie aus einem Horrorfilm: In Hannover tötet ein Staffordshire-Terrier seine Besitzerin und ihren Sohn. Am Montag, nur sechs Tage später, stirbt ein sieben Monate altes Baby im südhessischen Bad König, nachdem der Familienhund ihm in den Kopf gebissen hat. Auch hier soll es sich um einen Staffordshire-Mix handeln. Die Rasse steht, wie acht weitere und ihre Kreuzungen, auf der im Jahr 2000 in Hessen eingeführten Liste der gefährlichen Hunde.

Seitdem tobt die Diskussion: Sollten die sogenannten Kampfhunde endlich verboten werden? Nein, sagt Madeleine Martin, Tierschutzbeauftragte des Landes Hessen. „Es gibt keine gefährlichen Rassen. Aber es gibt viele Menschen, die mit der Haltung eines Hundes überfordert sind. Und das kann zur Gefahr werden.“ Es gebe zwar durchaus einzelne Tiere, die überaggressiv sind. „Aber die Ursachen liegen fast immer in den Umständen der Haltung.“ Im Fall des getöteten Babys sei noch nicht klar, ob es sich überhaupt um einen Listenhund gehandelt hat. Eins sei jedoch sicher: Ein Kleinkind mit einem Hund – egal welcher Rasse – alleinzulassen, sei unverantwortlich. „Da reicht es schon, wenn das Kind dem Hund am Hoden zieht. Dann beißt er zu. Dieser Verantwortung hätten sich die Eltern bewusst sein müssen.“

Doch nicht nur die Halter sieht Martin in der Pflicht. Auch die Behörden müssten härter durchgreifen. Zwar muss sich jeder, der einen Listenhund halten will, einen Sachkundenachweis erbringen und mit seinem Hund zum Wesenstest. Erst dann bekommt er von der Stadt oder Gemeinde die Erlaubnis. Komme es anschließend zu Problemen, etwa weil der Hund als aggressiv auffällt, würden die Behörden aber zu selten durchgreifen. „Viele Ordnungsämter verordnen Maulkorb und kurze Leine und das war’s. Aber bei solchen Fällen müssen Maßnahmen ergriffen werden, bevor etwas Schlimmeres passiert. Dazu gehört, dass der Hund dem Halter weggenommen wird“, sagt Martin. Das Problem: Um Auffälligkeiten beim Tier oder der Haltung festzustellen, muss das Veterinäramt Kontrollen durchführen. „Aber meine Erfahrung zeigt, dass Mitarbeiter diese eher scheuen, wenn der Halter unangenehm ist.“ Ein weiteres Problem seien Menschen, die Listenhunde als Machtsymbol halten. „Die finden es toll, dass andere Menschen die Straßenseite wechseln, wenn sie mit ihrem Pitbull-Terrier rausgehen“, sagt die Landestierschutzbeauftragte.

Auch Norbert Franzel, der seit 1997 als Sachverständiger des Regierungspräsidiums Darmstadt Wesensprüfungen und Sachkundeprüfungen abnimmt, erlebt oft verantwortungslose Halter. „Manchmal habe ich kein gutes Gefühl. Es gab schon Fälle, in denen ich negativ beschieden habe.“ Einzelne Rassen per Verordnung als gefährlich einzustufen, hält auch der Mainhausener für den falschen Weg. „Ich hatte auch viele Border Collies, die ein Kind massiv gebissen haben. Das Problem liegt immer am anderen Ende der Leine. “ Wie fatal es enden kann, wenn ein Hund in falsche Hände gerät, zeigt das Beispiel einer Staffordshire-Hündin, die in der Wohnung eines jungen Paares in Frankfurt beschlagnahmt wurde. Das Tier, das bei seinem Vorbesitzer völlig unauffällig war, verhielt sich hochaggressiv. „Die neuen Besitzer haben sie umgedreht. Der Schalter lässt sich bei dieser Rasse leider leicht umlegen“, sagt Franzel. Er entscheidet, dass der Hund eingeschläfert werden muss. Trotzdem seien noch genug verhaltensauffällige Hunde in Rhein-Main unterwegs. „Viele Halter melden ihre Hunde nicht an. Da kann man sich ausmalen, wie verantwortungsvoll der Umgang mit ihnen ist.“

Beißstatistik des Hessischen Innenministeriums

Laut aktuellster Beißstatistik des Hessischen Innenministeriums gab es 2016 21 Vorfälle, bei den Menschen durch sogenannte Listenhunde leicht verletzt wurden, 13 wurden mittel und drei schwer verletzt. Zum Vergleich: Von „normalen“ Hunden wurden 2016 insgesamt 297 Menschen verletzt, davon 14 schwer.

Auch in Rhein-Main leben Listenhunde: In Frankfurt werden aktuell 290 Listenhunde mit Erlaubnis gehalten, im Jahr 2013 waren es 310. In der Stadt Hanau waren es 119, heute sind 79 Listenhunde registriert; in Offenbach sind es aktuell 231 Hunde, acht mehr als 2013. In der Stadt Bad Homburg sind derzeit 42 Listenhunde gemeldet, 2013 waren es 32. Laut Experten gibt es jedoch viele Listenhunde, die illegal gehalten werden, um so die deutlich höheren Steuern und andere Auflagen zu umgehen.

Kristina Bräutigam

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