Jessica Jörges aus Dreieich bloggt übers Handwerk

Talent am Pinsel: Sie ist Deutschlands beste Malerin

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Die 20-jährige Jessica Jörges aus Sprendlingen bloggt über ihre Ausbildung im Handwerk.

Andere Frauen bloggen über Mode, Schminktipps oder Reisen, Jessica Jörges schreibt über ihre Lehre im Handwerk. Die 20-Jährige aus Dreieich ist Deutschlands beste Malerin. Und sie hat ein großes Ziel: Andere für den Beruf begeistern. Von Kristina Bräutigam

Dreieich – Jessica Jörges ist knapp ein Jahr alt, als sie das erste Mal in einem Farbeimer sitzt. Auf dem Foto hält sie einen Pinsel in der Hand – und strahlt. Heute ist Jessica Jörges 20 – und Deutschlands beste Malerin. Schon ihre Gesellenprüfung schließt sie als Innungsbeste mit der Note 1,2 ab, später gewinnt sie den Landeswettbewerb der Maler- und Lackierer, im November auch noch den Bundeswettbewerb der Maler in Hamburg. Das Erfolgsrezept der Dreieicherin: Talent und eine ordentliche Portion Ehrgeiz: „In der Berufsschule ging es für viele nur darum, irgendwie die Prüfung zu bestehen. Aber ich wollte schon damals kein Nullachtfünfzehn. Ich wollte mit einer Eins aus der Gesellenprüfung gehen. Also habe ich geübt und es geschafft“, sagt Jessica Jörges.

Dass sie Malerin werden will, weiß die 20-Jährige schon im Kindergartenalter. Trotzdem machen Mitschüler und Lehrer große Augen, als die Entscheidung kurz vor dem Abi feststeht. „Für die meisten ist es eben der normale Weg, zu studieren oder ins Ausland zu gehen“, sagt sie. Die Ausbildung im Maler- und Lackiererhandwerk, die Jessica im elterlichen Betrieb in Sprendlingen absolviert, ist von Anfang an ihr Ding. „Ich liebe die Vielfältigkeit des Berufs. Es gibt nichts Tolleres, als durch Kleinigkeiten ganze Räume zu verändern.“ Über ihren Ausbildungsalltag schreibt die 20-Jährige in ihrem Blog „Bunte Zukunft“: Mal geht es um fugenlose Bäder und Dachbodendämmung, mal um schwere Arme nach stundenlangem Abschleifen von Zimmerdecken oder nassgeschwitzte Schutzanzüge. „Ich will das Handwerk so zeigen, wie es ist: Dreckig und anstrengend, aber auch wahnsinnig spannend und bereichernd“, sagt Jessica Jörges. 

Für viele bestehe der Beruf des Malers darin, den ganzen Tag nur Raufaser-Tapeten an die Wände zu klatschen. Dass zum Handwerk auch Bodenbeläge, das Lackieren von Fenstern und Türen und die kreative Wandgestaltung gehöre, wissen nur die Wenigsten, sagt die 20-Jährige. Und noch ein Klischee nervt: „Wenn mich jemand fragt, wie ich als Frau auf der Baustelle überhaupt zurechtkomme, da bin ich jedes Mal sprachlos.“ Den ganzen Tag könne sie die bis zu 15 Kilo schweren Farbeimer oder 20-Kilo-Putzsäcke zwar nicht tragen. „Aber einen Sonderbonus habe ich trotzdem nicht. Ich kann hier nicht die Prinzessin spielen.“ Papa Jürgen Jörges, selbst Maler- und Lackierermeister, habe sie vor Beginn ihrer Ausbildung gewarnt. Der Job sei eine Männerdomäne, dumme Sprüche müsse sie abkönnen. Sie hört nicht einen. „Und wenn, wäre es mir auch egal“, sagt Jessica Jörges.

Ende Januar tritt sie bei der Qualifikation für die Maler-WM 2019 in Russland an, wenn trotz Vorbereitungsstress genug Zeit bleibt, steht im Sommer der Meister an. Dass sie durch ihren Erfolg das Aushängeschild der Maler- und Lackiererinnung Rhein-Main ist, stört Jessica Jörges nicht. Im Gegenteil: Sie will den Rummel nutzen, um andere junge Menschen für das Handwerk zu begeistern. „Ob Maler, Schreiner oder Dachdecker, wir brauchen diese Berufe. Und egal, wo die Reise später mal hingeht: Was man in der Ausbildung lernt, nimmt einem niemand mehr.“ Wenn die 20-Jährige heute durch die Straßen ihrer Heimatstadt Dreieich fahre, dann mit einem gewissen Stolz „Ich komme an den Häusern vorbei und denke: Da war ich drin und habe das Wohnzimmer gestaltet. Das ist ein tolles Gefühl.“

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