Sie glauben nicht an den Teufel, bringen keine Opfer und verwüsten keine Gräber

Sie haben die Klischees satt: So ticken moderne Satanisten

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Zwei Mitglieder der Bruderschaft des Samael haben dem EXTRA TIPP einen Einblick in ihre dunkle Welt gewährt.

Region Rhein-Main – Verwüstete Gräber, schwarze Messen, blutige Tieropfer – geht es nach Rhein-Mains Satanisten sind das alles Klischees aus längst vergangenen Tagen. Dem EXTRA TIPP hat die Bruderschaft des Samael einen Blick in die Welt der modernen Satanisten gewährt. Von Christian Reinartz

Unter der Woche dient Udo aus Frankfurt in Grün dem Vaterland. Am Wochenende in Schwarz dem Teufel. Er ist Mitglied der Brotherhood of Samael, einem deutschlandweiten Satanistenzirkel. Und in diesem gibt es auch Frauen. Etwa Daniela. Sie lebt ebenfalls in Frankfurt und ist bekennende Satanistin. Ihren Nachnamen wollen die beiden nicht in der Zeitung lesen. „Das ist zu gefährlich“, meint Udo. „Das gibt berufliche Probleme. Außerdem haben wir viele Feinde.“ Dazu gehörten vor allem drei Fraktionen. „Hardcore-Christen, Moslems und Hexen“, sagt Daniela. Sie trägt einen dicken, dunklen Pelzmantel, hat lange, schwarzgefärbte Haare und meint das todernst. „Von diesen drei Gruppen werden wir immer wieder ernsthaft bedroht. “ Einmal sei sie von einer Hexe mit einem Todesfluch belegt worden, verrät Daniela. „Ich sollte innerhalb eines Jahres sterben.“

„Man ist sein eigener Gott“

Das gehört dazu: Satanisten spielen gerne mit der düsteren Romantik.

Das war vor drei Jahren. „Wir glauben nicht an einen solchen Hokuspokus“, sagt Udo verschmitzt. In der Öffentlichkeit haben Satanisten einen ganz anderen Ruf: Schwarze Messen, Grabschändungen und sogar Blutopfer schreibt man den Teufelsanbetern ohne den geringsten Zweifel zu. „Aber genau das ist der größte Mist überhaupt.Wir haben noch nie irgendein Lebewesen geopfert und werden das auch nie tun“, stellt Udo klar. „Und Friedhöfe schänden wir auch nicht. Das geht komplett gegen unsere Regeln.“ Die sind unter anderem in der satanischen Bibel zu finden. Udo schlägt den schwarzen Stoffeinband mit dem weißen Pentagramm würdevoll auf, streicht bedächtig über die Seiten, wie ein Priester über die Bibel. Das Buch gilt als Standardwerk und soll von Anton Szandor LaVey in der Walpurgisnacht 1968 geschrieben worden sein – Anleitungen zu den üblichen Teufelsanbeter-Tätigkeiten sucht man hier vergebens, sagt Udo. Die, die sowas trotzdem täten, seien vielleicht verirrte Jugendliche, die irgendwelche Klischees bedienen wollten. „Mit dem echten Satanismus, wie wir ihn leben, hat das aber nichts zu tun. Wir glauben ja nicht mal daran, dass Satan oder Gott wirklich existieren. Warum sollten wir dann überhaupt etwas opfern?“

Aber wie kann jemand überhaupt Satanist sein ohne an den Leibhaftigen zu glauben? „Das ist eine Lebensauffassung, in der man sich selbst das Wichtigste ist und über allem anderen steht“, sagt Udo. „Man ist quasi sein eigener Gott.“

So ganz ohne Klischees geht´s doch nicht

Im Alltag heißt das für Udo: Genuss ohne Einschränkungen. „Ich fröne dem Laster. Ich esse die köstlichsten Lebensmittel, trinke edle Spirituosen und gehe mindestens einmal pro Woche ins Bordell. Kurz: Ich lebe so, wie alle anderen Religionen es einem verbieten.“ Gefühle wie Mitleid oder Nächstenliebe lässt er nur dann zu, wenn sie ihm auch unmittelbar nutzen. „Ich setze meinen Mitmenschen gegenüber gnadenlos meine Linie durch, auch, wenn die dadurch zu kurz kommen.“ Seine Kameraden beim Bund nennen ihn deshalb auch manchmal „kaltblütig“. Was wirklich dahinter steckt, ahnt niemand.

Doch auch, wenn Udo und Daniela den Satanismus als alternatives Lebenskonzept verkaufen wollen und die Klischees am liebsten weit von sich weisen: So ganz frei können sich die beiden davon nicht machen. Beide tragen komplett Schwarz. Beide haben in ihrer Wohnung einen Teufelsaltar aufgebaut. Beide vollziehen regelmäßig Rituale. Unter anderem legt Udo einer maskierten Frau eine satanische Schrift und einen Dolch auf den nackten Körper. „Diese Frau ist dann mein Altar“, erklärt er. „Das ist sozusagen ein Spiel mit der düsteren Romantik. Das gehört eben dazu.“ Er lacht dabei etwas in sich hinein. „Auch der Satanismus braucht Rituale. Zum Verinnerlichen und auch zum Luftablassen. Und unsere sind eben diese. Aber wir sind uns bewusst, dass diese keine Auswirkungen auf die Welt da draußen haben.“

Nach diesen Regeln lebt die Bruderschaft

1. Satan bedeutet Sinnesfreude statt Abstinenz.

2. Satan bedeutet Lebenskraft statt Hirngespinste.

3. Satan bedeutet unverfälschte Weisheit statt heuchlerischem Selbstbetrug.

4. Satan bedeutet Güte gegenüber denen, die sie verdienen, statt Liebe an Undankbare.

5. Satan bedeutet Rache statt Hinhalten der anderen Wange.

6. Satan bedeutet Verantwortung für die Verantwortungsbewussten statt Fürsorge für psychische Vampire.

7. Satan bedeutet, dass der Mensch lediglich ein Tier unter anderen Tieren ist, manchmal besser, häufig jedoch schlechter als die Vierbeiner, da er auf Grund seiner göttlichen, geistigen und intellektuellen Entwicklung zum bösartigsten aller Tiere geworden ist.

8. Satan bedeutet alle sogenannten Sünden, sie alle führen zu physischer, geistiger und emotionaler Erfüllung.

9. Satan ist der beste Freund, den die Kirche jemals gehabt hat, denn er hat sie die ganzen Jahre am Leben erhalten. (aus der satanischen Bibel)

Wie gefährlich ist der moderne Satanismus?

Oliver Koch, ist Sekten-Beauftragter der Evangelischen Kirche und sieht im modernen Satanismus keine unmittelbare Gefahr. „Klar ist es bedenklich, das Böse zu verherrlichen“, sagt er. „Aber in meiner Praxis spielt das kaum eine Rolle.“ Als anfällig sieht er Menschen in psychischen Ausnahmezuständen an. Diese suchten nach Erklärungen für negative Erlebnisse und steigerten sich hinein. „So etwas kann im schlimmsten Fall zu Psychosen mit Dämonenerscheinungen führen“, warnt Koch. Grabschändungen schreibt er eher jugendlichen Hobbyokkultisten zu.

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