Steingärten: Städte sagen öden Kieswüsten den Kampf an

Zurück in die Steinzeit: Auch dieser Vorgarten ist ökologisch so gut wie tot. Foto: jo

Steingärten werden immer beliebter. Doch die öden Kies- und Schotterwüsten sind nicht nur schlecht für Insekten, sie schaden auch dem Klima. Einige Städte gehen jetzt gegen die toten Vorgärten vor. Von Kristina Bräutigam

Region Rhein-Main – Der Vorgarten des Hanauer Einfamilienhauses hat seinen Namen nicht verdient: Ein einzelner Bonsai steht verloren auf einer riesigen Schotterfläche, ein paar Meter weiter liegen quadratische Schieferplatten, neben der Einfahrt sorgt eine sogenannte Gabione für Ordnung; ein Metallgitter, gefüllt mit grauen Steinen. Ein Anblick, der auch in Rhein-Main keine Seltenheit ist. Immer mehr Gartenbesitzer verzichten auf Wiese, Bäume und blühende Beete und verwandeln ihre Grundstücke in monotone Steingärten, Gartenbaufirmen werben mit der modernen, pflegeleichten Alternative.

Naturschützer schlagen Alarm: „Im Gegensatz zu grünen Vorgärten bieten moderne Steingärten keinen Lebensraum für Pflanzen, Insekten und Vögel. Auch Bienen und kleine Amphibien finden hier fast keine Nahrung“, sagt Kathrin Kaltwaßer, Referentin für Umweltkommunikation beim Nabu Hessen. Auch für das Stadtklima werde die Zunahme an Kies- und Steingärten zum Problem, vor allem angesichts der immer heißeren Sommer. „Grüne Vorgärten liefern saubere, frische Luft. Kies- und Steinflächen heizen sich dagegen stärker auf, speichern Wärme und strahlen sie wieder ab. Es entstehen urbane Wärmeinseln“, sagt Kaltwaßer. Am Ende komme es auf die Menge der Steingärten an: „Je mehr es gibt, desto größer ist auch der negative Effekt.“

Nachdem der Trend sich auch in vielen Neubaugebieten fortgesetzt hat, regt sich jetzt Widerstand: Auch in Rhein-Main sagen immer mehr Städte den Schotterwüsten den Kampf an.

Die Städte Offenbach und Dietzenbach schreiben mittlerweile in den Bebauungsplänen fest, dass Neubaugebiete auch grüne Vorgärten haben müssen. „Die Verpflichtung kann unterschiedlich sein, beispielsweise Modepflanzen verbieten oder bestimmte Bäume vorschreiben“, sagt Bernd Weber von der Abteilung Stadtplanung der Stadt Dietzenbach. Bei privaten Gartenbesitzern sind die Einflussmöglichkeiten allerdings begrenzt. Hier versucht es Bernd Weber mit Überzeugungsarbeit. „Die meisten Menschen haben zum ersten Mal einen Garten und wissen nicht, welchen Schaden die Steingärten für das Klima und die Umwelt anrichten. Sie machen, was der Nachbar macht.“ Die Stadt plant deshalb eine Infobroschüre mit dem Titel „Grün in der Stadt“, Gartenbesitzer können sich von Bernd Weber kostenlos beraten lassen. Auch die Stadt Hanau geht gegen Steingärten vor. „In zukünftigen Bebauungsplänen schreiben wir fest, dass Kies- und Schotterflächen nicht zulässig sind, etwa auf dem Pioneer-Konversionsgelände, dem derzeit größten Baugebiet“, sagt Anja Zeller von der Stabsstelle Nachhaltige Strategien. Hält sich der Bauherr nicht daran, könne bei der Abnahme ein Rückbau gefordert werden. Außerdem plant die Stadt Hanau ein Entsiegelungs-Kataster, die Kampagne soll im Frühjahr 2020 starten. Um zu sehen, wo sich erhaltenswerte Grünflächen befinden, oder wo eine Begrünung wünschenswert ist, wird die Stadt von einem Hubschrauber überflogen. „Wir werden niemanden zum Rückbau zwingen, aber dazu anregen. In der Stadt wird jeder Zentimeter Grün gebraucht“, sagt Anja Zeller.

Einen besonderen Anreiz gibt es in der Stadt Frankfurt. Sie belohnt private Haus- und Grundstückseigentümer, Unternehmen sowie Wohnungsbaugesellschaften, die sich für Grün statt Grau entscheiden: Wer an dem Förderprogramm „Frankfurt frischt auf“ teilnimmt, etwa seine Fassade, das Dach oder den Hinterhof begrünt, dem erstattet die Stadt bis zu 50 Prozent der Kosten. Maximale Fördersumme pro Maßnahme: 50.000 Euro. „Seit dem Start des Förderprogramms 2018 wurden 30 Projekte umgesetzt. Auch die Zahl der Beratungen zeigt das Interesse“, sagt Martin Müller, Sprecher des Umweltamtes.

Bernd Weber von der Abteilung Stadtplanung der Stadt Dietzenbach hofft, dass er beim Spaziergang nicht mehr so häufig an gepflasterten Vorgärten vorbeigehen muss. „Heute gilt schon ein Baum an der Straße als Problem, weil er Dreck macht. Wir müssen endlich anfangen, die Natur in der Stadt wieder wertzuschätzen.“

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