Experten erklären den neuesten Trend zu telefonieren

Smartphone vor den Mund statt am Ohr: Das steckt dahinter

Um zu telefonieren, halten immer mehr Menschen das Smartphone vor den Mund und nicht ans Ohr.
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Um zu telefonieren, halten immer mehr Menschen das Smartphone vor den Mund und nicht ans Ohr.
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Region Rhein-Main - Immer öfter wird das Smartphone zum Telefonieren vor den Mund anstatt ans Ohr gehalten. Experten erklären den merkwürdigen Trend und wie es um die Zukunft des mündlichen Gespräches steht. Von Dirk Beutel

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Das Smartphone verändert uns, aber auch unser Umgang mit dem mobilen Alleskönner verändert sich. Am auffälligsten war das während der Selfie-Hochphase zu beobachten. Mittlerweile scheint sich ein weiterer Trend zu entwickeln: Statt das Smartphone zum Telefonieren ans Ohr zu halten, kommt es immer häufiger vor, dass vor allem junge Menschen das Gerät vor den Mund halten. Ähnlich wie ein Walkie Talkie. 

Trendforscher Eike Wenzel, Institut für Trend- und Zukunftsforschung, hat diese Veränderung ebenfalls bemerkt: „Mein Gefühl ist, dass man sich dadurch cool und wichtig fühlt. Dank der Technik ist es möglich, in dieser Haltung sehr gute Sprachnachrichten aufzunehmen und zu versenden.“ 

Wer heute mit den Mobiltelefonen aufwachse, für den sei es kaum vorstellbar, dass man sich vor gar nicht allzu langer Zeit zu einem Telefon hin bewegen, sich für ein Gespräch an einem Ort hinsetzen und in den Hörer sprechen musste. Wenzel: „Das haben Generationen von Menschen gemacht. Jetzt gehört das Telefonieren zum Teil des digitalen Kommunikations-Mixes und wird eher als lästig empfunden.“ Kein Wunder: Schließlich gibt es jede Menge anderer Möglichkeiten, in Echtzeit mit seinem Umfeld zu kommunizieren.

Telefonieren ist nur eine App von vielen: Auf der Beliebtheitsskala rangieren die Messenger-Dienste à la WhatsApp ganz oben. „Das Telefonieren mit dem Smartphone ist nervig geworden. Das Ohr wird warm, man muss das Display nach dem Gespräch putzen und wenn ich länger telefoniere, nutze ich ohnehin das Festnetz wegen der stabileren Verbindung“, sagt Wenzel. Eine weitere Veränderung: Am Telefon wird kaum noch getratscht. Der Telefonjunkie ist ausgestorben. Überhaupt telefoniere man privat immer weniger. Wenzel: „Man verabredet sich heute schriftlich über die Messenger, aber man telefoniert doch nicht mehr.“

Dabei hat das Telefonieren mit dem Smartphone vor dem Gesicht sogar Vorteile: Während des Gesprächs ist es möglich, auf Informationen und Daten zuzugreifen. Die Soziologin Angela Keppler hat festgestellt, dass sich mittlerweile eine Mischform der wechselseitigen Kommunikation etabliert habe: „Das Smartphone fördert sogar mit aktualisierten oder neuen Informationen eine Unterhaltung. Dadurch entstehen oder vertiefen sich Gespräche.“ Auf der anderen Seite sei jedoch durch die digitalen Medien ein Schutzraum entstanden: „Dadurch können wir bestimmen, ob, wie und wann wir auf Nachrichten reagieren“, sagt Wenzel. 

Experte: „Telefon stirbt nicht aus"

Laut Keppler stehen bei der Kommunikation mit körperlich nicht anwesenden und gleichzeitig anwesenden Personen weiterhin große Veränderungen bevor: „Telefonieren ist durch die Messenger-Dienste deutlich zurückgegangen. Da findet immer noch eine Verlagerung statt. Vor allem für wirklich wichtige Dinge wird auf das Telefon zurückgegriffen oder auf das persönliche Gespräch. Es stirbt nicht aus. Es erfährt aber einen anderen Stellenwert“, sagt Keppler.

Sogar das Smartphone selbst unterliege dieser Veränderung und könnte in absehbarer Zeit als Kommunikationsmittel abgelöst werden. Wenzel: „Schon heute werden VR-Brillen bei Chirurgen, Boten und Lagerarbeitern verwendet. Das sind Jobs, bei denen es wichtig ist, dass die Hände frei sind. Und das wird in der Zukunft auch beim Telefonieren für uns immer wichtiger.“

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