Abzocke bei den Anschlussfahrkarten?

Ticket-Wahnsinn: RMV lässt treue Kunden doppelt zahlen

Wer am Fahrkartenautomaten ein reguläres Anschluss-ticket kauft, zahlt auch für eine Strecke, die er eigentlich schon bezahlt hat. 
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Wer am Fahrkartenautomaten ein reguläres Anschluss-ticket kauft, zahlt auch für eine Strecke, die er eigentlich schon bezahlt hat. 
  • Christian Reinartz
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Region Rhein-Main – Anschlussfahrkarten werden vom RMV als ermäßigtes Bonbon für Zeitkarteninhaber angepriesen. Doch dabei zahlt man in vielen Fällen drauf – weil die bereits bezahlte Strecke nochmals berechnet wird. Von Christian Reinartz

Wer auch immer sich das beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) ausgedacht hat – gerecht ist etwas Anderes. Denn das, was unter dem Stichwort „Anschlussfahrkarte“ für Zeitkarteninhaber umworben wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Abzocke, bei der Fahrgäste oft mehr zahlen müssen, als wenn sie ein reguläres Ticket kaufen.

Zur Erklärung: Die Anschlussfahrkarte soll es Inhabern von Monats- oder Jahreskarten ermöglichen, über die Grenzen ihres gebuchten Gebiets hinauszufahren. Dazu gewährt der RMV – so steht‘s auf der Homepage – den Nutzern einen Rabatt auf den Einzelfahrschein für die gesamte Strecke.

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Doch was vom RMV als Rabatt deklariert wird, ist bei genauerer Betrachtung das Gegenteil. Deutlich wird das schon am Beispiel einer Standardstrecke, etwa vom Hauptbahnhof Hanau zum Hauptbahnhof Frankfurt. Der Fahrgast besitzt schon ein Monatsticket für die Bereiche Hanau und Offenbach. Nur Frankfurt muss er zusätzlich kaufen. Der RMV bewirbt als Lösung dafür das rabattierte Anschlussticket. Das kostet dann für die einmalige Fahrt 5,35 statt regulär 8,35 Euro. Was im ersten Moment als Schnäppchen erscheint, ist aber eine Mogelpackung. Denn durch die Zeitkarte ist der Fahrpreis bis zur Stadtgrenze Offenbach/Frankfurt schon abgedeckt. Wer sich nun eine Einfachkarte für Frankfurt kauft, zahlt nur 2,90. Dass der RMV wirklich nochmal für die schon bezahlte Strecke kassiert, beweist der Umstand, dass sich der Preis des Anschlusstickets je nach Startpunkt verändert. Wer etwa erst in Offenbach Ledermuseum zusteigt, zahlt nur 2,95. Doch das sind immer noch fünf Cent mehr als der Frankfurter Einzelfahrschein.

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Beim RMV versucht Sprecher Maximilian Meyer gar nicht erst, die Sache schönzureden: „Wir können die Kritik nachvollziehen, allerdings sind wir noch nicht in der Lage, das technisch anders zu lösen.“ Problem sei, dass die Fahrkartenautomaten oder auch die Terminals in den Bussen nicht die jeweiligen Gebietsgrenzen erkennen könnten. „Folglich wird die Anschlussfahrkarte immer als rabattiertes Ticket für die gesamte Strecke vom Abfahrtsort ausgegeben.“

Dass man sich beim RMV der Problematik offenbar bewusst ist, zeigen mehrere Testanrufe beim Service-Telefon. Dort wird einem von unterschiedlichen Mitarbeitern geraten, dass es günstiger sei, kurz vor Frankfurt einfach auszusteigen und ein reguläres Ticket zu ziehen oder gleich die RMV-App zu benutzen. Denn wer sein Ticket mit dem Smartphone kauft, kann eine Karte schon im Vorfeld für einen bestimmten Streckenabschnitt erwerben. Beides ist billiger als das Anschlussticket.

Meyer warnt allerdings: Eine Fahrkarte gelte immer nur für die Gesamtstrecke und müsse vor dem Fahrtantritt erworben werden. Kontrolleure könnten das ahnden, weil es ein Verstoß gegen die Beförderungsrichtlinien sei, da ein Ticket vom Start bis zum Zielpunkt gelten müsse. Stückelungen sind nicht gestattet.

Ein bloßes Aus- und Einsteigen in denselben Zug an der Übergangsstation, sei nach Ansicht des RMV kein neuer Fahrantritt. Festlegen, ob diese Auslegung auch juristisch Bestand haben würde, will man sich auf Nachfrage aber lieber nicht.

„Die wissen ganz genau, dass das nicht in Ordnung ist"

Ganz anders sieht das der Fahrgastverband Pro Bahn. Sprecher Wilfried Staub versichert: „Wer den Zug verlässt und mit einem gültigen Ticket wieder einsteigt, beginnt eine neue Fahrt.“ Staub kennt dieses Verhalten des RMV schon. „Die wissen ganz genau, dass das nicht in Ordnung ist, wollen aber nicht, dass die Fahrgäste nun günstiger fahren.“ Staub kündigt deshalb an: „Sollte der RMV wirklich versuchen, Fahrgäste deswegen zu belangen, würden wir uns als Fahrgastverband, wie auch schon in der Vergangenheit bei ähnlichen Fällen angekündigt, notfalls durch alle Instanzen klagen.“

Doch das könnte unter Umständen gar nicht mehr nötig sein, denn kurz vor Redaktionsschluss schaltet sich doch noch RMV-Geschäftsführer Knut Ringat ein und stellt eine Veränderung in Aussicht: „Wir sehen die jetzige Problematik und werden intern schauen, was man an dieser Stelle tun kann, um die Situation zukünftig zu verbessern. Eine entsprechende Arbeitsgruppe ist sogar schon mit dem Problem betraut und arbeitet an einer Lösung fürs nächste Jahr.“

Von W-Lan bis Nachtfahrten: Der neue Fahrplan des RMV bringt ab Dezember einige Änderungen mit sich. Bei der Modernisierung setzt der Verkehrsbund auf neue Züge und kostenloses Internet.

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