Patienten-Drama

Schwerkranke Mutter baut Cannabis an - wie heftig die Polizei darauf reagiert, ist unfassbar

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Magda Sebelka inhaliert Cannabis mit einer Wasserpfeife mit aufgesetztem Vaporisator – bis zu zehnmal am Tag.

Um ihre lebensgefährliche Epilepsie unter Kontrolle zu halten, inhaliert Magda Sebelka Cannabis auf Privatrezept. Weil sie die 3000 Euro Kosten pro Monat nicht zahlen kann, baut sie selbst an – die Polizei sieht das nicht gerne. 

Offenbach – Magda Sebelkas Blick wandert unruhig im Raum umher. Seit die Polizisten in schwarzer Kampfmontur morgens um sieben Uhr ihre Wohnungstür eingeschlagen haben, ist für die junge Frau nichts mehr, wie es war. „Die haben uns hier behandelt, als ob wir Terroristen wären. Dabei habe ich nur ein bisschen Gras angebaut, damit ich über die Runden komme“, sagt Sebelka. Über die Runden kommen meint die Frau wörtlich. Denn sieleidet gleich unter mehreren schweren Krankheiten: Starkes Asthma, Epilepsie und Erwachsenen-ADHS. Sie hat eine Odyssee von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik hinter sich. „Aber das Einzige, das wirksam hilft und keine Nebenwirkungen hat, ist Cannabis.“ Bis zu vier Gramm täglich muss sie zu sich nehmen, um die Krankheiten in Schach zu halten. Ihr Arzt Manfred van Treek bestätigt das: „Für Frau Sebelka ist die Einnahme von Cannabis lebenswichtig. Nur so hat sie ihre epileptischen Anfälle und ihr Asthma im Griff.“

Der Mediziner Manfred van Treek weiß: Für Magda Sebelka ist Cannabis lebenswichtig. 

Magda Sebelka veröffentlicht ihre Zucht auf Facebook

Van Treek ist es auch, der Sebelka Cannabis als Medikament verschreibt. Auf Privatrezept, denn viele Kassen weigern sich, die hohen Kosten zu übernehmen. 3000 Euro kommen bei Sebelka zusammen, wenn sie ihr Cannabis aus der Apotheke holt. „Das konnte ich mir nicht leisten, also habe ich für meinen eigenen Bedarf selbst angebaut“, sagt Sebelka. „Zumal quasi alle Schwerkranken bei einem möglichen Verfahren straffrei ausgehen. Dieses Risiko war ich bereit einzugehen.“ Und weil sie für die Legalisierung von Cannabis kämpfen will, veröffentlicht sie ihr Zuchtvorhaben sogar im Netz und erklärt auch ihre Erkrankung.

Staatsanwaltschaft und Polizei scheinen zu wissen, dass sie bei einer kranken Frau nur wenig Chancen haben. Stattdessen konzentrieren sich die Ordnungskräfte plötzlich auch auf ihren Lebensgefährten und den Vater ihres Kindes, Heiko Hartnagel. Auch wenn das Cannabis ganz offensichtlich für Sebelkas Therapie angebaut wurde, die Staatsanwaltschaft wirft Hartnagel nun laut seiner Aussage vor, für sich selbst angebaut zu haben. „Die haben mich sogar drei Wochen in Untersuchungshaft gesteckt“, sagt Hartnagel. Dann habe ein Richter den Fall geprüft und ihn sofort wieder entlassen, obwohl die zuständige Staatsanwältin dagegen gewesen sei.

Beamten verschaffen sich mit Gewalt Zutritt zu Wohnung

Dabei beteuert Hartnagel von Anfang an, dass die Pflanzen nur zum Eigenbedarf seiner schwerkranken Lebensgefährtin gedacht sind. Die Situation gipfelt in dem Wohnungssturm am 16. Mai. Die Beamten verschaffen sich mit Gewalt Zutritt zur Wohnung, weil die Staatsanwaltschaft eine Haarprobe von Hartnagel will. Der versteht die Welt nicht mehr. „Ich war doch drei Wochen im Gefängnis. Da hätten sie mir die doch entnehmen können. Stattdessen schlagen die frühmorgens unsere Wohnungstür ein und schocken meine kranke Frau und unser Kind.“

Trauriger Höhepunkt: Die Polizei schlägt ihre Tür mit einer Ramme ein.

So äußert sich der Oberstaatsanwalt 

Den Vorwurf, unverhältnismäßig zu handeln, weist Oberstaatsanwalt Robert Hartmann zurück. „Die Maßnahme erfolgte aufgrund einer richterlichen Anordnung. Die Art und Weise der Durchführung der Maßnahme obliegt grundsätzlich der beauftragen Polizeidienststelle, die insoweit für die Sicherheit der eingesetzten Beamten Sorge zu tragen und für die Einschätzung der Lage zuständig ist. Die Staatsanwaltschaft ist an der Durchführung unmittelbar nicht beteiligt. Allerdings kann in vorliegender Sache gesagt werden, dass es bei einer früheren Maßnahme zu einer Widerstandshandlung gekommen ist, bei der eine Beamtin verletzt wurde, was bei der Durchsuchung zu berücksichtigen war.“

Christian Reinartz

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