Dieser Straßenengel trägt Stethoskop

Endlich! Obdachlose in Hanau werden ärztlich versorgt

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Sprechstunde bei den Straßenengeln: Seit etwa acht Wochen versorgt Dr. Werner Haag (links) Obdachlose in der Straßenambulanz.
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Hanau – Ab sofort verfügt das Haus der Straßenengel in Hanau über zwei medizinische Fachkräfte, die sich um Bedürftige und Obdachlose kümmern. Nachdem sich Vereinsvorsitzende Sabine Assmann an den EXTRA TIPP gewendet hatte, meldete sich ein Mediziner mit Dritte Welt-Erfahrung. Von Dirk Beutel

Der Hilferuf war kurz aber intensiv. Und er hat sich gelohnt. Sabine Assmann, Chefin der Straßenengel in Hanau, die sich um Bedürftige und Obdachlose kümmern, suchte nach Ärzten, die sich ehrenamtlich um die medizinischen Belange der Besucher kümmern. Speziell dafür wurde ein Behandlungszimmer im neuen Hauptquartier der Straßenengel am alten Nordbahnhof eingerichtet. Nachdem der EXTRA TIPP im Juli darüber berichtet hatte, reagierte Dr. Werner Haag aus Obertshausen auf den Artikel und bot umgehend seine Hilfe an. Ein Glücksfall für die Straßenengel. 

Denn der 74-Jährige kennt sich mit Menschen in Not aus. Er war nicht nur 30 Jahre Hausarzt, sondern die vergangenen zehn Jahre für die Hilfsorganisation German Doctors weltweit im Einsatz, um Menschenleben zu retten. Dabei hat er das Elend in Afrika und Asien gesehen. Etwa in den Slums auf den Philippinen mitten im Dschungel: „Dort habe ich massenhaft Tuberkulose- oder Malariafälle behandelt. Verbrennungen, Knochenbrüche, Krätze und Abszesse gehörten dort zur Tagesordnung“, sagt Haag. Doch mittlerweile hat er die Altersgrenze für die Auslandseinsätze erreicht. Und obwohl er längst seinen Ruhestand genießen könnte, nutzt er seine Kraft, seine Zeit und sein Fachwissen dazu, bei den Straßenengeln mit anzupacken. Dort will der Mediziner nun fortwährend eine Sprechstunde in der Straßenambulanz anbieten und die Beschwerden der Obdachlosen behandeln, die durch das soziale Raster gefallen sind und keine Krankenversicherung besitzen. 

Seit etwa acht Wochen ist er mit Kollegin Dr. Gabriele Riedel-Schneider aus Offenbach einmal die Woche im Einsatz. Hauterkrankungen, offene Wunden und Magengeschwüre landen seitdem auf dem Behandlungstisch des ehemaligen Dritte-Welt-Doktors. Mit den kommenden Wintermonaten werde die Zahl seiner Patienten zunehmen, befürchtet Haag. Das glaubt auch Sabine Assmann. Deshalb will sie bald das Haus der Straßenengel täglich anstelle von bislang drei Tage die Woche öffnen, damit Obdachlose eine warme Mahlzeit zu sich nehmen und die Schlafplätze nutzen können. Doch dafür fehlen noch einige ehrenamtliche Helfer: „Sonst wird es sehr schwer, unser Angebot für die kalten Monate zu erweitern.“

Die Armutsgefahr ist laut Statistischem Bundesamt in Hessen weitaus höher, als in anderen Bundesländern. Die Zahlen für das Risiko sind weiter gestiegen.

Sozialverband: So viel Arme in Deutschland wie noch nie

Konzerngewinne sprudeln, und es herrscht Rekordbeschäftigung - doch Millionen sind abgehängt. Foto: Jan-Philipp Strobel/Archiv
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Arm und reich: Ein Obdachloser kampiert in Düsseldorf neben einem Geschäft für Luxusuhren. Foto: Martin Gerten/Archiv
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Zahlreiche Menschen warten vor dem Eingang zur Kälte-Notübernachtung der Berliner Stadtmission. Foto: Paul Zinken/Archiv
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Graffitti an einem heruntergekommenen Haus in Sachsen-Anhalt: "Armut ist kein Schicksal - Wehr Dich - Jetzt" Foto: Jens Wolf/Archiv
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Ein relativ neues Phänomen in deutschen Städten: Pfandflaschen sammeln. Foto: Martin Schutt/Archiv
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Heiße Suppe gegen die winterliche Kälte: Ein Obdachloser in einer Wärmelufthalle. Foto: Paul Zinken/Archiv
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Auf der sogenannten Cuvry-Brache in Berlin lebten bis zur Räumung Arme und Flüchtlinge. Foto: Bernd von Jutrczenka
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