Auch Naturschützer unzufrieden

Streit um Apfel-Ernte: Kelterer kritisieren Billig-Preise

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Kaum Äpfel: Kelterer Alexander Lühn aus Offenbach spürt, dass immer weniger Streuobstwiesenbesitzer ihre Ernte anliefern. 

Region Rhein-Main – Kleine Kelterer gehen auf die Barrikaden: Sie werfen den Branchenriesen vor, zu wenig für heimische Äpfel zu zahlen. Auch Naturschützer kritisieren die Preise. Denn schon jetzt sind Wiesen und Äpfel Mangelware. Die Firma Possmann wehrt sich gegen die Abzock-Vorwürfe. Von Kristina Bräutigam 

Für Alexander Lühn endet die Keltersaison vier Wochen früher als sonst. „Für die paar Äpfel brauche ich die Presse nicht anschmeißen“, sagt der Offenbacher, der seit 30 Jahren Süßen, Rauscher und Apfelwein herstellt. In diesem Jahr aber hatte Alexander Lühn ein Problem: Es fehlt an Äpfeln. Das liegt einmal am späten Frost, der für Ernteausfälle von bis zu 80 Prozent gesorgt hat. Laut Martin Heil, Vorsitzender des Verbands der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien, habe es in einigen Regionen sogar Totalausfälle gegeben. Doch nicht nur der Frost ist Schuld an der Misere: „Leider liegen viele Grundstücke brach. Vor allem junge Menschen, die Vollzeit arbeiten, haben weder Zeit noch Interesse, Äpfel zu ernten und zu den Keltereien zu bringen“, sagt Heil.

Peter Possmann, Geschäftsführer der Possmann GmbH, wehrt sich gegen die Vorwürfe. 

Der Verband appelliert deshalb besonders in diesem Jahr an alle privaten Streuobstwiesenbesitzer, ihre Äpfel zu pflücken und in die Keltereien zu bringen. Doch genau hier liegt das Problem: „Für die meisten Kleinbauern lohnt es sich doch gar nicht mehr, Äpfel anzuliefern. Zehn Euro zahlen die großen Keltereien für 100 Kilo. Dafür bückt sich keiner mehr“, sagt Alexander Lühn. 

Auch Reinhold Henrich, Inhaber der Immenhof Apfelwein-Kelterei in Bad Soden, findet deutliche Worte. „Die gesamte Kampagne ist scheinheilig. Possmann und Co. kaufen die Äpfel zu lächerlichen Preisen an. Und dafür sollen die Leute das Grundstück pflegen, die Bäume schneiden, Äpfel ernten und anliefern. Das macht keiner.“ Statt einen Anreiz für die Streuobstwiesenbesitzer zu schaffen, würden die Groß-Keltereien die Preise Jahr für Jahr weiter drücken. „Und wenn am Ende nicht genug Äpfel da sind, weil die Bäume verschwinden, holt man sie eben billig aus Osteuropa. Nachhaltig ist das nicht“, sagt Reinhold Henrich.

Kritik an Dumpingpreisen

Auch Hobby-Kelterer und Streuobstwiesenbesitzer Jochen Dollase aus Sindlingen kritisiert die Dumpingpreise. Er kenne Landwirte, die 300 Zentner Äpfel vergammeln lassen, weil sich Arbeit und Anfahrt am Ende nicht rechnen. „Dass im Apfelwein am Ende keine heimischen Äpfel drinstecken, schreibt einer wie Possmann natürlich nicht auf die Flasche“, sagt der 60-Jährige.

Peter Possmann, Geschäftsführer der Possmann GmbH, bestreitet die Vorwürfe. „Für 100 Kilo Äpfel zahlen wir in diesem Jahr 14 Euro, 40 Prozent mehr als in den Vorjahren.“ Um den Produktionsbedarf von bis zu 15.000 Tonnen zu decken, kaufe man zwar auch Äpfel aus benachbarten Bundesländern an. „Aber nur die kleinste Menge stammt aus dem Ausland“, betont der Geschäftsführer. Einen noch höheren Preis könne die Firma für abgelieferte Äpfel nicht zahlen. „Wir verkaufen unseren Apfelwein im Supermarkt. Da kann ich nicht wie eine Manufaktur mehr als zehn Euro verlangen. Als Betrieb mit 56 Mitarbeitern muss ich wirtschaftlich denken“, sagt Possmann.

Naturschützer appellieren an Großkeltereien

Florian Schumacher von der Initiative der „Streuobstwiesenretter“ hält die zwölf bis 14 Euro pro 100 Kilo, die die Verbandskeltereien laut Martin Heil in diesem Jahr zahlen, für einen Anfang. Damit sich Pflege und Ernte der Streuobstwiesen wieder lohnen, wären aber ganz andere Preise fällig. „Für Bio-Obst sprechen wir von 24 bis 26 Euro, bei konventionellem von 18 bis 20 Euro pro 100 Kilo. Und zwar als fixen Betrag, damit die Grundstücksbesitzer planen können. Alles andere ist unrentabel“, sagt Schumacher. Ohne angemessene Bezahlung würden in den nächsten Jahren immer mehr Streuobstwiesen verschwinden. „Den Keltereien muss endlich klar werden, dass sie ganz massive Probleme bekommen“, sagt der Naturschützer.

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