Notfälle, Fachkräftemangel und ein Arbeitszeitgesetz

Tierärzte am Limit: Immer mehr Kliniken geben Notdienst auf

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Immer mehr Tierärztliche Kliniken im Rhein-Main-Gebiet sind gezwungen, ihren 24-Stunden-Notdienst einzustellen. 

Immer mehr Notfälle, Fachkräftemangel und ein Arbeitszeitgesetz, das eine ganze Branche unter Druck setzt: Immer mehr Tierärztliche Kliniken im Rhein-Main-Gebiet sind gezwungen, ihren 24-Stunden-Notdienst einzustellen.

Region Rhein-Main – „Wir können die Notfälle, die während des Nachtdienstes kommen, nicht mehr behandeln und gleichzeitig die gesetzlichen Vorgaben erfüllen“, sagt Dirk Braun. Der Leiter der Tierklinik in Egelsbach, die zu den größten in Hessen gehört, musste schweren Herzens die Reißleine ziehen. „Um die Tiere im 24-Stunden-Notdienst bestmöglich versorgen zu können, müssen pro Dienst zwei Teams von jeweils zwei bis drei Tierärzten zur Verfügung stehen. An den Wochenenden sogar drei Teams. 

Das schaffen wir nicht mehr“, sagt Braun. Das Problem: Laut Arbeitszeitgesetz müssen zwischen den Schichten elf Stunden Ruhepause liegen. „Das gilt auch, wenn der Tierarzt nachts nur für zwei Stunden reinkommt“, sagt Braun, der seit 24 Jahren im Tier-Notdienst arbeitet. Das heißt, die Kollegen fallen für den nächsten Arbeitstag komplett aus. Obwohl das Gesetz bereits seit 1994 existiert, wurde es in den vergangenen Jahren kaum kontrolliert. Das hat sich geändert. Bei einem Verstoß drohen bis zu 15.000 Euro Bußgeld. Kleinere Klinken wie in Egelsbach, die an Wochenenden bis zu 150 Notfälle behandeln, kommen da schnell an ihre Grenzen. Zumal das Problem dadurch verschärft wird, dass es zwischen Frankfurt und Darmstadt kaum noch Haustierärzte gebe, die sich für Notfälle verantwortlich fühlen.

Das bestätigt der Präsident der Landestierärztekammer Hessen, Ingo Stammberger: „Manche Tierärzte machen es sich einfach und verweisen im Notfall auf eine nahe gelegene Klinik.“ Denn Tierärztliche Kliniken müssen einen 24-Stunden-Notdienst anbieten. Die Folge: Die verbliebenen Einrichtungen werden überrannt. „Dort sind mehrere Stunden Wartezeit vorprogrammiert“, sagt Stammberger. So wie in der größten Tierärztlichen Klinik Deutschlands, in Hofheim. Selbst dort stoßen die knapp 60 Tierärzte an ihre Grenzen. 

Hinzu kommt der Fachkräftemangel: „Wir suchen ständig neues Personal und setzen alles daran, den 24-Stunden-Notdienst aufrechtzuerhalten“, sagt Sprecherin Katharina Kessler. Vor fünf Jahren war die Notfall-Versorgung in Hessen deutlich besser. Laut Landestierärztekammer haben in dieser Zeit aber mehrere Kliniken ihren Status abgemeldet. „Das ist ein riesiges bundesweites Problem. Wir werden noch mehr Klinken verlieren“, sagt Stammberger. Zumal ein weiteres Phänomen die Branche erschüttert: Es drängt eine Generation auf den Arbeitsmarkt, die ihr Privatleben nicht mehr völlig einem Beruf opfern will, in dem man ohnehin nicht reich wird. „Heute möchte niemand mehr im Notdienst arbeiten, sondern geregelte Arbeitszeiten haben“, sagt Stammberger.

Und nicht jeder Notfall ist wirklich einer. Etwa 90 Prozent aller Tiere, die in der Egelsbacher Klinik auf dem Behandlungstisch landen, sind keine Notfälle. Braun sieht das nicht so eng. „Tierbesitzer sind keine Tiermediziner. Deshalb müssen wir jeden Fall zu uns holen. Selbst ein Hund mit Durchfall kann eine Darmdrehung haben. Das kann man vorher nie wissen“, sagt Braun. Dennoch: „Die Anspruchshaltung mancher Tierbesitzer muss sich ändern“, sagt Stammberger. Er zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft: „Die derzeitige Lage wird dazu führen, dass Tierbesitzer bei einem Notdienst tiefer in die Tasche greifen müssen.“

Tierärztin Astrid Behr vom Bundesverband praktizierender Tierärzte geht noch weiter: „Vor allem in ländlichen Gebieten werden Tierbesitzer weitaus längere Fahrstrecken in Kauf nehmen müssen.“ In Großbritannien und den Niederlanden gebe es bereits reine Nachtklinken, die tagsüber geschlossen sind. Behr: „Das könnte bald auch auf uns in Deutschland zukommen.“

Dirk Beutel

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